The­ma stieß auf Des­in­ter­es­se

Ver­ein Kin­der­ge­fäng­nis Bad Frei­en­wal­de spricht auf Markt­platz mit Bür­gern / Zahl der Kur­städ­ter über­sicht­lich

Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde - - Vorderseite - VoN Stef­feN gött­maNN

Bad Frei­en­wal­de. Die Re­so­nanz war eher mä­ßig: Der Ver­ein Kin­der­ge­fäng­nis Bad Frei­en­wal­de hat­te am Frei­tag zum Dia­log mit den Bür­gern auf den Markt­platz ein­ge­la­den.

Bad Frei­en­wal­de. Nur we­ni­ge Bad Frei­en­wal­der ha­ben sich am Frei­tag­nach­mit­tag auf dem Markt­platz ein­ge­fun­den. Mit­glie­der des Ver­eins Kin­der­ge­fäng­nis Bad Frei­en­wal­de bo­ten sich den Bür­gern der Stadt zum Gespräch an. Sie lu­den zu selbst­ge­ba­cke­nem Ku­chen ein.

Bei­ßend kalt ist es auf dem Bad Frei­en­wal­der Markt­platz. Ne­ben der Ei­che hat der Ver­ein ei­nen Stand auf­ge­schla­gen, an dem er Ku­chen und Kaf­fee ver­teilt. Doch nur we­ni­ge Bad Frei­en ha­ben den Weg dort­hin ge­fun­den.

„Wir ha­ben nie et­was er­fah­ren, wir wis­sen nichts“, sag­te Fried­helm Hö­ni­cke aus Neu­tor­now. Sein jün­ge­rer Bru­der Egon ist 1970 mit 16 Jah­ren auf bis­her un­ge­klär­te wei­se im Durch­gangs­heim Bad Frei­en­wal­de zu To­de ge­kom­men. Ein Wai­sen­kna­be sei er nicht ge­we­sen. „Er hat mit zwei an­de­ren Mist ge­baut, ist aber als ein­zi­ger zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wor­den“, so Fried­helm Hö­ni­cke. Schnaps ge­stoh­len hät­ten sie bei­spiels­wei­se. Sei­nem Freund sei nichts pas­siert, weil des­sen Va­ter bei der Volks­po­li­zei war. Der Bru­der sei sei bei­spiels­wei­se in Straus­berg ein­ge­sperrt wor­den, sei aber aus­ge­ris­sen, weil er es un­ge­recht emp­fand, dass er als ein­zi­ger bü­ßen muss­te. Als

Egon zum drit­ten Mal ein­ge­fan­gen und ins Durch­gangs­heim ge­steckt wur­de, hör­te die Fa­mi­lie nichts mehr. „Zwei Sta­si-Scher­gen in­for­mier­ten uns, dass er ge­stor­ben sei“, so Fried­helm Hö­ni­cke. Woran? Das weiß kei­ner. Er sel­ber war 20 Jah­re alt und ar­bei­te­te be­reits.

Zu­sam­men mit Mit­glie­dern des Ver­eins „Kin­der­ge­fäng­nis Bad Frei­en­wal­de“woll­te er am Frei­tag auf dem Markt­platz auf das Un­recht in dem Durch­gangs­heim auf­merk­sam ma­chen. Trotz des Schick­sal­schlags bleibt der Neu­tor­no­wer bei der Be­zeich­nung „Durch­gangs­heim“. Dort­hin sei­en die Kin­der und Ju­gend­li­chen

ein­ge­lie­fert wor­den, be­vor sie in Ju­gend­werk­hö­fe und an­de­re Ein­rich­tun­gen ka­men.

„Uns in­ter­es­siert, wie weit die Au­f­ar­bei­tung ge­die­hen ist“, sag­te Ger­da Bruch­holz aus Bad Frei­en­wal­de, die mit ei­ner Freun­din auf den Markt­platz ge­kom­men war. Sie hat­te in die­ser Zei­tung über das Durch­gangs­la­ger ge­le­sen. „Ich ha­be in der Nä­he ge­wohnt und ge­se­hen, wie die Kin­der an den Git­tern hin­gen und rie­fen“, be­rich­tet die Freun­din. Weil sie es nicht mehr aus­hal­ten konn­te, ha­be sie dann ei­nen an­de­ren Weg nach Hau­se ge­wählt. „Man hät­te die Kin­der nicht so ein­sper­ren dür­fen“, so die bei­den

Frau­en. Schwer­erzieh­ba­re Kin­der soll­te man bes­ser in Fa­mi­li­en ge­ben, wo es ih­nen gut geht.

„Mei­ne Be­kann­te be­kommt Heul­krämp­fe, wenn et­was über die­ses Heim hört oder liest“, sag­te ei­ne äl­te­re Frau. Ih­re Be­kann­te ha­be im Durch­gangs­heim ge­ar­bei­tet und ei­ne an­de­re Sicht­wei­se. „Ich ha­be das Ge­fühl, mir wird die Schuld über­ge­stülpt“, schil­der­te die Frau. „Nein, das ist nicht so. Sie konn­ten doch nichts ma­chen“, sag­te ei­ne Frau­en, die als Kin­der ein­ge­sperrt wa­ren.

Bür­ger­meis­ter Ralf Leh­mann (CDU) schlug ein Ge­sprächs­fo­rum un­ter der Re­gie des Bür­ger­fo­rums „Kur­stadt-Dia­log“vor. Dort

soll­ten Be­trof­fe­ne mit Be­treu­ern und Bür­gern ins Gespräch kom­men. Au­f­ar­bei­tung sei ihm ein­re viel zu wis­sen­schaft­li­che De­fi­ni­ti­on, sag­te Leh­mann. Viel­mehr sei es wich­tig, To­le­ranz zu zei­gen und je­weils den an­de­ren aus­spre­chen zu las­sen.

„Von Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung kann in Bad Frei­en­wal­de kei­ne Re­de­sein“, be­dau­er­te der Kur­städ­ter Lutz Scholz. An je­dem kö­nig­li­chen Ge­bäu­de pran­ge ei­ne Email­le-Ta­fel, aber in der Ge­sund­brun­nen­stra­ße an den NKWD-Kel­ler zu er­in­nern, wo Men­schen ge­fol­tert wur­den, da­zu kön­ne sich die Stadt nicht durch­rin­gen.

Fo­to: Stef­fen Gött­mann

Zum Dia­log be­reit: Bür­ger­meis­ter Ralf Leh­mann bie­tet Vor­stands­mit­glied Bri­git­te Schrei­ber, ein Dis­kus­si­ons­fo­rum an.

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