So mensch­lich sind die Ma­schi­nen nicht

Com­pu­ter-Ex­per­te Chris Boos räumt beim Me­di­en­gip­fel mit My­then zur Künst­li­chen In­tel­li­genz auf

Märkische Allgemeine - - WISSENSCHAFT - Von Rü­di­ger Braun

Wenn Chris Boos et­was Ner­di­ges an sich hat, dann sind es sei­ne wei­ßen lo­cki­gen Haa­re. Sonst mag man dem Grün­der und Ge­schäfts­füh­rer der in Frank­furt am Main an­säs­si­gen Fir­ma Ara­go nicht so recht glau­ben, dass er qua­si sein gan­zes Ju­gend­le­ben mit dem Com­pu­ter im Kel­ler ver­bracht hat. Wer so klug über Po­li­tik, Ge­sell­schaft und Kul­tur re­det, mü­he­los auf die Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen von Hän­dels Mes­si­as ver­weist und zugleich die Fra­gen der Mo­de­ra­to­rin Bet­ti­na Rust so char­mant pa­riert, des­sen Ho­ri­zont ist brei­ter als die 17 Zoll sei­nes Lap­tops.

Über das neue Ver­hält­nis von „Mensch und Ma­schi­ne“im Zeit­al­ter durch­grei­fen­der Di­gi­ta­li­sie­rung soll­te der Pio­nier deut­scher For­schung über Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) am Don­ners­tag im Ni­ko­lai­saal bei 43. Me­di­en­gip­fel Re­de und Ant­wort ste­hen. Der 1972 in Kon­stanz ge­bo­re­ne Boos mach­te schon zu Be­ginn der Un­ter­re­dung klar, dass das, was sich der Nor­mal­sterb­li­che un­ter KI vor­stellt und schreck­li­che Ängs­te evo­ziert, im We­sent­li­chen Mar­ke­ting ge­schul­det sei. Tat­säch­lich sei der Be­griff KI schon im Jah­re 1954 von der George­town Uni­ver­si­tät bei der Ent­wick­lung ei­nes au­to­ma­ti­schen Über­set­zungs­sys­tems ge­prägt wor­den. Die For­scher hät­ten das ver­meint­lich ein­fa­che Prin­zip ei­ner au­to­ma­ti­schen Über­set­zung auch nach 60 Jah­ren noch nicht ab­ge­schlos­sen. In­so­fern han­de­le es sich da­bei „um ein ganz klas­si­sches ITPro­jekt“.

Boos ei­ge­ne De­fi­ni­ti­on von Künst­li­cher In­tel­li­genz lau­tet: „Es heißt nur KI so­lan­ge es nicht funk­tio­niert.“So­bald es funk­tio­nie­re, nen- ne man es zum Bei­spiel „Au­to­fo­kus“oder „Mail­box“. Funk­tio­nen, die kein un­gläu­bi­ges Stau­nen her­vor­ru­fen. Doch das meis­te, wes­we­gen sich die Men­schen vor KI fürch­te­ten, sei ein­fach nur Pro­jek­ti­on. „Ma­schi­nen ver­ste­hen gar nichts“, sagt Boos. Und: „KI und Ge­hir­ne ha­ben nichts mit­ein­an­der zu tun.“Wäh­rend ein Ge­hirn durch­schnitt­lich auf 84 Mil­li­ar­den neu­ro­na­le Kno­ten kom­me, kom­me die bes­te KI auf viel­leicht ei­ne Mil­li­ar­de Kno­ten. Und über ei­ne ei­ge­ne Che­mie wie das Ge­hirn ver­fü­ge der Rech­ner schon gar nicht. Gera­de Letz­te­re Chris Boos, Un­ter­neh­mer und Ex­per­te für künst­li­che In­tel­li­genz ma­che die un­end­li­chen Va­ria­tio­nen im Den­ken und Er­le­ben aus. Das Be­wusst­sein selbst kön­ne nie­mand er­klä­ren.

