Zu­sam­men­ar­beit ist aus­bau­fä­hig

Ost­deut­scher Wirt­schafts­gip­fel sieht die Wirk­sam­keit der Mo­dell­re­gio­nen in den neu­en Bun­des­län­dern kri­tisch

Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde - - Wirtschaft - VON NI­NA JEG­LIN­SKI

Bad Saa­row. Di­gi­ta­li­sie­rung, Glo­ba­li­sie­rung, Me­tro­pol­re­gio­nen, Ost­deutsch­land, das wa­ren die Stich­wor­te, die auf dem Ost­deut­schen Wirt­schafts­fo­rum in Bad Saa­row am meis­ten ge­nannt wur­den. Po­li­ti­ker, Ver­wal­tungs­fach­leu­te und Wirt­schafts­ver­tre­ter dis­ku­tier­ten, wie es mit der Re­gi­on wei­ter­ge­hen soll.

„Ne­ga­ti­ve Be­richt­er­stat­tung über ost­deut­sche Städ­te wie Dres­den und Chem­nitz, Auf­mär­sche von Pe­gi­da, Wah­l­er­fol­ge von der AFD, Fach­kräf­te­man­gel, Ab­wan­de­rung von hoch­qua­li­fi­zier­ten Leu­ten – mit wel­chen Mit­teln kön­nen und wol­len die ost­deut­schen Bun­des­län­der da­ge­gen­hal­ten?“, frag­te Ver­an­stal­ter Frank Neh­ring. Vor al­lem Chris­ti­an Pe­gel, Mi­nis­ter für En­er­gie, In­fra­struk­tur und Di­gi­ta­li­sie­rung in Meck­len­burg-vor­pom­mern, stell­te ei­nen Ge­gen­ent­wurf vor. Er ver­tre­te die Me­tro­pol­re­gi­on Ham­burg, zu der die Län­der Nie­der­sach­sen, Schles­wig-hol­stein, Meck­len­burg-vor­pom­mern so­wie der Stadt­staat Ham­burg ge­hö­ren. Was die Groß­stadt Ham­burg nicht mehr leis­ten kann, zum Bei­spiel ge­nug Wohn­raum und groß­flä­chi­ge Ge­wer­be­ge­bie­te in der Stadt be­reit­zu­stel­len, wür­de sich auf das Um­land ver­la­gern. „Wir ar­bei­ten Hand in Hand mit sämt­li­chen Ver­wal­tungs­ebe­nen“, sagt der Mi­nis­ter.

Nicht oh­ne Stolz hielt er Ber­lin und Bran­den­burg vor, dass es „im Nor­den ein Flä­chen­ka­tas­ter“ge­be, aus dem sich je­der In­ves­tor das pas­sen­de Stück Land her­aus­su­chen könn­te. Mit „Prag­ma­tis­mus und Rea­lis­mus“ge­he Ham­burg vor­an und bin­de die Um­land­re­gio­nen mit ein. Dar­aus sei ei­ne At­mo­sphä­re ent­stan­den, in der sich al­le Be­tei­lig­ten als „Ge­win­ner se­hen“. In Ham­burg gä­be es, an­ders als in an­de­ren Groß­städ­ten, we­der Woh­nungs­man­gel noch Fach­kräf­te­man­gel. Im Ge­gen­teil, die Be­din­gun­gen

für Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer sei­en so gut, wie lan­ge nicht.

Nicht al­le im Pu­bli­kum hör­ten das ger­ne, vor al­lem nicht die Ver­tre­ter aus Sach­sen und Thü­rin­gen, dort exis­tiert auch ei­ne Me­tro­pol­re­gi­on, doch die Städ­te Leip­zig und Dres­den fin­den nicht zu­ein­an­der. Auch die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Ber­lin und Bran­den­burg, die eben­falls ei­ne Me­tro­pol­re­gi­on bil­den, ist nach Mehr­heit der Fo­rums­teil­neh­mer aus­bau­fä­hig.

