Sor­gen lan­ge vor dem Auf­stieg der Na­zis

Ein ge­ra­de auf­ge­tauch­ter Brief Al­bert Ein­steins zeugt von sei­nem po­li­ti­schen Weit­blick

Märkische Allgemeine - - WISSENSCHAFT - Von Aron Hel­ler

Mehr als ein Jahr­zehnt vor der Macht­über­nah­me der Na­zis hat sich Al­bert Ein­stein in ei­nem neu auf­ge­tauch­ten Brief be­reits sor­gen­voll über die Zu­kunft Deutsch­lands ge­äu­ßert. „Hier sind wirt­schaft­lich und po­li­tisch düs­te­re Zei­ten im An­zu­ge, so dass ich froh bin, ein hal­bes Jahr mich ab­sen­tie­ren zu kön­nen“, schrieb der be­rühm­te Phy­si­ker im Au­gust 1922 an sei­ne jün­ge­re Schwes­ter Ma­ja.

Sein lang­jäh­ri­ger Freund, der eben­falls jü­di­sche Au­ßen­mi­nis­ter Walt­her Ra­then­au, war un­längst von Rechts­ex­tre­mis­ten er­mor­det wor­den und die Po­li­zei hat­te Ein­stein ge­warnt, dass sein Le­ben eben­falls in Ge­fahr sein könn­te. Da­her floh er aus Ber­lin und ver­steck­te sich in Nord­deutsch­land. Wäh­rend die­ser Aus­zeit ver­fass­te er den hand­schrift­li­chen Brief, der nächs­te Wo­che in Je­ru­sa­lem ver­stei­gert wird. Der Brief war bis­lang im Be­sitz ei­nes an­ony­men Samm­lers. 12 000 Dol­lar (10 500 Eu­ro) sind das Min­dest­ge­bot.

„Hier draus­sen weiss nie­mand wo ich bin, und ich gel­te als ver­reist“, schrieb Ein­stein. Der Brief zeigt, dass er schon mehr als ein Jahr vor dem ers­ten Putsch­ver­such der Na­zis be­sorgt um die Zu­kunft Deutsch­lands war. Adolf Hit­ler woll­te 1923 mit dem Bür­ger­bräu­putsch in Bay­ern die Macht er­grei­fen. „Die­ser Brief zeigt uns die Ge­dan­ken, die wäh­rend ei­ner sehr frü­hen Pha­se des Na­zi-Ter­rors durch Ein­steins Kopf und Herz gin­gen“, sag­te Me­ron Eden, Mit­ei­gen­tü­mer des Je­ru­sa­le­mer Auk­ti­ons­hau­ses Ke­dem, das den Brief er­hielt. „Die Be­zie­hung zwi­schen Al­bert und Ma­ja war be­son­ders und eng“, so Eden.

Der Brief ent­hält kei­ne Ab­sen­de­r­adres­se. Es wird ver­mu­tet, dass Ein­stein ihn schrieb, als er in Kiel war, be­vor er nach Asi­en zu ei­ner län­ge­ren Vor­trags­rei­se auf­brach. „Mir ist es recht wohl, trotz al­len An­ti­se­mi­ten un­ter den deut­schen Kol­le­gen. Ich zie­he mich hier zu­rück, oh­ne Krach und oh­ne un­an­ge­neh­me Ge­füh­le und ver­die­ne mein Geld in der Haupt­sa­che un­ab­hän­gig vom Staa­te, so dass ich wirk­lich ein frei­er Mann bin“, schrieb er. „Du siehst, ich bin im Be­grif­fe, ei­ne Art Wan­der­pre­di­ger zu wer­den. Dies ist ers­tens an­ge­nehm und zwei­tens – not­wen­dig“.

„Mach dir kei­ne Sor­gen um mich, ich ha­be selbst auch kei­ne Angst, wenn es auch nicht ganz ko­scher ist; die Men­schen sind eben aus dem Häus­chen“, schrieb Ein­stein wei­ter, und an­ge­sichts des Auf­stiegs der Fa­schis­ten in Rom: „In Ita­li­en scheint es üb­ri­gens min­des­tens eben­so arg zu sein.“Im wei­te­ren Ver­lauf des Jah­res 1922 er­hielt er den No­bel­preis für Phy­sik.

Ze’ev Ro­sen­kranz, der am Ca­li­for­nia In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy Ein­steins Nach­lass er­forscht, sagt, in dem Brief war­ne der Phy­si­ker nicht zum ers­ten Mal vor deut­schem An­ti­se­mi­tis­mus, aber das Schrift­stück er­fas­se sei­nen Ge­müts­zu­stand nach der Tö­tung Ra­then­aus und das „in­ne­re Exil“, in das er sich be­ge­ben ha­be.

„Ein­steins ers­te Re­ak­ti­on war ei­ne der Pa­nik und der Wunsch, Deutsch­land für im­mer zu ver­las­sen. In­ner­halb ei­ner Wo­che hat­te er sei­ne Mei­nung ge­än­dert“, sagt Ro­sen­kranz. „Der Brief zeigt ei­ne für Ein­stein recht ty­pi­sche Men­ta­li­tät, bei der er be­haup­tet, äu­ße­rem Druck ge­gen­über gleich­gül­tig zu sein. Ein Grund könn­te sein, dass er die Sor­gen sei­ner Schwes­ter be­schwich­ti­gen woll­te. Ein an­de­rer ist, dass er nicht zu­ge­ben woll­te, dass äu­ße­re Fak­to­ren ihn stress­ten.“Als die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten an die Macht ka­men und be­gan­nen, Ge­set­ze ge­gen Ju­den zu er­las­sen, woll­ten sie auch jü­di­sche Wis­sen­schaft­ler ent­fer­nen. Die Na­zis ta­ten Ein­steins bahn­bre­chen­de Er­kennt­nis­se, dar­un­ter sei­ne Re­la­ti­vi­täts­theo­rie, als „jü­di­sche Phy­sik“ab.

Nach­dem Hit­ler an die Macht ge­kom­men war, ließ Ein­stein sich in den USA nie­der, wo er bis zu sei­nem Tod im Jahr 1955 blieb. Ei­ne Ein­la­dung, ers­ter Prä­si­dent des neu­ge­grün­de­ten Staats Is­ra­el zu wer­den, lehn­te er ab, ver­mach­te sei­nen li­te­ra­ri­schen Nach­lass und per­sön­li­che Do­ku­men­te aber der He­bräi­schen Uni­ver­si­tät in Je­ru­sa­lem.

Hier sind wirt­schaft­lich und po­li­tisch düs­te­re Zei­ten im An­zu­ge, so dass ich froh bin, ein hal­bes Jahr mich ab­sen­tie­ren zu kön­nen. Al­bert Ein­stein In ei­nen Brief von 1922

FO­TO: AP

Al­bert Ein­stein im Ju­ni 1954 an der US-Uni­ver­si­tät Prin­ce­ton.

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