Ok­to­ber­fest auf den Phil­ip­pi­nen

Wo­mög­lich frü­her als ge­plant muss sich Kramp-Kar­ren­bau­er ent­schei­den: Will sie Kanz­ler­kan­di­da­tin wer­den?

Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde - - Vorderseite - Mehr zum The­ma un­ter: www.moz.de/cdu Von el­len Hasen­kamp

Ma­ni­la. Ok­to­ber­fes­te wer­den nicht nur in Mün­chen, Ham­burg oder Ber­lin ge­fei­ert – selbst auf den Phil­ip­pi­nen ist das Tra­di­ti­on, wenn auch oh­ne Le­der­ho­sen. Das Bier ge­hört auf je­den Fall da­zu.

Ir­gend­wann ist sie ein­fach da. Kein Rein­rau­schen, kei­ne Will­kom­mens­mu­sik, kein Ge­fol­ge be­glei­ten die An­kunft der Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er greift sich ein Glas Was­ser und ei­ne tro­cke­ne Bre­zel, dann ist sie start­klar. Ber­lin. Es ist ei­ner der vie­len war­men Ta­ge in die­sem un­end­li­chen Som­mer, noch da­zu ein Frei­tag­nach­mit­tag. An­ders­wo wird nun der Grill an­ge­wor­fen. In die­ser sa­nier­ten al­ten Mag­de­bur­ger In­dus­trie­hal­le aber soll an der Zu­kunft der Volks­par­tei CDU ge­feilt wer­den. „So frei und so leb­haft wie mög­lich“, wünscht sich Kramp-Kar­ren­bau­er die Ba­sis­de­bat­te. Die „Zu­hör-Tour“war ih­re Er­fin­dung: Kreuz und quer durch die Re­pu­blik rei­sen, sich mit der Par­tei be­kannt ma­chen, sich selbst der Par­tei be­kannt ma­chen. An ei­nem Grund­satz­pro­gramm ar­bei­ten und da­mit vor al­lem an ei­nem Grund­stein ar­bei­ten; ei­nem Grund­stein für den ent­schei­den­den wei­te­ren Schritt, auf den spä­tes­tens seit je­nem Mo­ment im Fe­bru­ar al­le lau­ern, als die Frau aus dem Saar­land als neue CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin die Ber­li­ner Büh­ne be­trat: Ist sie die künf­ti­ge Par­tei­che­fin? Kann AKK Kanz­ler?

Viel schnel­ler und wuch­ti­ger als ge­dacht sind die­se Fra­gen auf die 56-Jäh­ri­ge zu­ge­rollt. Das po­li­ti­sche Cha­os der ver­gan­ge­nen Mo­na­te hat die Par­tei durch­ge­rüt­telt und auch die einst un­ein­nehm­ba­re Fe­s­tung An­ge­la Mer­kel er­schüt­tert. Un­über­seh­bar sind die Ris­se im Macht­ge­bälk der Kanz­le­rin und Par­tei­vor­sit­zen­den in­zwi­schen. Und un­über­hör­bar ist, mit wie­viel Hoff­nung der sper­ri­ge Na­me An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ver­bun­den ist. Auch bei Mer­kel selbst. Als die CDU-Che­fin vor fast acht Mo­na­ten ih­re neue Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin vor­stell­te, wa­ren von der Meis­te­rin des Un­der­state­ments ge­ra­de­zu schwär­me­ri­sche Tö­ne zu hö­ren. Kramp-Kar­ren­bau­er ne­ben ihr leuch­te­te in ei­nem bei­na­he schon un­ver­schämt pink und oran­ge ge­färb­ten Kleid. Wie ein Früh­lings­wind be­leb­te sie die nach den quä­len­den Win­ter­mo­na­ten der Ko­ali­ti­ons­fin­dung ver­un­si­cher­te CDU. Und de­ren Che­fin gleich mit. „Das war ei­ne au­ßer­or­dent­lich klu­ge Ent­schei­dung der Kanz­le­rin“, lobt selbst ein Mark Haupt­mann, der als Chef der jun­gen Ab­ge­ord­ne­ten im Bun­des­tag den Kurs Mer­kels durch­aus kri­tisch sieht.

