Kei­ne Zeit!

Vor dem Ur­laub füh­len sich vie­le noch ge­hetz­ter als sonst / Ein Zeit­for­scher er­klärt, wor­an das liegt

Märkische Oderzeitung Bernau - - Aus Aller Welt -

Nie hat­ten Men­schen so viel Zeit, nie fühl­ten sie sich so ge­hetzt. Die Zeit vor dem Ur­laub wird als be­son­ders stres­sig er­lebt, weil vor­her noch so viel er­le­digt wer­den muss. Ga­b­ri

in­gen­thron sprach mit dem ele Münch­ner Zeit­for­scher Karl­heinz Geiß­ler (73) über un­se­re Not mit der Zeit.

Herr Geiß­ler, was ha­ben Sie ge­gen Uh­ren?

Ich ha­be nichts ge­gen Uh­ren, ich muss nur kei­ne tra­gen. Die Uhr­zeit ist ei­ne fremd­be­stimm­te Zeit. Ich mer­ke selbst, was ich brau­che. Das kann ich be­son­ders gut, seit ich pen­sio­niert bin. Zu­ge­ge­ben: Das ist na­tür­lich im Ar­beits­le­ben schwie­ri­ger.

Die Uhr dient der Ab­spra­che zwi­schen Men­schen. Wer sich nicht dar­an hält, ist ein ZeitDieb.

In Si­tua­tio­nen, in de­nen ich ge­mein­sam et­was ma­chen muss, brau­che ich die Uhr auch. Die Uhr ist kei­ne blöd­sin­ni­ge Er­fin­dung. Nur: Wir ha­ben es über­trie­ben. Auch wenn wir nichts ko­or­di­nie­ren, schau­en wir an­dau­ernd auf die Uhr. Das ist völ­lig über­flüs­sig.

Vie­le Men­schen ha­ben den Ein­druck, dass al­les im­mer schnel­ler geht. Wo­her kommt das?

Die Zeit wird nicht be­schleu­nigt, son­dern die Men­schen sind be­schleu­nigt. Die Zeit lässt sich nicht be­schleu­ni­gen, son­dern wir tun das mit uns selbst und schie­ben es der Zeit in die Schu­he. In New York zum Bei­spiel wer­den die Leu­te im­mer schnel­ler, weil da mehr Geld ver­dient wird. Das heißt, die Ver­rech­nung von Zeit in Geld macht die Zeit schnell.

Oh­ne Uhr kein Ka­pi­ta­lis­mus. Bis zum En­de des Mit­tel­al­ters war die Zeit das Wer­den und Ver­ge­hen in der Na­tur. Dar­an hat sich der Mensch ori­en­tiert. Erst als man die abs­trak­te Zeit er­fun­den hat, konn­te man Zeit mit Geld ver­rech­nen.

Der Mensch ist mit ei­nem ei­ge­nen Zeit­sys­tem ge­bo­ren, dem ei­ge­nen Rhyth­mus. Mit die­sem Rhyth­mus zu le­ben ist ganz wich­tig, da­mit er ge­sund bleibt. Das Geld kennt die­sen Rhyth­mus nicht. Das Geld kennt nur den Takt, und das Geld gibt die Uhr vor. Des­halb ist mei­ne Ma­cke,

kei­ne Uhr zu tra­gen, gleich­zei­tig ein Hin­weis dar­auf, dass ich mei­nem Rhyth­mus treu blei­ben möch­te – und nicht dem Takt. Vie­le fin­den: Die stres­sigs­te Zeit im Jahr ist die vor Weih­nach­ten und vor dem Ur­laub. War­um? Der Mensch ist ein Über­gangs­we­sen, er muss all­mäh­lich in

den Ur­laubs­sta­tus hin­ein­rut­schen. Wenn Sie ge­hetzt weg­fah­ren, brau­chen Sie drei Ta­ge, bis Sie im Ur­laubs­mo­dus sind. Die­se Über­gän­ge wer­den weg­ra­tio­na­li­siert in un­se­rer Ge­sell­schaft: Man klotzt bis zum letz­ten Mo­ment ran und meint dann, den Ur­laub ver­nünf­tig be­ge­hen zu kön­nen. Das geht eben so nicht. (epd)

Ide­al­zu­stand: Wer beim Kof­fer­pa­cken lä­cheln kann, macht wahr­schein­lich al­les rich­tig. Vie­le neh­men sich da­ge­gen zu we­nig Zeit für den Über­gang vom Schreib­tisch zum Strand, sagt Zeit­for­scher Karl­heinz Geiß­ler (kl. Fo­to). Fo­tos: dpa/time­sand­mo­re

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