Ja, aber das so­ge­nann­te tie­fe Ler­nen, kon­tert Mo­de­ra­to­rin Rust. Das ha­be im­mer­hin da­zu ge­führt, dass so­gar ein Meis­ter im Spiel Go von ei­ner Ma­schi­ne ge­schla­gen wor­den sei. Und die­ses Spiel er­for­de­re viel In­tui­ti­on, die Boos den Ma­schi­nen ab­spricht. Boos stimmt zu: „Die Ma­schi­ne hat ei­nen Zug ge­macht, die der Mensch nie ge­macht hät­te.“Das lie­ge aber nur dar­an, dass Ma­schi­nen Mus­ter er­ken­nen kön­nen. „Die Ma­schi­ne hat ge­lernt, auf be­stimm­te Mus­ter zu re­agie­ren und hat neue Mus­ter ge­lernt, die der Mensch nicht kennt. Das ist nicht ma­gisch aber cool.“Auf ei­ne völ­lig neue Idee kom­me aber auch ein Com­pu­ter mit Deep Le­arning nicht. Man kön­ne ei­nen Com­pu­ter zwar so pro­gram­mie­ren, dass er Bil­der im Sti­le Rem­brandts ma­le, aber an­ders als ein mensch­li­cher Künst­ler kä­me er nie auf die Idee: „Hey, ich ma­le jetzt nur noch blaue Rem­brandt­bil­der.“

Was aber ist mit der Ar­beit, will Rust wis­sen. Bei ih­rem letz­ten Zahn­arzt­be­such ha­be der Arzt ihr Ge­biss nur noch ab­ge­filmt. Zwan­zig Mi­nu­ten spä­ter kam – wahr­schein­lich aus dem 3-D-Dru­cker – das per­fek­te In­lay. Was wird aus den ver­mut­lich 49 000 Zahn­tech­ni­ker, die jetzt noch sol­che Ar­bei­ten ma­chen? „Welche Jobs es in zehn Jah­ren gibt, weiß ich nicht“, ant­wor­tet Boos. Aber wirk­lich ar­beits­los wä­ren wir nur, wenn es nichts mehr zu tun gä­be. Das wür­de nie ge­sche­hen. Zum Bei­spiel wä­ren si­cher 49 000 Men­schen nö­tig, um mal aus­gie­big mit Rech­ten zu dis­ku­tie­ren.

Mit­ein­an­der re­den und uni­ver­sel­le Bil­dung sieht Boos so­wie­so als die gro­ßen Zu­kunfts­auf­ga­ben. Auch des­halb sei er in den Di­gi­tal­rat der Bun­des­re­gie­rung ein­ge­tre­ten. Dort kön­ne man über­par­tei­lich noch et­was be­we­gen. Das Re­den sei auch des­halb so wich­tig, weil man nur so den Wert an­de­rer und ih­rer Ar­beit er­ken­nen wür­de. „Man muss Re­spekt ha­ben vor den Fä­hig­kei­ten an­de­rer“, sagt Boos. „Ich den­ke, dass je­der Mensch et­was kann.“Au­ßer­dem brau­chen wir mehr Zeit. Zeit sei die ein­zi­ge Res­sour­ce, die man nicht wie­der­be­kom­me. Mehr Zeit ver­schaf­fe uns die Au­to­ma­ti­sie­rung. „Was kann man tun, da­mit Men­schen mehr Re­spekt vor der Zeit und vor der Ar­beit an­de­rer ha­ben? Das ist der ein­zi­ge Grund, wes­we­gen wir KI brau­chen.“

Es heißt nur KI so­lan­ge es nicht funk­tio­niert.

FO­TO: AN­DRÉ WUN­STORF

Der Ex­per­te für Künst­li­che In­tel­li­genz, Chris Boos, auf dem 43. Me­di­en­gip­fel im Pots­da­mer Ni­ko­lai­saal.

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