Ein knall­bun­ter Rausch

„Vi­vid“, die neue Show im Ber­li­ner Fried­rich­stadt-Pa­last, fei­ert die Ur­kraft des Le­bens

Märkische Allgemeine - - KULTUR - Von Ka­rim Sa­ab

Ber­lin. Die oh­ne­hin größ­te Büh­ne der Welt ist noch grö­ßer ge­wor­den. Die zwölf Mil­lio­nen Eu­ro teu­re Show „Vi­vid“be­zieht im gro­ßen Saal des Fried­rich­stadt-Pa­las­tes die bei­den Sei­ten­wän­de als Pro­jek­ti­ons­und Spiel­flä­chen ein. Über zwei St­un­den pas­siert ein Wun­der, denn die 1900 Be­su­cher füh­len sich in dem opu­len­ten Pan­ora­ma nie über­for­dert, son­dern in je­der Sze­ne gut auf­ge­ho­ben. Und das, ob­wohl das Spek­ta­kel aus Tanz, Akro­ba­tik und Live­mu­sik, aus Ge­sang, Wort und Büh­nen­bild, aus Vi­de­os und Ko­s­tü­mie­rung so vie­le Su­per­la­ti­ve lie­fert, dass so­gar das Mar­ken­zei­chen des Fried­rich­stadt-Pa­las­tes, die Girl­rei­he, nur ein Hö­he­punkt von vie­len ist.

Vor der Pau­se kommt es zum Ein­marsch der 32 Tän­ze­rin­nen mit gro­ßen Licht­krän­zen um den Kopf in schwarz glän­zen­den La­tex-An­zü­gen. Die hei­li­gen Krie­ge­rin­nen ei­ner an­dro­iden Ar­mee strö­men über die bei­den seit­li­chen Ba­lus­tra­den nach un­ten ins Zen­trum, wo sie dann ih­re 64 lan­gen Bei­ne fein ab­ge­stimmt in die Luft wer­fen. Sie re­prä­sen­tie­ren ei­gent­lich ei­ne bi­nä­re Welt, in der ab­so­lu­te Gleich­schal­tung herrscht. Aber ih­re Hei­li­gen­schei­ne sen­den ein To­le­ranz-Si­gnal aus, wenn sie in den Re­gen­bo­genFar­ben er­strah­len.

Erst­mals hat bei ei­ner gro­ßen Re­vue im Fried­rich­stadt-Pa­last ei­ne Frau Re­gie ge­führt. Die Ka­na­die­rin Kri­sa Mon­son setzt tat­säch­lich we­ni­ger die weib­li­chen Rei­ze in Sze­ne, männ­li­che Ero­tik wird von ihr stär- ker ak­zen­tu­iert. Mus­ku­lö­se Akro­ba­ten dür­fen auf zwei raum­grei­fen­den Stahl­ar­men die wag­hal­sigs­ten Luft­sprün­ge voll­füh­ren. Sechs Män­ner­paa­re in apar­ten Ho­sen­rö­cken mit frei­em Ober­kör­per ge­ben sich kraft­vol­len Paar­tän­zen hin. Die Mäd­chen sind ent­we­der un­schul­di­ge El­fen­kin­der in Stief­müt­ter­chenRö­cken. Oder sa­gen­haf­te Luft­we­sen mit spitz zu­lau­fen­den, fuß­lo­sen Bei­nen. In ei­ner Num­mer dür­fen Bi­ki­ni­frau­en dann doch ein­mal Weib­lich­keit ze­le­brie­ren und ih­re an­mu­ti­gen ro­ten, blon­den oder blau­en Haa­re vom Schein­wer­fer­licht durch­flu­ten las­sen.

In al­len Num­mer fällt auf, wie ge­ni­al die De­si­gner-Ge­wer­ke mit­ein­an­der ver­schmel­zen. Der re­flek­tie­ren­de Chrom ei­ner fahr­ba­ren Brü­cke, die Licht­blit­ze und kon­tu­rie­ren­den Neon­kan­ten, die Vi­deo­pro­jek­tio­nen und Ku­lis­sen­ele­men­te, die plötz­lich wie aus dem Nichts auf die Büh­ne wach­sen – die ma­te­ri­el­len und im­ma­te­ri­el­len Ar­chi­tek­tu­ren sind kaum noch von­ein­an­der zu un­ter­schei­den. Ei­ne ge­schick­te Dra­ma­tur­gie sorgt da­für, dass auf ei­nen knall­bun­ten Rausch mo­no­chro­me oder gar Schwarz­weiß-Wel­ten fol­gen, dass sich Span­nung und Ent­span­nung, Fül­le und Fo­kus­sie­rung die Waa­ge hal­ten.

