„Es hilft, am Le­ben zu blei­ben“

Bei Schwimm­trai­ner Stefan Ne­u­mann ler­nen nicht nur Kin­der, sich über Was­ser zu hal­ten

Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde - - Aus Aller Welt - AN­DRÉ BOCHOW

Zwar ist die Zahl der Er­trun­ke­nen in deut­schen Ge­wäs­sern um et­wa ein Vier­tel im Ver­gleich zum Vor­jahr zu­rück­ge­gan­gen, doch das lag vor al­lem am schlech­ten Wet­ter. Die Deut­sche Le­bens-ret­tungs-ge­sell­schaft warnt vor wei­te­ren Schlie­ßun­gen kom­mu­na­ler Bä­der. sprach da­zu mit dem Ber­li­ner Schwimm­trai­ner Stefan Ne­u­mann.

Herr Ne­u­mann, war­um muss man ei­gent­lich schwim­men kön­nen?

Na im Zwei­fels­fall hilft es, am Le­ben zu blei­ben. Und es ist auch be­frei­end, wenn man sich in tie­fes Was­ser trau­en kann, oh­ne Angst ha­ben zu müs­sen.

Ich bin äl­ter als Sie und ken­ne nie­man­den aus mei­ner Ge­ne­ra­ti­on, der nicht schwim­men kann. Wie ist das bei Ih­nen?

In mei­nem Um­feld kön­nen auch al­le schwim­men. Je­den­falls die, die in Deutsch­land auf­ge­wach­sen sind.

Aber wo kom­men dann die 50 Pro­zent Er­wach­se­nen her, die an­geb­lich Nicht­schwim­mer sind? Bei Zehn­jäh­ri­gen sol­len es so­gar 56 Pro­zent sein.

50 Pro­zent bei den Er­wach­se­nen? Die Zahl kommt mir deut­lich zu hoch vor. Ich glau­be, man muss da zwi­schen de­nen un­ter­schei­den, die über­haupt nicht schwim­men kön­nen und sol­chen, die auf „See­pferd­chenNi­veau“schwim­men.

Al­so gut. Wer ist ein „ech­ter“Nicht­schwim­mer?

Je­mand, der sich nicht aus ei­ge­ner Kraft auf ei­ner Stre­cke von 25 Me­ter ir­gend­wie über Was­ser hal­ten kann.

Ist es denn wirk­lich so, dass im­mer we­ni­ger Kin­der rich­tig schwim­men kön­nen?

Das ist auf je­den Fall so.

Aber es gibt doch ei­ne ge­setz­li­che Pflicht. Die Schu­len müs­sen die Kin­der das Schwim­men leh­ren.

Aber dar­an schei­tern wir re­gel­mä­ßig.

War­um denn nur?

Na vor al­lem, weil übe­r­all Schwimm­hal­len ge­schlos­sen wur­den. Auch in Ber­lin. Un­ser Ver­ein Pros­port hat Mit­te der 90er-jah­re die Hälf­te sei­ner Mit­lie­der verloren, als die Hal­le in der Wein­meis­ter­stra­ße dicht­ge­macht wur­de. Und so ist das an­ders­wo auch. Für die Schwimm­lern­grup­pen, die wir an­bie­ten, ha­ben wir sehr lan­ge War­te­lis­ten. Da kann es schon ein Jahr oder an­dert­halb dau­ern, bis man an der Rei­he ist.

Ist es nicht auch zu spät, mit dem Schwim­men in der 3. Klas­se zu be­gin­nen?

Nee, ei­gent­lich nicht. Das Pro­blem ist die Un­ter­richts­qua­li­tät. Meis­tens blei­ben von der ei­nen Un­ter­richts­stun­de ma­xi­mal 30 Mi­nu­ten in der Hal­le üb­rig. Die Grup­pen sind in der Re­gel zu groß. Da hast Du viel­leicht ei­nen Trai­ner für 30 Kin­der. Und die Qua­li­tät des Schwimm­un­ter­richts ist oft nicht aus­rei­chend. Ist der Er­werb von Schwimm­fä­hig­kei­ten auch ein so­zia­les Pro­blem?

Klar. Hier in Ber­lin-mit­te kön­nen es sich die El­tern leis­ten, die An­ge­bo­te für pri­va­ten Schwimm­un­ter­richt in An­spruch zu neh­men. Die wer­den ja schon in der Ki­ta ver­mit­telt. Und wie beim Ler­nen über­haupt, gibt es eben auch beim Schwim­men El­tern, die da or­dent­lich hin­ter­her sind und an­de­re, die es schlei­fen las­sen.

Zu Ih­nen kom­men auch Er­wach­se­ne, die rich­tig Schwim­men ler­nen wol­len. Wer kommt denn da so?

Im Mo­ment sind es vie­le Flücht­lin­ge.

Ehr­lich? Ha­ben die nicht erst ein­mal an­de­re Sor­gen?

Be­stimmt. Aber nach mei­ner Be­ob­ach­tung sind sie oft froh, aus den Flücht­lings­hei­men ein­fach mal raus­zu­kom­men und dann auch et­was Sinn­vol­les zu ma­chen. Man­che kom­men auch, weil sie die Hilf­lo­sig­keit als Nicht­schwim­mer er­lebt ha­ben, als sie über das Mit­tel­meer mit ir­gend­wel­chen Schlauch­boo­ten ka­men. Ei­ni­ge ha­ben an­de­re er­trin­ken se­hen.

Kom­men auch Frau­en?

Ja. Und durch­aus im Bur­ki­ni. Vie­le sa­gen auch ab, wenn sie mit­be­kom­men, dass es männ­li­che Trai­ner gibt. Aber für die Frau­en, die dann wirk­lich schwim­men ler­nen, be­deu­tet das ei­nen un­ge­heu­ren Ge­winn an Selbst­be­wusst­sein.

Auch als noch nicht so vie­le Ge­flüch­te­te in Deutsch­land wa­ren, klag­te die DLRG Jahr für Jahr über die wach­sen­de Zahl der Nicht­schwim­mer. Dann gab es stets ein kur­zes Auf­mer­ken und schon war das The­ma wie­der ver­ges­sen. Viel­leicht ist das Pro­blem gar nicht so groß?

Se­he ich an­ders. Es ist schon ein Pro­blem. Wenn Kin­der nicht mit ins Schwim­mer­be­cken oder auf den Sprung­turm kön­nen oder im­mer nur an See- und Mee­res­ufern her­um­plan­schen müs­sen, dann fehlt ih­nen ein­fach et­was. Und es ist si­cher auch ein gu­tes Ge­fühl, zu wis­sen, dass nicht je­der Ver­lust an Bo­den­kon­takt im Was­ser ei­ne töd­li­che Ge­fahr dar­stellt.

Fo­to: dpa/mar­tin Schutt

Zu vie­le Kin­der, zu we­nig Trai­ner: Dritt­kläss­ler ei­ner Er­fur­ter Grund­schu­le er­hal­ten Schwimm­un­tericht.

Fo­to: pri­vat

Gibt Schwimm­un­ter­richt: Stefan Ne­u­mann

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