St­ein­mei­er warnt vor „ag­gres­si­vem Na­tio­na­lis­mus“

Deutsch­lands „Schick­sals­da­tum“9. No­vem­ber: Bun­des­tag ge­denkt der Po­grom­nacht vor 80 Jah­ren, der Aus­ru­fung der Re­pu­blik nach dem Ers­ten Welt­krieg und dem Fall der Mau­er

Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde - - Blickpunkt -

Mit War­nun­gen vor Hass und Het­ze ist am Frei­tag an vie­len Or­ten in Deutsch­land der Op­fer der Na­zi-Po­gro­me vom 9. No­vem­ber 1938 ge­dacht wor­den. Zu­gleich er­in­ner­te Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er im Bun­des­tag an den „glück­lichs­ten 9. No­vem­ber“der deut­schen Ge­schich­te, den Fall der Mau­er 1989.

Ber­lin. Am 80. Jah­res­tag der Reichs­po­grom­nacht hat Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er vor ei­nem „neu­em, ag­gres­si­ven Na­tio­na­lis­mus“ge­warnt. Der Na­tio­na­lis­mus be­schwö­re ei­ne „hei­le al­te Welt, die es so nie ge­ge­ben hat“, sag­te St­ein­mei­er am Frei­tag bei ei­ner Ge­denk­stun­de im Bun­des­tag zum 9. No­vem­ber als „Schick­sals­tag der Deut­schen“. Ein auf­ge­klär­ter und de­mo­kra­ti­scher Pa­trio­tis­mus hin­ge­gen sei ein „be­stän­di­ger Ansporn“da­für, die Zu­kunft bes­ser zu ma­chen.

Die Po­gro­me vor 80 Jah­ren stün­den „für den un­ver­gleich­li­chen Bruch der Zi­vi­li­sa­ti­on, für den Ab­sturz Deutsch­lands in die Bar­ba­rei“, sag­te St­ein­mei­er wei­ter. „Wir ge­den­ken heu­te der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, und wir wis­sen um un­se­re Ver­ant­wor­tung, die kei­nen Schluss­strich kennt.“

In der Nacht vom 9. zum 10. No­vem­ber 1938 hat­te es in ganz Deutsch­land Aus­schrei­tun­gen ge­gen Ju­den und jü­di­sche Ein­rich­tun­gen ge­ge­ben. Durch den aus­blei­ben­den Pro­test der Ge­sell­schaft fühl­ten sich die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in ih­rem Vor­ha­ben be­stärkt, ih­re Plä­ne zur Ver­nich­tung der jü­di­schen Be­völ­ke­rung Eu­ro­pas vor­an­zu­trei­ben.

Zu­gleich er­in­ner­te St­ein­mei­er an wei­te­re ge­schichts­träch­ti­ge Er­eig­nis­se am 9. No­vem­ber, die Aus­ru­fung der Re­pu­blik 1918 und den Fall der Mau­er 1989. Die Frau­en und Män­ner, die im Herbst 1989 un­ter an­de­rem in Leip­zig, Dres­den und Ber­lin auf die Stra­ße gin­gen, hät­ten den Weg zur Wie­der­ver­ei­ni­gung be­rei­tet. „Oh­ne ih­re fried­li­che Re­vo­lu­ti­on, oh­ne ih­ren Mut und Frei­heits­wil­len“hät­te es je­nen „glück­lichs­ten 9. No­vem­ber in un­se­rer Ge­schich­te“nicht ge­ge­ben.

Der Bun­des­prä­si­dent rief zum Han­deln auf, „wo auch im­mer die Wür­de des An­de­ren ver­letzt wird“, zum Ge­gen­steu­ern ge­gen ei­ne „Spra­che des Has­ses“. Er for­der­te Wi­der­spruch, wenn „Grup­pen zu Sün­den­bö­cken er­klärt wer­den“und Men­schen ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­on oder Haut­far­be un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­stellt wür­den. „Und wir las­sen nicht nach in un­se­rem Kampf ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus.“

Am 100. Jah­res­tag der Aus­ru­fung der Re­pu­blik durch den So­zi­al­de­mo­kra­ten Phil­ipp Schei­de­mann äu­ßer­te St­ein­mei­er den drin­gen­den Wunsch, dass mög­lichst vie­le Men­schen „den Mut fas­sen, sich in und für die­se De­mo­kra­tie zu en­ga­gie­ren“. Es ge­be ein tie­fes Be­dürf­nis nach Hei­mat, Zu­sam­men­halt und Ori­en­tie­rung, sag­te St­ein­mei­er. Da­für spie­le der Blick auf die Ge­schich­te ei­ne ent­schei­den­de Rol­le: „Wir brau­chen die Er­in­ne­rung.“St­ein­mei­er äu­ßer­te die Über­zeu­gung, „wir kön­nen stolz sein auf die Tra­di­tio­nen von Frei­heit und De­mo­kra­tie, oh­ne den Blick auf den Ab­grund der Shoah zu ver­drän­gen“.

Auch Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) warn­te vor Hass und Het­ze in der Ge­sell­schaft. Die rich­ti­gen Schlüs­se aus Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus zu zie­hen, sei nicht nur Auf­ga­be an ei­nem Ge­denk­tag . „Wir soll­ten je­den Tag dar­über nach­den­ken“, sag­te Mer­kel bei ei­ner Ge­denk­ver­an­stal­tung in der Sy­nago­ge in der Ber­li­ner Ry­ke­stra­ße.

Die Bun­des­kanz­le­rin zeich­ne­te ein zwie­späl­ti­ges Bild der Ge­gen­wart. Als „uner­war­te­tes Ge­schenk nach der Schoah“mit sechs Mil­lio­nen er­mor­de­ten Ju­den ge­be es heu­te wie­der ein blü­hen­des jü­di­sches Le­ben in Deutsch­land. Zu­gleich sei ein be­sorg­nis­er­re­gen­der An­ti­se­mi­tis­mus fest­zu­stel­len, der sich zu­neh­mend of­fen ent­la­de.

An der Ge­denk­ver­an­stal­tung nah­men Ver­tre­ter des Ju­den­tums, von Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag, Kir­chen und Ge­sell­schaft teil, dar­un­ter Bun­des­prä­si­dent St­ein­mei­er und Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le. Aus­drück­lich nicht ein­ge­la­den hat­te der Zen­tral­rat der Ju­den als Haus­herr Ver­tre­ter der AfD. Zen­tral­rats­prä­si­dent Jo­sef Schus­ter kri­ti­sier­te die Par­tei, oh­ne sie na­ment­lich zu nen­nen, als „geis­ti­ge Brand­stif­ter“, die die Het­ze ge­gen Flücht­lin­ge, Mus­li­me und Ju­den „per­fek­tio­niert“ha­be. (epd/dpa)

Bun­des­prä­si­dent for­dert Wi­der­stand ge­gen Spra­che des Has­ses

Fo­to: dpa/Wolf­gang Kumm

Re­de zum „Schick­sals­tag“der Deut­schen: Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er ges­tern im Bun­des­tag

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