Es ist nicht zwin­gend, aber durch­aus mög­lich, aus der Re­vue ei­ne Ge­schich­te her­aus­zu­le­sen. „Vi­vid“lässt sich mit „leb­haft“über­set­zen und ID, die letz­ten Buch­sta­ben, gel­ten als Kür­zel für Iden­ti­ty. Das Mäd­chen R‘eye wird ge­gen den Pro­test ih­res Va­ters aus dem Par­kett auf die Büh­ne ent­führt, wo sie mit stau­nen­den Au­gen als stum­me Fi­gur die Welt der An­dro­iden er­lebt, aus der sie sich spä­ter löst. Ge­reift trifft sie ih­ren Va­ter wie­der und die­ser Mo­ment, wenn sie laut „Pa­pa!“ruft“, ist scho­ckie­rend ba­nal. Die Mär­chen­wel­ten des 21. Jahr­hun­derts zer­plat­zen wie Sei­fen­bla­sen und R’eye, dar­ge­stellt von De­viA­n­an­da Dahm, ent­puppt sich plötz­lich als In­ter­pre­tin an­spruchs­vol­ler deut­scher Schla­ger­mu­sik und singt ein Lied mit ei­nem Satz wie „Das bin ich mit al­len Far­ben, die ich hab’“.

Die mu­si­ka­li­sche Far­be bis da­hin be­stimmt das in­ter­na­tio­na­le Pop­busi­ness, von schwar­zer Mu­sik bis hin zu Tech­no. Ei­ne 17-köp­fi­ge Live­band, die in ei­ni­gen Sze­nen auch zu se­hen ist, in­to­niert ei­gens für „Vi­vid“kom­po­nier­te Lie­der, von de­nen ei­nes – „Ex­tra­va­gan­za“– so­gar hit­ver­däch­tig ist. Die bei­den Sän­ger Gla­ceia Hen­der­son und Andre­as Bie­ber ma­chen ih­re Sa­che gut.

Wer dem Fried­rich­stadt-Pa­last heu­te noch al­ten DDR-Charme be­schei­ni­gen möch­te, liegt falsch. Dar­an er­in­nern höchs­tens noch Pre­mie­ren­gäs­te wie En­ter­tai­ner Wolf­gang Lip­pert oder die Schla­ger­sän­ge­rin In­ka Bau­se. „Vi­vid“wür­de auch in Lon­don, Pa­ris oder New York als gro­ße At­trak­ti­on ge­han­delt.

Un­ter­neh­men wie der Cir­que de So­leil ha­ben es vor­ge­macht, dass sich Ar­tis­tik in pa­cken­de Büh­nen­er­zäh­lun­gen ein­bau­en lässt. Ei­ni­ge Bil­der und Sze­nen wird der Be­su­cher von „Vi­vid“so schnell nicht ver­ges­sen. Wenn et­wa frosch­ar­ti­ge We­sen in fünf Me­ter ho­hen Blü­tens­ten­geln über der Büh­ne schwin­gen oder der ukrai­ni­sche Tur­ner Ar­tem Lyu­ba­ne­vych ei­nen schräg ste­hen­den Blü­tens­tem­pel wie ei­ne Reck­stan­ge nutzt.

Durch die vie­len Zu­ta­ten wird die Üp­pig­keit der Na­tur eben­so ein­drucks­voll ima­gi­niert wie die ei­si­ge Per­fek­ti­on ei­ner na­tur­fer­nen fu­tu­ris­ti­schen Ge­gen­welt. Die Sum­me der De­tails ist atem­be­rau­bend, sei es nur ein gran­dio­ses Schmet­ter­lings­kos­tüm oder der Kopf­schmuck der An­dro­iden-Kö­ni­gin, der wie durch­sich­ti­ge wei­ße Ke­ra­mik wirkt. Des­halb aber nur den Hut­ma­cher des eng­li­schen Kö­nigs­hau­ses, Phi­lip Tre­acy, her­aus­zu­stel­len, ist ge­gen­über den an­de­ren tüch­ti­gen De­si­gnern un­ge­recht.

FO­TOS: BÄNSCH/DPA

Die stum­me Fi­gur R’eye (De­vi-An­an­da Dahm) ent­puppt sich am En­de als Sän­ge­rin.

Tän­ze­rin­nen als An­dro­iden in glän­zen­den La­tex-An­zü­gen und gro­ßen Licht­krän­zen er­schei­nen auf der Büh­ne.

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