Der zwei­ge­teil­te Sö­der

Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent ge­fiel sich lan­ge in der Rol­le des Ma­chers – nun gibt er den für­sorg­li­chen Lan­des­va­ter

Märkische Oderzeitung Bernau - - Meinungen Und Hintergrund -

An­dechs. Im Wahl­kampf gab sich Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent zu­erst kra­wal­lig, dann schal­te­te er um auf ver­ständ­nis­vol­len Lan­des­va­ter. Dass die CSU in Ber­lin mit­re­giert, ver­such­te er aus­zu­blen­den.

Klos­ter An­dechs, der hei­li­ge Berg. Tra­di­ti­on, Glau­be und viel Bier. Kaum ein an­de­rer Ort steht so für den My­thos Bay­ern wie die­ser Hü­gel mit sei­ner Klos­ter­kir­che, wo­hin Tag für Tag Hun­der­te, ja Tau­sen­de pil­gern und es sich schme­cken las­sen. Es könn­te ein tri­um­pha­ler Auf­tritt werden für Mar­kus Sö­der an die­sem Ort, im An­dech­ser Klos­ter­gast­hof, ei­ne De­mons­tra­ti­on baye­ri­scher Csu­stär­ke.

Doch der Kan­di­dat für das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten re­det eher ge­dämpft. Er spricht ru­hi­ger, als man es von ihm ge­wohnt ist, er ver­sucht, Emo­ti­on in sei­ne Stim­me zu le­gen. „Ver­trau­en Sie dar­auf, dass der Frei­staat Bay­ern weiß, was er tut“, sagt er zu den rund 300 Be­su­chern der Wahl­kampf­ver­an­stal­tung. „Wir ga­ran­tie­ren, uns al­le Mü­he zu ge­ben.“Da re­det der hoch­ge­wach­se­ne, 51 Jah­re al­te Mann, den man als schar­fen Po­la­ri­sie­rer kennt – auch als Ra­bau­ken – jetzt mit aus­ge­schal­te­tem An­griffs­mo­dus.

Sö­der, seit sie­ben Mo­na­ten baye­ri­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent, kämpft um sein Amt, und er muss dar­um kämp­fen. Auf 35 und we­ni­ger Pro­zent­punk­ten steht die CSU in den Um­fra­gen, die bis­he­ri­ge ab­so­lu­te Mehr­heit im Land­tag scheint de­fi­ni­tiv da­hin. Im Frei­staat ist die At­mo­sphä­re flir­rend. Ei­ne hal­be St­un­de spricht Sö­der in An­dechs. Er be­ginnt mit ei­ner Be­schwö­rungs­for­mel: „In Deutsch­land ist Bay­ern das Rück­grat, in Bay­ern ist es die CSU.“Schnell geht es durch die von ihm ein­ge­führ­ten Seg­nun­gen: 4000 neue Leh­rer­stel­len, das Fa­mi­li­en­geld für die El­tern klei­ner Kin­der, das Lan­des­pfle­ge­geld – „so­was gibt es nur in Bay­ern“.

Sein Ziel in die­sen letz­ten Wo­chen war es, den Frei­staat von der Bun­des­po­li­tik und vom häu­fig als ka­ta­stro­phal wahr­ge­nom­me­nen Auf­tre­ten Horst See­ho­fers ab­zu­kop­peln, dem Bun­des­in­nen­mi­nis­ter und Csu­vor­sit­zen­den. Im Baye­ri­schen Rund­funk, wo er sich jüngst 100 Zu­schau­ern stell­te, mein­te Sö­der: „Am Sonn­tag fin­det kei­ne Bun­des­tags­wahl statt.“Und dass es fa­tal wä­re, we­gen Ber­lin die CSU in Bay­ern ab­zu­stra­fen.

Seit sei­nem Amts­an­tritt in der Münch­ner Staats­kanz­lei im März hat man zwei ver­schie­de­ne Aus­ga­ben von Mar­kus Sö­der er­lebt. Die ers­ten drei Mo­na­te leg­te er un­ge­stüm, ar­beits­wü­tig und ziem­lich auf rechts ge­bürs­tet los. Er peitsch­te den Kreu­zer­lass durch und ver­stör­te da­mit man­chen. Er schüt­te­te fi­nan­zi­ el­le Wohl­ta­ten über ganz Bay­ern aus. Er gab den Hard­li­ner bei in­ne­rer Si­cher­heit und Asyl. So stampf­te er die ei­ge­ne baye­ri­sche Grenz­po­li­zei, das Lan­des­amt für Asyl und die Flücht­lings­An­ker­zen­tren aus dem Bo­den.

