St­ein­mei­er: Hass ge­hört nicht hier­her

Märkische Allgemeine - - ERSTE SEITE - Von Ste­ven Gey­er

Ber­lin. Bun­des­prä­si­dent Fran­kWal­ter St­ein­mei­er hat da­für ge­wor­ben, der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on von 1918 end­lich den Platz zu ge­ben, der dem Er­eig­nis ge­bührt. Der 9. No­vem­ber 1918, als Phil­ipp Schei­de­mann vom Ber­li­ner Reichs­tags­ge­bäu­de aus die Re­pu­blik aus­rief, sei lei­der im­mer noch „ein Stief­kind un­se­rer De­mo­kra­tie­ge­schich­te.“Au­ßer­dem mahn­te er ges­tern: „Wer heu­te Men­schen­rech­te und De­mo­kra­tie ver­ächt­lich macht, wer al­ten na­tio­na­lis­ti­schen Hass wie­der an­facht, der hat ge­wiss kein his­to­ri­sches Recht auf Schwar­zRot-Gold.“

Es war kei­ne ge­fäl­li­ge Re­de, die der Bun­des­prä­si­dent an die­sem Ge­denk­tag hielt. Zwar ka­men die ge­wohn­ten Ein­sich­ten vor, dass der 9. No­vem­ber ge­misch­te Ge­füh­le aus­lö­se, von der Scham über die Po­grom­nacht bis zur Freu­de über den Mau­er­fall. Doch dann ging Frank-Wal­ter St­ein­mei­er ein Wag­nis ein: Er stell­te die bei­den Strän­ge der deut­schen Ge­schich­te nicht als Licht und Schat­ten ge­gen­über. Er ver­band sie. In Deutsch­land ha­be es ein lan­ges Rin­gen zwi­schen de­mo­kra­ti­schen und an­ti­de­mo­kra­ti­schen Kräf­ten ge­ge­ben – und weil am En­de die De­mo­kra­ten sieg­ten, kann ne­ben die Scham zugleich der Stolz aufs Wei­ma­rer Er­be tre­ten.

Ein Wag­nis war das des­halb, weil das Staats­ober­haupt da­mit an ei­nem so zen­tra­len Da­tum ris­kier­te, miss­ver­stan­den zu wer­den. Tat­säch­lich hieß es am Frei­tag be­reits in ei­ni­gen Schlag­zei­len sinn­ge­mäß: Bun­des­prä­si­dent ruft zu mehr Na­tio­nal­stolz auf.

Der Bun­des­prä­si­dent will die Ent­täusch­ten zu­rück­ge­win­nen – doch nun ap­plau­diert ihm auch die AfD.

Ist das an­ge­mes­sen in Zei­ten, da die Na­tio­na­lis­ten welt­weit die Ge­sell­schaf­ten po­la­ri­sie­ren – und da­bei auch zu an­ti­se­mi­ti­scher Ge­walt an­sta­cheln? Nein, lässt sich ent­ge­gen­hal­ten, der Bun­des­prä­si­dent wür­dig­te doch aus­drück­lich je­ne deut­schen Tra­di­ti­ons­li­ni­en, die schon im­mer für De­mo­kra­tie, Frei­heit und Ge­rech­tig­keit wa­ren. Er sprach sich klar ge­gen ei­nen Schluss­strich un­ter deut­sche Schuld aus: Welt­krie­ge und Ho­lo­caust sei­en „un­ver­rück­ba­rer Teil un­se­rer Iden­ti­tät“.

Was ein Bun­des­prä­si­dent ei­nem sol­chen Satz bis­lang nie nach­schob, ist ein „Aber“. St­ein­mei­er tat das. „Aber“, sag­te er. „Die Bun­des­re­pu­blik er­klärt sich auch nicht al­lein … aus dem ‚Nie wie­der!‘.“Son­dern eben auch aus der lan­gen de­mo­kra­ti­schen Tra­di­ti­on, die am En­de zum Glück ob­siegt ha­be. Das ist ei­ne ge­wag­te Aus­sa­ge. Zum ei­nen, weil man fra­gen darf, ob der Bun­des­prä­si­dent aus­ge­rech­net am 9. No­vem­ber die­ses „Aber“aus­spre­chen soll­te. Vor al­lem aber, weil das Rin­gen um die De­mo­kra­tie vi­el­leicht noch gar nicht ge­won­nen ist.

St­ein­mei­er be­klagt ein „wach­sen­des Un­be­ha­gen an der Par­tei­en­de­mo­kra­tie“. Den drin­gend not­wen­di­gen Er­klä­rungs­ver­such lässt er aber aus. Statt­des­sen will er die Sym­bo­le, de­nen sich die Ent­täusch­ten nun wie­der zu­wen­den, nicht den Rechts­po­pu­lis­ten über­las­sen: Pa­trio­tis­mus, Schwarz-Ro­tGold, Hei­mat. Er will die Ent­täusch­ten zu­rück­ge­win­nen – doch nun ap­plau­diert ihm auch die AfD, weil sie sei­ne Bot­schaft auf ih­re Art über­setzt: Als Deut­scher kann man trotz des Ho­lo­causts auf vie­les stolz sein. St­ein­mei­er müss­te sich stär­ker be­mü­hen, die Grün­de für die heu­ti­ge Ent­täu­schung vie­ler Men­schen mit Blick auf De­mo­kra­tie und Mul­ti­la­te­ra­lis­mus aus­zu­leuch­ten. An die­ser Stel­le hat der Bun­des­prä­si­dent, al­lem gu­ten Wil­len zum Trotz, zu we­nig ge­lie­fert.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.