Chris­ti­an Hen­schel, Grün­der des Ber­li­ner Start-ups Ad­just, be­män­gel­te, dass es in Ber­lin und Bran­den­burg zwar „ge­fühlt 10 000 För­de­rungs­pro­gram­me und 100 000 Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te gibt, aber kei­ne Bü­ro­flä­che

und kei­nen Cam­pus für jun­ge Fir­men“. Er warf der Po­li­tik vor, zu lang­sam zu sein und ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen viel zu bü­ro­kra­tisch zu be­geg­nen. „War­um baut ihr kei­nen Cam­pus in den Speck­gür­tel von Ber­lin?“, frag­te Hen­schel, der in Frank­furt an der Oder ge­bo­ren wur­de, dort sei­ne ers­te Fir­ma grün­de­te und 2012 in Ber­lin das Mo­bi­le Mea­su­re­ment Un­ter­neh­men Ad­just hoch­zog. Die Fir­ma ana­ly­siert für App-an­bie­ter, wie die User de­ren Pro­duk­te nut­zen. Zu den Kun­den zäh­len nach ei­ge­nen An­ga­ben Za­lan­do, Mi­cro­soft und Yelp, vor al­lem in Chi­na und in Süd­ko­rea wächst das Un­ter­neh­men.

Hen­schel be­kam Un­ter­stüt­zung von Rai­ner Ha­seloff, Mi­nis­ter­prä­si­dent

Sach­sen-an­halts. Er mahn­te, dass Ber­lin für ganz Ost­deutsch­land wich­tig sei. „Das, was dort pas­siert oder eben auch nicht, strahlt auf al­le ost­deut­schen Bun­des­län­der ab“, sag­te der Mag­de­bur­ger Re­gie­rungs­chef. Es sei nicht nur höchs­te Zeit, dass der Ber­li­ner Groß­flug­ha­fen BER end­lich in Be­trieb ge­he, son­dern auch, dass der Ruf Ost­deutsch­lands ver­bes­sert wer­de.

Be­sorgt über das Bild von Ost­deutsch­land zeig­ten sich auch die bei­den Grün­der Ma­ria Peichnick, Ge­schäfts­füh­re­rin von Wan­del­bots in Dres­den, und Frank Wolf, Grün­der von Staff­ba­se aus Chem­nitz. Bei­de warn­ten da­vor, dass der Os­ten po­li­tisch

kip­pen könn­te. Soll­ten die Land­tags­wah­len im kom­men­den Jahr in Sach­sen ei­nen Afd-po­li­ti­ker zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ma­chen, dann wür­den zahl­rei­che aus­län­di­sche Mit­ar­bei­ter dem Frei­staat den Rü­cken keh­ren. Be­reits jetzt wür­den Fach­kräf­te aus Asi­en und den USA sich er­kun­di­gen, wie ernst die Rei­se­war­nun­gen, die un­ter an­de­rem die Schweiz für das Bun­des­land Sach­sen aus­ge­ge­ben ha­be, zu neh­men sei­en. Wolf be­rich­tet, dass sei­ne aus­län­di­schen Mit­ar­bei­ter wäh­rend der Aus­schrei­tun­gen En­de Au­gust in Chem­nitz mit dem Ta­xi ins Bü­ro ge­kom­men sei­en – aus Angst in Chem­nitz als dun­kel­häu­ti­ger Mensch an­ge­grif­fen zu wer­den.

Fo­to: dpa/mar­kus Scholz

Noch Luft nach oben: Jun­ge Grün­der in Ber­lin-bran­den­burg wün­schen sich ei­nen Cam­pus für jun­ge Fir­men im Speck­gür­tel der Haupt­stadt. Da­mit sol­len die Vor­tei­le bei­der Re­gio­nen bes­ser ge­nutzt wer­den.

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