Ve­ne­zue­las Kri­se wird zum Pro­blem für Ko­lum­bi­en

Dra­ma­ti­sche Ver­sor­gungs-eng­päs­se in dem so­zia­lis­ti­schen Staat trei­ben Zehn­tau­sen­de Bür­ger in die Flucht / Im Nach­bar­land kippt die an­fäng­li­che Will­kom­mens­kul­tur

Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde - - Blickpunkt - Von TOBIAS KÄU­FER

Tau­sen­de Ve­ne­zo­la­ner ver­las­sen wö­chent­lich ih­re kri­sen­ge­schüt­tel­te Hei­mat. Für das Nach­bar­land Ko­lum­bi­en ist die­se Kri­se kaum zu meis­tern. Es droht ei­ne Desta­bi­li­sie­rung der Re­gi­on.

Bo­go­tá. Auf der Grenz­brü­cke „Si­mon Bo­li­var“zwi­schen dem ve­ne­zo­la­ni­schen San Cris­tó­bal und Cú­cu­ta in Ko­lum­bi­en ist der Puls­schlag der Kri­se zu spü­ren. Mal ist sie auf An­wei­sung ei­ner der bei­den Re­gie­run­gen ge­schlos­sen, mal stür­men an ei­nem Tag Zehn­tau­sen­de auf die ko­lum­bia­ni­sche Sei­te. Kein an­de­rer Platz sym­bo­li­siert den Nie­der­gang des ve­ne­zo­la­ni­schen So­zia­lis­mus wie die­ses Na­del­öhr zwi­schen den bei­den „Bru­der­völ­kern“. Gleich­zei­tig steu­ern die bei­den Nach­barn auf ei­nen hand­fes­ten Kon­flikt zu.

Für Ve­ne­zue­las Prä­si­den­ten Ni­colás Ma­du­ro sind al­le Mel­dun­gen über hun­gern­de Men­schen im ei­ge­nen Land Lü­ge. Es ge­be kei­nen Exo­dus, ließ das so­zia­lis­ti­sche Staats­ober­haupt jüngst wis­sen. Ge­nau­so we­nig wie ei­ne Ver­sor­gungs­kri­se, we­gen der ge­ra­de wö­chent­lich Zehn­tau­sen­de Ve­ne­zo­la­ner ih­re Hei­mat ver­las­sen. Viel­mehr sei das al­les ein Werk neo­li­be­ra­ler Kräf­te, die aus Wa­shing­ton und Bo­go­tá ge­steu­ert und ei­nen Wirt­schafts­krieg ge­gen Ve­ne­zue­la aus­fech­ten wür­den. Ve­ne­zue­las So­zia­lis­ten be­herr­schen zwar al­le In­sti­tu­tio­nen von der Bun­des- bis zur Kom­mu­nal­ebe­ne, von den Ge­richts­sä­len bis zu den Wahl­be­hör­den und von den Re­dak­tio­nen der staat­li­chen Me­di­en bis zu den Si­cher­heits­kräf­ten; doch nach Ma­du­ros Les­art trägt trotz­dem die mit den USA ko­ope­rie­ren­de Op­po­si­ti­on die Ver­ant­wor­tung für die ka­ta­stro­pha­le La­ge des Lan­des mit sei­nen lee­ren Su­per­märk­ten, ver­hun­gern­den Kin­dern und ver­wahr­los­ten Kran­ken­häu­sern.

Ko­lum­bi­en re­agiert auf die Flücht­lings­kri­se eher hilflos mit ei­ner Ver­schär­fung der Ein­rei­se­be­stim­mun­gen. Nach of­fi­zi­el­len Zah­len hat sich in­ner­halb ei­nes Jah­res die Zahl der in Ko­lum­bi­en le­ben­den Ve­ne­zo­la­ner auf jetzt mehr als 600 000 ver­dop­pelt. Wie vie­le il­le­gal die Gren­ze über­tre­ten ha­ben, weiß nie­mand.

