Prin­zes­sin­nen und Wil­de Wei­ber

Höh­len sind seit je­her mys­ti­sche Or­te – nicht nur in Asi­en

Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde - - Meinungen Und Hintergrund - INA MATTHES

Der Ein­gang zur Un­ter­welt ist weit wie die Hal­le ei­ner Ka­the­dra­le. Was­ser­dampf strömt her­aus wie feuch­ter Atem. And­rew Alan John­son zieht es hin zu die­sem Schlund. Da ruft ihn sein Be­glei­ter zu­rück. Kein Ein­tritt zu Re­gen­zeit: John­son kehrt wi­der­stre­bend um. „Ein Tor in ei­ne an­de­re Welt“, be­schreibt er die Tham Luang Nang Non Höh­le.

Was zieht ein Fuß­ball­team von zwölf Jun­gen und ih­ren Trai­ner in die­ses Dun­kel? John­son, der An­thro­po­lo­ge aus Prin­ce­ton, fasst die Fra­ge wei­ter. Wel­che Rol­le spie­len Höh­len in Thai­land? Es gibt da­von un­zäh­li­ge. Vie­le ha­ben ein Ge­schich­te. Die Nang Non Höh­le ist die Höh­le der ru­hen­den Jungfrau. Ei­ne Prin­zes­sin, die ih­ren Ge­lieb­ten nicht hei­ra­ten durf­te, brach­te sich um. Ihr Kör­per wur­de zu ei­nem Ge­bir­ge, in das sich der dunk­le Schlund win­det. John­son hat sich mit dem My­thos von Höh­len in Thai­land be­schäf­tigt. Sie sind oft Sitz von Dä­mo­nen und Geis­tern. Or­te der Macht, der Furcht und Ver­lo­ckung. Denn Höh­len sind zu­meist weib­lich. Manch­mal lo­cken schö­ne Geis­ter Män­ner in das Dun­kel. Die Ver­führ­ten wer­den dort von Dä­mo­nen ge­fres­sen, stei­gen aber als To­te zum Herr­scher die­ser Un­ter­welt auf. Sie tun Men­schen so­gar Gu­tes, wenn man sie bei Lau­ne hält. Mit Op­fern, mit Fes­ten. In Thai­land, sagt John­son, ver­mischt sich die­ser Na­tur­glau­be mit Re­li­gi­on. Der Prin­zes­sin wird in ei­nem Schrein ge­hul­digt. Dort steht sie als Schau­fens­ter­pup­pe. Na­he am Ein­gang von Tham Luang Nang Non hockt Bud­dha, als Sta­tue. Wenn heu­te Be­su­cher in sol­che Höh­len vor­drin­gen, kommt viel von dem wie­der hoch, was Men­schen frü­her mit Höh­len ver­bun­den ha­ben, er­zählt der ös­ter­rei­chi­sche Höh­len­for­scher und His­to­ri­ker Jo­han­nes Mat­tes. Die Tou­ris­ten se­hen plötz­lich re­li­giö­se Sym­bo­le oder Mär­chen­bil­der. Die Höh­le ist auch bei den Ös­ter­rei­chern ein mys­ti­scher und vor­wie­gend weib­li­cher Ort. Mit we­ni­ger Prin­zes­sin­nen: In Ös­ter­reichs Höh­len hau­sen Zwer­ge, Dä­mo­nen und Wil­de Wei­ber. Die Wei­ber ver­wan­del­ten sich im Lau­fe der Zeit oft in hei­li­ge Ma­ri­en und Ro­sa­ri­as. So mischt sich auch in Eu­ro­pa Re­li­gi­on mun­ter mit Na­tur­glau­be. Die düstren Gän­ge und Hal­len im Fels sind Or­te der Nacht, der In­spi­ra­ti­on und der Ent­de­ckun­gen. Ge­heu­er wa­ren sie den Eu­ro­pä­ern nie. Aber auch nicht so un­heim­lich, dass sich nicht noch was Prak­ti­sches an­fan­gen ließ mit ei­nem dunk­len Loch. Zum Bei­spiel Kä­se la­gern, Eis bre­chen, die Gän­ge als Ab­kür­zung durchs Ge­bir­ge nut­zen, sich ver­ste­cken. So ha­ben Men­schen seit dem Mit­tel­al­ter die Un­ter­welt be­nutzt. Bis im 19. Jahr­hun­dert die Tou­ris­ten ka­men und das gu­te Ge­schäft mit den Schau­höh­len be­gann.

Das schät­zen auch die Thai­län­der. Tou­ris­mus ist ei­ne der Haupt­ein­nah­me­quel­len des Lan­des. Dass die Tou­ris­mus­bran­che gleich nach der Ret­tung der Jun­gen das Dra­ma ver­mark­ten will, mag jetzt be­fremd­lich schei­nen, ein­zig ist es nicht. 1894 wur­den in der Lur­grot­te bei Graz sie­ben Höh­len­for­scher ein­ge­schlos­sen. Sie wa­ren trotz Re­gens in die Höh­le ge­stie­gen – im Wett­lauf mit ei­nem an­de­ren For­scher­team, heißt es. Der Kai­ser schick­te Sol­da­ten zur Ret­tung. Es war die ers­te gro­ße Höh­len­ka­ta­stro­phe Ös­ter­reichs – mit Hap­py-end. Es gab viel Me­di­en­rum­mel. Und ein frisch ge­grün­de­tes Re­stau­rant leb­te Jahr­zehn­te gut von die­ser Ge­schich­te.

Fra­gen und Mei­nun­gen zu Nach­ge­forscht an: cvd@moz.de

Fo­to: ROY­AL THAI NA­VY

Fas­zi­nie­rend und ge­fähr­lich: Ret­tungs­ak­ti­on in der Tham Luang Nang Non Höh­le. Höh­len ha­ben für Men­schen je­her ei­ne be­son­de­re An­zie­hungs­kraft.

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