Im Schat­ten der Män­ner

In­te­gra­ti­on ge­lingt vor al­lem durch Ar­beit mit den zu­ge­wan­der­ten Frau­en

Märkische Oderzeitung Eberswalde - - Meinungen Und Hintergrund - Von Eli­sa­bEth Zoll

Ber­lin. Vor al­lem jun­ge Män­ner und die Fra­ge, wie mit ih­nen um­ge­gan­gen wer­den muss, ste­hen im Fo­kus der In­te­gra­ti­ons­po­li­tik. Doch könn­te es ein Feh­ler sein, sich nur auf die größ­te Pro­blem­grup­pe un­ter den Zu­wan­de­rern zu kon­zen­trie­ren und aus­ge­rech­net die Frau­en au­ßer Acht zu las­sen. Mo­shi setzt sich un­ter Druck: „Ich will al­les in Deutsch ma­chen.“Doch Spra­che ler­nen, sich um die klei­ne Toch­ter küm­mern, In­te­gra­ti­ons­an­ge­bo­te wahr­neh­men und Geld ver­die­nen wol­len ist zu­sam­men zu viel. Hin­zu kommt die Sor­ge um den Ehe­mann und die äl­te­re Toch­ter, die noch nicht in Deutsch­land le­ben.

Die 30-Jäh­ri­ge aus To­go drückt ih­re Hän­de an die Schlä­fen, so als kön­ne sie al­le An­for­de­run­gen auf ein­mal in ih­ren Kopf pres­sen. Deutsch­land ver­langt viel von ihr. „Ich war ein­mal Po­li­zis­tin“. Das hieß et­was in ih­rem Land. Jetzt hat es kei­ne Be­deu­tung mehr. Neu­start in Deutsch­land. Für Mo­shi und vie­le an­de­re Frau­en, die Krie­ge und Kri­sen nach Deutsch­land ge­trie­ben ha­ben, ist das ein schwie­ri­ger Pro­zess.

Frem­de Spra­che, frem­de Kul­tur, frem­des Rol­len­ver­ständ­nis. „Hier in Deutsch­land ha­ben Frau­en vie­le Rech­te“, staunt Eb­ti­sam aus Sy­ri­en. In ih­rer Hei­mat­re­gi­on wur­de sie mit Ein­schrän­kun­gen drang­sa­liert. Frau­en, die sich al­lei­ne in der Öf­fent­lich­keit be­weg­ten, droh­ten ih­ren gu­ten Ruf zu ver­lie­ren. Jetzt muss die Mut­ter zwei­er Töch­ter ge­nau das leis­ten. An­pas­sung an die li­be­ra­le west­li­che Le­bens­wei­se wird ver­langt, schnell und um­fas­send. „Die Leu­te se­hen gar nicht, was das für uns heißt und wie sehr wir uns mü­hen“, klagt Iya­na, ei­ne jun­ge Sy­re­rin.

Nicht nur die An­stren­gun­gen der Flücht­lin­ge wer­den über­gan­gen – es sind oft ge­nug die Frau­en selbst. In der In­te­gra­ti­ons­po­li­tik spie­len sie die zwei­te Gei­ge. Und das ob­wohl zwi­schen 2012 und 2016 mehr als 500 000 Mäd­chen und Frau­en in Deutsch­land Schutz ge­sucht ha­ben.

In­te­gra­ti­ons­po­li­tik folgt dem drän­gends­ten Pro­blem. Und das kommt von Män­nern. Sie be­stim­men die Schlag­zei­len und da­mit auch die Wahr­neh­mung der Zu­wan­de­rer in der Öf­fent­lich­keit. Seit den Über­grif­fen zu Sil­ves­ter in Köln 2015 0hat sich der Blick­win­kel noch ein­mal ver­engt: auf jun­ge, männ­li­che Mi­gran­ten. Sie wer­den pau­schal oft­mals gleich­ge­setzt mit Kri­mi­na­li­tät, is­la­mis­ti­scher Ra­di­ka­li­sie­rung und Ge­walt. In ih­rem Schat­ten blei­ben Frau­en. Zu un­auf­fäl­lig, schein­bar oh­ne grö­ße­re Re­le­vanz für das Auf­nah­me­land. Das könn­te sich rä­chen. Schon ein­mal, beim Zu­zug der ers­ten Gas­t­ar­bei­ter­ge­ne­ra­ti­on in den 60er- und 70er- Jah­ren, hat West­deutsch­land weib­li­chen Zu­wan­de­rern den Rü­cken ge­kehrt. Man ließ es zu, dass sie sich zu­rück­zo­gen in den Fa­mi­li­en­kreis, und wun­der­te sich Jahr­zehn­te spä­ter, wie mas­siv sich Par­al­lel­wel­ten ver­fes­ti­gen konn­ten. Ab­ge­schot­te­te Mi­gran­ten­fa­mi­li­en sperr­ten Wer­te und Ge­pflo­gen­hei­ten ei­ner li­be­ra­len Ge­sell­schaft aus. Der Scha­den war für bei­de Sei­ten groß. Und er bleibt nicht auf die ers­te Zu­wan­de­rer-Ge­ne­ra­ti­on be­schränkt.

