Fürs Le­ben ler­nen

Märkische Allgemeine - - BLICKPUNKT - Von Wla­di­mir Ka­mi­ner

Der größ­te Spaß des Men­schen ist es, et­was Neu­es fürs Le­ben zu ler­nen. Und wie lernt man am bes­ten Neu­es? In­dem man ver­sucht, es ei­nem an­de­ren bei­zu­brin­gen. Mein Nach­bar Frank möch­te zum Bei­spiel sei­nem Hund Fi­del Stöck­chen­ho­len bei­brin­gen. Der Hund ist alt, er stol­pert über die ei­ge­nen Bei­ne und ver­steht den Sinn der Übung nicht. Frank selbst hat aber in­zwi­schen das Stöck­chen­ho­len per­fekt drauf, noch be­vor das Stöck­chen auf der Er­de lan­det, rennt Frank los und packt den Stock qua­si im Flug. Fi­del und ich stau­nen je­des Mal, wenn wir Frank beim Stöck­chen­ho­len zu­schau­en. Die­se Art Bil­dung hat aber ei­nen Ne­ben­ef­fekt: Je flot­ter Frank springt, um­so un­be­weg­li­cher wird der Hund.

Ähn­lich an der Uni: Je mehr die Pro­fes­so­ren er­zäh­len, des­to we­ni­ger ver­ste­hen die Stu­den­ten. Mei­ne Toch­ter stu­diert eu­ro­päi­sche Eth­no­lo­gie, mein Sohn Gar­ten­bau. Sie ha­ben in der Kan­ti­ne vie­le Gleich­alt­ri­ge aus an­de­ren Stu­di­en­fä­chern ken­nen­ge­lernt, aus his­to­ri­scher Lin­gu­is­tik, Fran­zö­sisch, nach­hal­ti­ger Er­näh­rungs­wis­sen­schaft. Al­le be­schwe­ren sich, das Stu­di­um sei zu theo­re­tisch. Beim Gar­ten­bau ist man nie im Gar­ten, Fran­zö­sisch wird auf Deutsch er­klärt, und bei der nach­hal­ti­gen Er­näh­rungs­wis­sen­schaft gibt es nichts zu es­sen. Auch Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­ler müs­sen in die Men­sa und dort ih­ren Reis mit Erb­sen es­sen, ge­kocht von ei­ner Frau, die nicht stu­diert hat, aber die nach­hal­ti­ge Er­näh­rungs­wis­sen­schaft per­fekt be­herrscht. Sie weiß, dass die Stu­die­ren­den den Reis auf­es­sen, die Erb­sen aber lie­gen las­sen. Dar­um pü­riert sie an­schlie­ßend die Erb­sen, und am nächs­ten Tag ste­hen Ge­mü­se­bu­let­ten auf der Spei­se­kar­te.

Wla­di­mir Ka­mi­ner ist Schrift­stel­ler und lebt in Ber­lin.

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