Ei­ne Wo­che spä­ter kann­te der CDU-Ju­bel dann kei­ne Gren­zen mehr, als Kramp-Kar­ren­bau­er in ih­rer Par­tei­tags­re­de den De­le­gier­ten ih­ren in­zwi­schen be­rühm­ten

Drei­satz „Ich kann, ich will und ich wer­de“ent­ge­gen schmet­ter­te. Es ging um Macht­an­spruch, aber auch Pflicht­er­fül­lung, wenn man ge­ru­fen wird. Ge­nau die­se Kom­bi­na­ti­on be­schreibt die Po­li­ti­ke­rin Kramp-Kar­ren­bau­er viel­leicht am bes­ten: Be­schei­den, aber macht­be­wusst, ko­ope­ra­tiv, aber kühn. Dass da je­mand die Schalt­stel­le Staats­kanz­lei ver­lässt, um den Kno­chen­job im Ma­schi­nen­raum der Par­tei an­zu­tre­ten, hat ihr wert­vol­le Bo­nus­punk­te be­schert. Zu­gleich ist der Ar­beits­platz klug ge­wählt; sie selbst hat es Mer­kel so vor­ge­schla­gen: Na­tür­lich hät­te die frü­he­re Lan­des­mi­nis­te­rin, die so ziem­lich je­des Res­sort ein­mal be­treut hat, auch je­den Pos­ten im Bun­des­ka­bi­nett aus­fül­len kön­nen. Dann aber wä­re sie Teil der Re­gie­rung ge­wor­den. Und als sol­cher ist es schwer, in ei­nem Wahl­kampf als Spit­zen­kan­di­dat den Wan­del zu ver­kör­pern. Wo­bei nun auch ein­mal dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den

muss, dass Kramp-Kar­ren­bau­er selbst auf sol­che Spe­ku­la­tio­nen stets mit ei­nem freund­li­chen „net­ter Ver­such“re­agiert und sich über­haupt – zu­min­dest öf­fent­lich – von die­sem gan­zen Kanz­le­rin­nen­ge­rau­ne fern­zu­hal­ten ver­sucht.

Sie hält sich über­haupt ger­ne fern von all­zu viel Ge­we­se. Da ist zum Bei­spiel die Sa­che mit dem Buch. In die­sen Ta­gen ist ein Band er­schie­nen, den zwei Ber­li­ner Jour­na­lis­tin­nen über die Frau aus dem Saar­land ge­schrie­ben ha­ben. Kramp-Kar­ren­bau­er hat dar­an mit­ge­wirkt, spricht in aus­führ­li­chen In­ter­views über ih­re Ju­gend als „Pa­pa-Kind“, über ih­ren ka­tho­li­schen Glau­ben und den Wil­len zur Macht. Aber ei­ne of­fi­zi­el­le Vor­stel­lung mit Büh­ne, Ka­me­ras und Lau­da­tor woll­te sie nicht. Der Band mit ih­rem Fo­to auf dem Ti­tel ist – so wie die Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin selbst in der Mag­de­bur­ger In­dus­trie­hal­le – ir­gend­wann ein­fach da.

Die­ses Ver­fah­ren ist auch des­we­gen be­mer­kens­wert, weil es in schar­fem Ge­gen­satz zu dem ei­nes an­de­ren CDU-Po­li­ti­kers steht, des­sen Na­me der­zeit eben­falls häu­fig fällt, wenn es um die mög­li­che Nach­fol­ge von Mer­kel geht: Jens Spahn. Auch über den 38-jäh­ri­gen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter liegt seit ei­ni­gen Wo­chen ei­ne Bio­gra­fie in den Buch­hand­lun­gen. Und dass das so ist, wur­de der Öf­fent­lich­keit in ei­nem gut ge­füll­ten Saal gleich ne­ben dem Bran­den­bur­ger Tor aus­führ­lich mit­ge­teilt. Spahn hat mit sei­nen Mei­nun­gen und Macht­an­sprü­chen im­mer wie­der für größt­mög­li­chen Wir­bel ge­sorgt. Vie­le in der Uni­on seh­nen sich – nach der Mo­de­ra­ti­ons­kö­ni­gin Mer­kel – nach ei­nem sol­chen Typ. An­de­re sind ver­schreckt. „Be­kannt bin ich jetzt, be­liebt muss ich noch wer­den“, hat Spahn selbst sei­nem Bio­gra­fen ge­sagt. Bei Kramp-Kar­ren­bau­er ist es eher um­ge­kehrt.

