Sturm dellt Welt

Wie re­gen­rei­che Hur­ri­kans die Er­de ver­än­dern

Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde - - Meinungen Und Hintergrund - Ina Mat­thes Neu­es aus Wis­sen­schaft und Tech­nik

In der Son­nen­al­lee pflü­gen die Au­tos rad­t­ief durchs Was­ser. Ei­ne Frau stakst über ei­ne über­flu­te­te Kreu­zung und taucht plötz­lich bis zu den Schul­tern ab. Sie ist in ei­nen Gul­ly ge­fal­len. Über U-Bahn-Trep­pen schie­ßen Sturz­bä­che. 29. Ju­ni 2017. Aus­nah­me­zu­stand in Ber­lin.

Ame­ri­ka­ner zu­cken wahr­schein­lich nur die Schul­tern an­ge­sichts die­ser Ber­li­ner Ka­ta­stro­phe. Hur­ri­kan Micha­el hat ge­ra­de Re­gen­strö­me auf Flo­ri­da her­ab­stür­zen las­sen und Me­ter ho­he Sturm­flu­ten vor sich her­ge­trie­ben. Da geht selbst die Er­de in die Knie. Das ha­ben Chris Mill­li­ner und Kol­le­gen von der Welt­raum­agen­tur Na­sa be­rech­net. Sie woll­ten wis­sen, un­ter wel­chen Mas­sen von Was­ser Hur­ri­kans Land­stri­che be­gra­ben. Als im ver­gan­ge­nen Jahr Har­vey über die ame­ri­ka­ni­sche Golf­küs­te her­fiel, ha­ben sie mit Funk­si­gna­len von Sa­tel­li­ten und mehr als 200 Bo­den­sta­tio­nen die Was­ser­mas­sen zu­min­dest grob ver­mes­sen. Her­aus­ge­kom­men ist die un­vor­stell­ba­re Men­ge von rund 95 Ku­bik­ki­lo­me­tern Was­ser. Das ist bei­na­he zwei Mal der Bo­den­see. Wenn sol­che Mas­sen her­ab­stür­zen, dann gibt die Er­de nach. Um bis zu zwei Zen­ti­me­ter hat Har­vey die Erd­krus­te ein­ge­dellt. Die Krus­te selbst ist zwar hart, aber sie schwimmt auf ei­nem zäh­flüs­si­gen Gesteins­brei. Das Gan­ze ist al­so fle­xi­bel. Die Was­ser­mas­sen del­len die Erd­ober­flä­che ein – wie ein Mensch, der sich auf ei­ne Ma­trat­ze legt. Bei ei­ner Ma­trat­ze sind zwei Zen­ti­me­ter nicht so viel – bei der Erd­krus­te schon. Das ist mehr als der Hi­ma­la­ya im Jahr durch Be­we­gung der Erd­plat­ten aus­beult – et­was über ei­nen Zen­ti­me­ter. Das hat auch Mil­li­ner ver­blüfft. Al­ler­dings geht es der Krus­te wie der Ma­trat­ze – ist die Be­las­tung weg, dellt sie sich wie­der aus. Das dau­er­te nach Har­vey et­wa fünf Wo­chen, dann war das meis­te Was­ser weg. Et­wa 60 Pro­zent floss be­reits in den ers­ten sie­ben Ta­gen ins Meer ab. Un­ge­fähr zehn Pro­zent sind ver­duns­tet. Und die üb­ri­gen 30 Pro­zent ver­sumpf­ten zu­nächst das Land, um all­mäh­lich zu ver­si­ckern oder zu ver­duns­ten.

Nun sind Mil­li­ners Zah­len be­ein­dru­ckend. Wer er­war­tet schon, dass ein Sturm der­art die Welt dellt. Aber die For­schung hat ei­nen tie­fe­ren Sinn. Die Wis­sen- schaft­ler wol­len wis­sen, wie Küs­ten-Be­woh­ner künf­tig mit den Micha­els und Har­veys klar­kom­men kön­nen. Was pas­siert mit dem Was­ser nach dem Hur­ri­kan? Wie und wo­hin fließt es ab? Wel­che Ge­gen­den sind be­son­ders ge­fähr­det? In Zu­kunft, be­fürch­ten Kli­ma­for­scher, könn­ten Stür­me in ei­ner wär­me­ren Welt öf­ter hef­tig aus­fal­len. Sie las­sen sich nicht stop­pen. Al­so hilft nur, Sied­lun­gen was­ser­fest zu ma­chen. In den USA ent­de­cken Pla­ner ge­ra­de den Stra­ßen­gra­ben neu. Die Chi­ne­sen bau­en Schwamm-Städ­te mit viel Grün und Bä­chen, die sich zum Fluss wei­ten dür­fen bei Flut. Häu­ser in ih­rer Nä­he sind auf Er­he­bun­gen ge­baut. Auch wir Deut­schen müs­sen uns et­was ein­fal­len las­sen nach den Er­fah­run­gen mit Stark­re­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re. Die Re­gen­was­ser-Ka­nä­le in vie­len Städ­ten sind alt und nicht kon­stru­iert für mo­der­ne Sturz­flu­ten. Sie neu zu bau­en, kos­tet viel Geld und Zeit. Ex­per­ten schla­gen vor, statt­des­sen mit dem Be­ton auf­zu­räu­men und Was­ser den Weg nach un­ten frei zu ma­chen. Ra­sen­git­ter­stei­ne ver­le­gen statt Park­plät­ze ze­men­tie­ren. We­ge vom Pflas­ter be­frei­en. Mehr Wie­sen und Parks an­le­gen. Pa­cken wir´s an: Grü­ner un­se­re Städ­te und Ge­mein­den.

Fra­gen und Mei­nun­gen zu Nach­ge­forscht an: cvd@moz.de

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