Mit Horst See­ho­fer war sich Sö­der ma­xi­mal noch ei­nig über den har­ten Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik. Es ka­men die Kon­fron­ta­ti­on mit An­ge­la Mer­kel we­gen Zu­rück­wei­sun­gen an der Gren­ze und der Bei­nah­rück­ tritt des Par­tei­chefs. Die Um­fra­ge­wer­te gin­gen von 40 Pro­zent kon­ti­nu­ier­lich nach un­ten.

Da er­setz­te er den ers­ten Mar­kus Sö­der durch den zwei­ten. Die­ser gibt sich als ver­ständ­nis­vol­ler Lan­des­va­ter. Über Flücht­lin­ge spricht er nicht oder ziem­lich mild. In An­dechs klingt das dann so: „Wir Bay­ern ha­ben uns nach 2015 echt hu­man ge­zeigt.“Gut in­te­grier­te Flücht­lin­ge soll­ten „bes­te Start­chan­cen ha­ben“. Im­mer mehr zei­ge sich, „dass die Rich­ti­gen blei­ben und die Rich­ti­gen ge­hen müs­sen“.

Da­für ist in Sö­der aber ein im­men­ser Zorn auf die AFD er­wacht, welche er zu­vor nur igno­riert hat­te. Seit den Chem­nitz­er­eig­nis­sen se­he man de­ren „ei­gent­li­chen Plan“, wet­tert er auf dem hei­li­gen Berg. Die AFD mar­schie­re „Seit an Seit mit Pe­gi­da, Neo­na­zis und Hoo­li­gans“. Sie wol­le „be­waff­ne­te Bür­ger­weh­ren grün­den mit Pa­trouil­len auf den Stra­ßen“.

Es wä­re schon ein Zy­nis­mus der Ge­schich­te, wenn gera­de Mar­kus Sö­der, der seit vie­len Jah­ren an­ge­strebt hat, baye­ri­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent zu werden, na­tür­lich mit Csu­mehr­heit, nun zum Nach­lass­ver­wal­ter der einst ab­so­lu­ten Dau­er­re­gie­rungs­par­tei wür­de – gera­de wenn er auf­steigt, geht es berg­ab. Im Wahl­kampf muss Sö­der vie­les hin­neh­men und ein freund­li­ches Ge­sicht auf­set­zen. In der Br­sen­dung hört er sich Dau­er­kla­gen von Leh­rern mit si­che­rem Ar­beits­platz an und zeigt Ver­ständ­nis. Ob­wohl er ih­nen viel lie­ber sa­gen wür­de, sie soll­ten sich nicht so ha­ben.

Die Ins­ze­nie­rung sei­ner Per­son und sei­ne Vor­stel­lung da­von, wie man Po­li­tik macht, schei­nen nicht mehr zu funk­tio­nie­ren. Ei­ne sei­ner Pres­se­mit­ar­bei­te­rin­nen ist im­mer um ihn her­um, macht Fo­tos mit dem Han­dy, um die so­zia­len Netz­wer­ke Twit­ter und Face­book zu be­die­nen. Die Um­fra­gen lö­sen Pa­nik in der Par­tei aus, doch er muss wei­ter­hin wir­ken wie der freund­lich­zu­pa­cken­de Mi­nis­ter­prä­si­dent, der al­les im Griff hat. „Die Welt liebt uns Bay­ern ei­gent­lich“, schmei­chelt er dem Pu­bli­kum in An­dechs. Am En­de ruft er: „Für ein star­kes Bay­ern.“Der Ap­plaus ist freund­lich, aber nicht ra­send. Dann werden Le­ber­käs Brezn und Bier aus der Klos­ter­braue­rei ge­reicht.

Fo­to: dpa/pe­ter Kn­ef­fel

Es wird eng: Um­fra­gen sa­gen der CSU und Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der (CSU) ein De­ba­kel vor­aus.

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