Aber wo der her­aus­for­dern­de West­fa­le Spahn viel­leicht zu an­ders ist als Mer­kel, könn­te die Saar­län­de­rin als zu ähn­lich wahr­ge­nom­men wer­den: Frau, prak­ti­sche Fri­sur, schnell im Kopf, nüch­tern in der Art. Da­bei un­ter­schei­det die bei­den Po­li­ti­ke­rin­nen viel: Kramp-Kar­ren­bau­er agiert zu­ge­wand­ter und wär­mer, ist fest ver­an­kert in der west­deut­schen CDU, sie ist ka­tho­lisch und Mut­ter von drei Kin­dern.

In ih­rem Buch ant­wor­tet sie auf die Fra­ge, was sie an Kanz­le­rin Mer­kel am meis­ten be­ein­dru­cke: „Die Klug­heit, mit der sie es zu ih­rem Vor­teil ge­nutzt hat, dass sie oft un­ter­schätzt wur­de. Aber auch die kla­re Här­te, mit der sie sich durch­ge­setzt hat, als es dar­auf an­kam.“Das klingt wie ei­ne per­fek­te Selbst­be­schrei­bung. Wo­bei das mit der Här­te bei der net­ten Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin aus dem Saar­land wo­mög­lich noch aus­ge­präg­ter ist als bei der Kanz­le­rin: Kalt­blü­tig bei­spiels­wei­se be­en­de­te sie 2012 die ers­te Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on auf Lan­des­ebe­ne bei ihr da­heim in Saar­brü­cken. Üb­ri­gens ge­gen den aus­drück­li­chen Rat der Kanz­le­rin und aus­ge­rech­net am Drei­kö­nigs­tag, als die Li­be­ra­len sich tra­di­ti­ons­ge­mäß in Stutt­gart fei­ern woll­ten. In der CDU-Par­tei­zen­tra­le räum­te die Ge­ne­ra­lin auf. Sie schuf so­gar das Mit­tag­es­sen bei der Vor­stands­sit­zung ab. Wer Hun­ger hat, muss sich nun drau­ßen be­die­nen. Drin­nen wird ge­ar­bei­tet.

AKK kann aber auch hol­zen. Als es um ih­re Wie­der­wahl 2017 als Mi­nis­ter­prä­si­den­tin ging, un­ter­sag­te sie pu­bli­kums­wirk­sam tür­ki­sche Wahl­kampf­auf­trit­te, ob­wohl mit de­nen an der Saar nicht wirk­lich zu rech­nen war. Die AfD be­zeich­ne­te sie als Rat­ten­fän­ger – und nahm auch nach Em­pö­rung über die­se Wort­wahl kei­ne Sil­be zu­rück. Für Kram­pKar­ren­bau­ers Selbst­be­wusst­sein spre­chen ih­re le­gen­dä­ren Fast­nacht-Auf­trit­te als Putz­frau Gre­tel mit Kopf­tuch und Kit­tel­schür­ze. Auf dem Deutsch­land­tag der Jun­gen Uni­on ver­gan­ge­nes Wo­che­n­en­de zog sie sich um­stands­los die ge­schenk­te Re­gen­ja­cke über und stand dann wie ein über­di­men­sio­na­les Gelb­käpp­chen auf der Büh­ne. Lä­cher­lich wirkt so et­was bei ihr nie, nur lus­tig.

Die Fra­ge scheint al­so längst nicht mehr zu sein, ob die­se Frau auch Kanz­ler kann, son­dern ob sie will und ob sie wird. In Bay­ern wird jetzt ge­wählt und in Hes­sen in zwei Wo­chen. Und je nach Er­geb­nis wird Kramp-Kar­ren­bau­er ih­ren Teil der Ant­wort frü­her ge­ben müs­sen als ei­gent­lich ge­dacht.

Sie hät­te je­den Ka­bi­netts­pos­ten be­set­zen kön­nen – doch sie woll­te nicht Zur Fast­nacht tritt sie als Putz­frau Gre­tel mit Kopf­tuch und Kit­tel­schür­ze auf

Fo­to: dpa/Micha­el Kappeler

Vor­gän­ge­rin und Nach­fol­ge­rin? CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er sam­melt ge­ra­de Punk­te im noch un­er­klär­ten Kampf um das Mer­kel-Er­be.

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