Das hat Fol­gen: In Ko­lum­bi­en ist die an­fangs ent­flamm­te brü­der­li­che Will­kom­mens­kul­tur vie­ler­orts Ge­schich­te. Es kommt zu Pro­tes­ten und zu frem­den­feind­li­chen Aus­schrei­tun­gen. Und in­zwi­schen greift die Kri­se auch auf den Wahl­kampf über. Dass in bei­den Län­dern in we­ni­gen Wo­chen fast zeit­gleich Prä­si­dent­schafts­wah­len an­ste­hen, ver­schärft das po­li­ti­sche Kli­ma enorm.

Ma­du­ro rück­te zu­letzt sei­nen ko­lum­bia­ni­schen Amts­kol­le­gen und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Juan Ma­nu­el San­tos ver­bal in die Nä­he von Ab­fall, weil die­ser die in­ter­na­tio­nal hoch um­strit­te­nen und kurz­fris­tig aus­ge­ru­fe­nen Prä­si­dent­schafts­wah­len in Ve­ne­zue­la we­gen feh­len­der Trans­pa­renz nicht an­er­ken­nen will. Und in Ko­lum­bi­en gießt der Rechts­po- pu­list Ál­va­ro Uri­be Öl ins Feu­er. Der im­mer noch enorm po­pu­lä­re Ex-prä­si­dent (2002 bis 2010) for­der­te un­ver­hoh­len das ve­ne­zo­la­ni­sche Mi­li­tär zum Sturz Ma­du­ros auf. Die ko­lum­bia­ni­sche Ar­mee­spit­ze wie­der­um warf der ve­ne­zo­la­ni­schen Re­gie­rung vor, die im Land ope­rie­ren­de lin­ke Gue­ril­la-or­ga­ni­sa­ti­on ELN mi­li­tä­risch zu un­ter­stüt­zen. Bei den jüngs­ten Eln-ter­ror­an­schlä­gen in Ko­lum­bi­en sei­en Ve­ne­zo­la­ner in­vol­viert ge­we­sen, be­haup­tet das ko­lum­bia­ni­sche Mi­li­tär.

Auch das sorgt da­für, dass sich die an­fäng­li­che Auf­nah­me­be­reit­schaft in Ko­lum­bi­en mehr und mehr in Miss­trau­en ver­wan­delt. Hin­zu kommt, dass die ve­ne­zo­la­ni­schen Flücht­lin­ge als Ar­beits­kräf­te enor­men Druck auf den Nied­rig­lohn­sek­tor aus­üben. Ge­gen mehr als 600 ko­lum­bia­ni­sche Fir­men wird we­gen Aus­beu­tung er­mit­telt, weil sie Ve­ne­zo­la­ner ent­we­der il­le­gal oder un­ter dem ge­setz­li­chen Min­dest­lohn be­schäf­ti­gen.

An­fang ver­gan­ge­ner Wo­che war die Pro­ble­ma­tik The­ma auf ei­nem la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Flücht­lings­gip­fel in Bra­sí­lia und auch beim kom­men­den Ame­ri­ka-gip­fel in Pe­ru wird es auf der Ta­ges­ord­nung ste­hen: Ve­ne­zue­las Prä­si­dent Ma­du­ro soll nach dem Wil­len ei­nes Teils der Län­der nicht ein­ge­la­den wer­den, wäh­rend an­de­re wie Bo­li­vi­ens Prä­si­dent Evo Mora­les ihm sei­ne So­li­da­ri­tät zu­si­chern. So hat das ve­ne­zo­la­ni­sche Dra­ma in­zwi­schen end­gül­tig kon­ti­nen­ta­le Aus­ma­ße er­reicht. „Und das ist erst der An­fang“, pro­gnos­ti­ziert Bo­go­tás Zei­tung „El Tiem­po“.

In we­ni­gen Wo­chen sind Wah­len, das ver­schärft das po­li­ti­sche Kli­ma enorm

Fo­to: dpa/juan Pa­blo Co­hen

An­sturm: Ve­ne­zo­la­ner flüch­ten über die Brü­cke „Bo­li­var“nach Ko­lum­bi­en.

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