Mär­chen­gru­sel mit „Ron­ja Räu­ber­toch­ter“

Hans-Ot­to-Thea­ter zeigt schon sei­ne Weih­nachts­auf­füh­rung für Kin­der

Märkische Allgemeine - - KULTUR - Von Ka­rim Sa­ab

Pots­dam. Noch ist nicht al­les Laub von den Bäu­men ge­fal­len. Und die Herbst­ne­bel am Mor­gen sind nicht so dicht, dass sich die Bli­cke be­reits nach in­nen wen­den. Noch muss sich das deut­sche Ge­müt nicht ge­gen Dun­kel­heit und Käl­te am Ker­zen­licht wär­men. Of­fi­zi­ell bricht der Ad­vents­zau­ber erst in drei Wo­chen an. Das Pots­da­mer Hans-Ot­toThea­ter hat aber ges­tern schon sein Weih­nachts­mär­chen aus­ge­packt.

Wel­che Wün­sche und Büh­nen­träu­me ge­hen 2018 in Er­fül­lung? Es ist ei­ne schö­ne Tra­di­ti­on, dass die Stadt­thea­ter im Ad­vent die gro­ßen Ge­füh­le der klei­nen Zu­schau­er an­spre­chen. Gut, wenn da­bei auch die Au­gen der El­tern, Groß­el­tern, Er­zie­her und Leh­rer auf­leuch­ten. In der Weih­nachts­zeit ste­hen Wun­der nicht un­ter Kitsch­ver­dacht. Und wenn schon nicht die Ge­burt des Hei­lands ge­zeigt wird, von ei­nem hoff­nungs­vol­len Neu­an­fang soll­te al­le­mal die Re­de sein. Und na­tür­lich dür­fen vom Schnür­bo­den auch Schnee­flo­cken fal­len.

„Ron­ja Räu­ber­toch­ter“er­füllt die­se Er­war­tun­gen. Es schneit nicht nur, Ron­ja und Birk, die Spröss­lin­ge zwei­er ver­fein­de­ter Räu­ber­fa­mi­li­en, lie­fern sich so­gar ei­ne ne­cki­sche Schnee­ball­schlacht auf der Büh­ne. Wie im Flu­ge ver­ge­hen oben­drein die Jah­res­zei­ten in die­ser ein­stün­di­gen Auf­füh­rung. Plötz­lich se­hen sich die Zu­schau­er mit den Fi­gu­ren in den Früh­ling oder Herbst ver­setzt. Die Käl­te des Win­ters, das Auf­le­ben im Früh­ling oder eben der Duft des Herbs­tes sind zum Grei­fen nah.

Aus­stat­te­rin Pas­ca­le Arndtz be­zirzt mit hy­per­rea­lis­ti­schen Bil­dern. Über­wäl­ti­gen­de Groß­auf­nah­men neh­men das gan­ze Büh­nen­pro­spekt ein. Die Fo­tos zei­gen idyl­li­sche Wald­ein­sam­kei­ten oder Vi­deo­pro­jek­tio­nen mit da­hin­zie­hen­den Wol­ken­for­ma­tio­nen. Im Vor­der­grund ha­ben die Thea­ter­werk­stät­ten ein Meis­ter­werk voll­bracht. Auf der Büh­ne dreht sich ein bi­zar­rer, ro­man­ti­scher Fel­sen, der al­les an­de­re als künst­lich wirkt und der den hef­tigs­ten Sprün­gen stand­hält. In der Mit­te wird er von ei­nem drei Me­ter ho­hen Spalt durch­zo­gen, der durch­aus als ge­fähr­li­che Schlucht wahr­ge­nom­men wird.

In der Nacht, als Ron­ja zur Welt kam, tob­te ein Un­wet­ter, und aus dem ei­nen Gip­fel wur­den zwei. Dumm nur, dass sich auf der Ge­gen­sei­te die Bor­ka-Ban­de an­sie­del­te. Ron­jas Va­ter, der Räu­ber­haupt­mann Mat­tis, möch­te die Kon­kur­ren­ten mit al­ler Ge­walt ver­trei­ben.