Um als Brü­cken­baue­rin im Fa­mi­li­en­kreis wir­ken zu kön- nen, müs­sen die Frau­en selbst un­zäh­li­ge Brü­cken über­schrei­ten. „Ich sa­ge mei­nen Kin­dern, sie müs­sen ler­nen, ler­nen, ler­nen, da­mit sie ein­mal ei­nen gu­ten Be­ruf ha­ben“, er­zählt Mo­shi. Wenn schon nicht für sich, so hofft die Mut­ter, dass ih­ren Töch­tern das Le­ben in Deutsch­land leich­ter ge­lingt. Das Ein­tau­chen in die frem­de Spra­che und die Mo­ti­va­ti­on der Kin­der, Schu­le als Chan­ce zu be­grei­fen, sind nur zwei Aspek­te der Her­aus­for­de­rung, vor der Müt­ter ste­hen. Denn wie sol­len sie ih­re Kin­der er­zie­hen in dem frem­den Land? Wel­che Wer­te ih­nen ver­mit­teln, wel­ches Rol­len­bild?

Pa­me­la, ei­ne 33-Jäh­ri­ge aus Ni­ge­ria, ist un­si­cher. Dass Ju­gend­li-

che in Deutsch­land so selbst­stän­dig sind, ver­stört sie. „Bei uns zu­hau­se ha­ben Kin­der Re­spekt.“Dass ih­re 16-jäh­ri­ge Toch­ter ein­mal mit Gleich­alt­ri­gen abends ins Ki­no ge­hen könn­te, kann sich die Land­wirt­schafts­in­ge­nieu­rin nur schwer vor­stel­len. „Was ma­chen Kin­der um 22 Uhr noch auf der Stra­ße?“, fragt sie ir­ri­tiert. Ih­re Toch­ter muss um 19 Uhr zu Hau­se sein. Ein Um­den­ken er­zwingt auch die Er­zie­hung der Söh­ne. Die Rol­le des all­mäch­ti­gen Fa­mi­li­en-Er­näh­rers taugt für Deutsch­land nicht. „Die bricht ih­nen weg. Da­durch füh­len sie sich ge­de­mü­tigt “, sagt So­phie Bi­schof­ber­ger, ei­ne ge­bür­ti­ge Tu­ne­sie­rin, die sich in der In­te­gra­ti­ons­ar­beit en­ga­giert.

Men­schen wie sie kön­nen Hil­fe­stel­lun­gen ge­ben. Die Brü­cke bau­en müs­sen die Zu­wan­de­rer selbst. Da­zu müs­sen Frau­en in das ge­sell­schaft­li­che Le­ben ein­ge­bun­den wer­den. Das ist al­les an­de­re als leicht. Frau­en brin­gen meist ei­ne schlech­te Schul- und Bil­dungs­qua­li­fi­ka­ti­on mit. Auch be­zahl­te Er­werbs­tä­tig­keit ist vie­len fremd. Ge­schult wer­den müs­sen sie den­noch. Die deut­sche Po­li­tik macht den Über­gang von ei­nem be­fris­te­ten in ei­nen un­be­fris­te­ten Auf­ent­halts­sta­tus zu­neh­mend ab­hän­gig von der In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt. Da­mit Frau­en da nicht chan­cen­los sind, führt an ei­ner ak­ti­vie­ren­den In­te­gra­ti­ons­po­li­tik kein Weg vor­bei.

Fo­to: dpa//Fre­drik von Erich­sen

Die Frau­en ein­bin­den: Wer sich an die In­te­gra­ti­on der ge­flüch­te­ten macht, hat auf Dau­er mehr Er­folg bei der In­te­gra­ti­on al­ler Ge­flüch­te­ten. Das ist die Er­fah­run­gen aus Pro­jek­ten wie hier in Mainz.

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