Treu­hand und kein En­de

Ge­schichts­auf­ar­bei­tung auch für an­de­re Nach­wen­de- Ge­scheh­nis­se er­for­der­lich

Märkische Oderzeitung Bernau - - Leserbriefe -

Zu „Treu­hand soll un­ter die Lu­pe“(Aus­ga­be vom 9. Ju­li):

Um von den ak­tu­el­len Fehl­ent­wick­lun­gen ab­zu­len­ken, las­sen sich ei­ni­ge Po­li­ti­ker echt et­was ein­fal­len. Viel­leicht ha­ben es ei­ni­ge Po­li­ti­ker bis heu­te noch nicht be­grif­fen, wel­che ne­ga­ti­ve Rol­le die Treu­hand bei der Ab­wick­lung der ost­deut­schen Wirt­schaft ge­spielt hat. Da­mals selbst in der Kri­se, konn­te die west­deut­sche Wirt­schaft sich der läs­ti­gen Kon­kur­renz ent­le­di­gen, de­ren Er­zeug­nis­se sie jah­re­lang bil­lig auf­kauf­te. Man konn­te hun­dert­tau­sen­de mo­ti­vier­te Fach­kräf­te ab­wer­ben und sich ei­nen Bin­nen­markt er­schlie­ßen. Zu den Ver­mö­gens­wer­ten muss man nicht viel sa­gen. Geld, Im­mo­bi­li­en und Grund­stü­cke sind nicht weg, sie ha­ben jetzt nur an­de­re Be­sit­zer. Uns Bür­ger in­ter­es­siert viel mehr, war­um ge­ra­de die SPD seit 2005 so in­ten­siv und aus wirt­schaft­li­cher Sicht ab­so­lut un­nö­tig an der Kür­zung des Ren­ten­ni­veaus ge­ar­bei­tet hat? Das wä­re mal ehr­li­che Ge­schichts­auf­ar­bei­tung. andre­as hei­sing stor­kow Si­cher gab es bei der Treu­hand auch schwar­ze Scha­fe, die die läs­ti­ge Ost-kon­kur­renz weg ha­ben woll­ten und Ost­deutsch­land nur als neu­en Markt an­sa­hen. Un­term Strich war die Treu­hand ein Er­folgs­mo­dell, ver­g­li­chen mit dem Pri­va­ti­sie­rungs­mo­dell der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on. An- statt in der Ver­gan­gen­heit Schul­di­ge zu su­chen, soll­ten wir Os­sis lie­ber stolz auf uns sein. Wer muss­te schon sein Le­ben nach der Wen­de völ­lig neu er­fin­den und die Meis­ten ha­ben et­was dar­aus ge­macht. rü­di­ger lütt­ge alt­land­sberg ot giels­dorf Die du­bio­se Be­tä­ti­gung der Treu­hand ab März 1990 be­grün­det ei­ne der fol­gen­schwe­ren his­to­ri­schen Ur­sa­chen für die de­klas­sier­te ost­deut­sche Wirt­schaft in ih­rer läh­men­den Sta­gna­ti­on. Dass die­se fa­ta­le Pha­se der neu­en Bun­des­län­der über Jahr­zehn­te in der Ge­schichts­for­schung kei­ne Be­ach­tung fand, war po­li­tisch ge­wollt. An­de­re Prio­ri­tä­ten wa­ren ge­setzt. Gleich­wohl ist es längst an der Zeit, die­se Er­kennt­nis-lü­cke zu schlie­ßen. Die Treu­hand hat vie­len, wenn nicht den meis­ten Ost­deut­schen trau­ma­ti­sche Er­leb­nis­se be­schert. Sie gilt im Os­ten de­fi­ni­tiv nicht als Sym­bol ei­ner funk­tio­nie­ren­den so­zia­len Markt­wirt­schaft, son­dern als das Sym­bol ei­nes bru­ta­len, un­ge­zü­gel­ten Ka­pi­ta­lis­mus, ver­bun­den mit De­in­dus­tria­li­sie­rung und Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit. Das al­les hat das Ver­trau­en in den neu­en Staat schwer er­schüt­tert und zu ei­ner un­glaub­li­chen Ent­täu­schung ge­führt, de­ren Nach­we­hen wir bis heu­te spü­ren. Die Initi­al­zün­dung zur wis­sen­schaft­li­chen Au­f­ar­bei­tung des au­gen­schein­li­chen Ge­schichts-de­fi­zits kommt nicht von Un­ge­fähr. Denn es sind rüh­ri­ge Po­li­ti­ker der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on, die den ers­ten An­stoß ga­ben. Al­ler­dings gibt es im Um­feld auch rück­wärts­ge­wand­te Kräf­te, die dem Pro­jekt ein In­ter­es­se ent­ge­gen­brin­gen, al­ler­dings um es zu zer­re­den oder gleich ganz zu blo­ckie­ren. Manf­red ge­bert neu­en­ha­gen

Fo­to: dpa/hu­bert Link

Für vie­le ein ro­tes Tuch: Die Treu­hand steht heu­te in dem Ruf, die Ost-wirt­schaft ab­sichts­voll zer­stört zu ha­ben.

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