Das letz­te Kin­der­buch von As­trid Lind­gren er­schien 1981 und er­zählt ei­ne zar­te Lie­bes­ge­schich­te, in der sich die Kin­der hin­ter dem Rü­cken der Er­wach­se­nen an­freun­den, um schließ­lich die tie­fe Feind­schaft ih­rer Sip­pen zu über­win­den. An­ge­sichts der vor­rü­cken­den Zi­vi­li­sa­ti­on scheint es oh­ne­hin ge­bo­ten, dass sich al­le Räu­ber zu­sam­men­tun, um ihr krie­ge­ri­sches Ge­schäfts­mo­dell ge­gen den Vogt und die Lands­knech­te zu ver­tei­di­gen. Ort der Hand­lung ist al­so ein Ver­steck im tie­fen Wald. Jun­gen Städ­tern im 21. Jahr­hun­dert flößt der Ort nicht we­ni­ger Furcht ein als Räu­ber­kin­dern im Mit­tel­al­ter. Ge­mein­sam mit Ron­ja er­le­ben sie Rum­pel­wich­te, Grau­g­no­me und Wild­dru­den, die Mi­le­na Paulo­vics mit viel Sinn für das Un­heim­li­che und Ko­mi­sche in Sze­ne setzt.

Ziel­si­cher führt die Re­gis­seu­rin die sie­ben Gast­schau­spie­ler, die ei­ne ge­schlos­se­ne, star­ke Grup­pen­leis­tung ab­lie­fern. Se­bas­ti­an Reus­se als Glat­zen-Peer ver­mag mit we­ni­gen Ges­ten auch als Er­zäh­ler auf­ge­reg­te Zu­schau­er zu ban­nen. Oli­ver Brei­te als Va­ter Mat­tis spielt herz­er­wei­chend den lie­ben­den Va­ter, dem man aber auch das auf­brau­sen­de Rau­bein ab­nimmt. Die Rol­le von Jo­han­na-Ju­lia Spit­zer als sei­ne Frau Lo­vis ist recht rustikal an­ge­legt. In der Män­ner­ge­sell­schaft spricht sie mit tie­fer Stim­me und ver­fügt über die nö­ti­ge Au­to­ri­tät, hy­gie­ni­sche Maßnahmen un­ter den Räu­bern durch­zu­set­zen. Et­was weib­li­cher in­to­niert Ron­ja (Bo-Phyl­lis Stru­be), die mit Birk (Lu­kas Ben­ja­min En­gel) aber ein recht hand­fes­tes Paar ab­gibt. Die Zeich­nung ih­rer auf­kei­men­den Be­zie­hung und die Dra­ma­tur­gie der Auf­füh­rung hät­te zum En­de hin noch ein paar ru­hi­ge­re und sinn­li­che­re Mo­men­te ver­tra­gen.

Ge­sun­gen wird lei­der nicht, was ver­wun­der­lich ist, da das Pro­gramm die Po­si­ti­on „Mu­si­ka­li­sche Ein­stu­die­rung“ver­merkt. Das ers­te Weih­nachts­mär­chen un­ter der neu­en In­ten­danz kann sich aber se­hen las­sen. Nach ei­ner Auf­füh­rung am heu­ti­gen Sams­tag wird es üb­ri­gens erst wie­der ab 4. De­zem­ber, al­so im Ad­vent, ge­zeigt.

FO­TO: THO­MAS M. JAUK

Die bei­den ver­fein­de­ten Räu­ber­sip­pen trennt nur ein Ab­grund. Links im Vor­der­grund Ron­ja Räu­ber­toch­ter (Bo-Phyl­lis Stru­be) und rechts Birk (Lu­kas Ben­ja­min En­gel).

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