„Zei­gen, wel­che Mög­lich­kei­ten Frau­en ha­ben“

Märkische Oderzeitung Eberswalde - - Blickpunkt -

Deutsch­land muss aus den Ver­säum­nis­sen bei der In­te­gra­ti­on von Gas­t­ar­bei­tern ler­nen, meint Ma­ri­na Münk­ler. Sie lehrt in Dres­den und be­schäf­tigt sich vor al­lem mit mit­tel­al­ter­li­cher und und früh­neu­zeit­li­cher Li­te­ra­tur. Zu­sam­men mit mit ih­rem Mann Her­fried Münk­ler hat sie ein Buch über In­te­gra­ti­ons­po­li­tik ver­öf­fent­licht. Sie glaubt, dass Deutsch­land das Pro­blem meis­tern kann. Mit ihr sprach eli­sa­beth Zoll. Frau Münk­ler, Sie ha­ben sich mit ih­rem Mann in­ten­siv mit der In­te­gra­ti­on der Gas­t­ar­bei­ter-Ge­ne­ra­ti­on be­fasst, die in den 50er- und 60er-Jah­ren nach Deutsch­land ge­kom­men ist. Wie ist die­se ge­lun­gen?

Wir ha­ben viel ver­säumt. Doch da­für, dass nichts ge­macht wur­de, ist die In­te­gra­ti­on der Män­ner noch ei­ni­ger­ma­ßen gut ge­wor­den. Sie er­folg­te über den Ar­beits­platz.

Und wie war das da­mals bei den Frau­en, spiel­ten die für die Po­li­tik über­haupt ei­ne Rol­le?

Als der An­wer­be­stopp in Kraft trat, gab es nur noch ei­nen Zu­gang nach Deutsch­land: die Ehe. Das stärk­te den Kon­ser­va­tis­mus in den Fa­mi­li­en. Frau­en wur­den aus der Tür­kei nach­ge­holt, doch die Bun­des­re­gie­rung hat sie mit ei­nem Ar­beits­ver­bot be­legt. Man hat ih­nen kei­ne Kur­se an­ge­bo­ten, nicht ver­langt, dass sie Deutsch ler­nen muss­ten. Das ein­zi­ge, was man schaff­te, wa­ren Re­ge­lun­gen, die die In­te­gra­ti­on be­hin­der­ten. Hin­ter­her wun­der­te man sich, dass die­se Frau­en sich ei­ne Iden­ti­tät zim­mer­ten, die vor­wie­gend auf die Tra­di­ti­on be­zo­gen war. Das führ­te zu ei­ner Re-Tra­di­tio­na­li­sie­rung der Tür­ken. Auch in der drit­ten Ge­ne­ra­ti­on tre­ten häu­fig noch gro­ße Pro­ble­me auf. Was sind die Leh­ren, die man dar­aus für heu­te zie­hen kann?

Man muss dar­auf ach­ten, dass die Män­ner bei Kur­sen nicht be­vor­zugt wer­den. Frau­en brau­chen nicht nur Sprach­kur­se, man muss ih­nen auch zei­gen, wel­che Mög­lich­kei­ten sie in Deutsch­land ha­ben. In ih­ren Her­kunfts­län­dern ist vie­les nicht mög­lich. Wich­tig ist, Frau­en ins Ge­spräch zu brin­gen mit Frau­en, die an­ders le­ben. Auch die In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt ist wich­tig.

Die Gas­t­ar­bei­ter-Frau­en ha­ben wir jahr­zehn­te­lang igno­riert. Wel­chen Preis zah­len wir da­für?

Die aus­ge­schlos­se­nen Frau­en blei­ben meist sehr tra­di­tio­nell – und ge­ben das an ih­re Kin­der wei­ter. Oder sie le­ben ein so mar­gi­na­li­sier­tes Le­ben, dass sich die Töch­ter ei­ner Flucht in die Tra­di­ti­on kaum ent­zie­hen kön­nen.

Es ist schwie­rig, tra­di­tio­nel­le Rol­len­mus­ter auf­zu­bre­chen, weil sie sich im en­gen Fa­mi­li­en­kreis über­lie­fern. Neh­men wir das als Auf­nah­me­land über­haupt wahr?

Es ist an­ge­kom­men auf der Ebe­ne der Rhe­to­rik, nicht aber auf der Ebe­ne des Han­delns. An­er­kann­te Asyl­be­wer­ber so­wie Ge­dul­de­te mit gu­ter Blei­be­per­spek­ti­ve, und nur die, ha­ben ei­nen An­spruch auf In­te­gra­ti­ons­kur­se. Die­sen An­spruch kön­nen vie­le Kom­mu­nen gar nicht er­fül­len, weil sie die Res­sour­cen nicht ha­ben. Man rich­tet sich im­mer nach den drän­gends­ten Pro­ble­men – und die Frau­en sind nicht das drän­gends­te Pro­blem.

Fo­to: ima­go stock&peop­le

Ma­ri­na Münk­ler schreibt über Zu­wan­de­rung

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