Das kür­zes­te Jahr

In zwölf Mo­na­ten wird der Br­ex­it Groß­bri­tan­ni­en und die Eu­ro­päi­sche Uni­on tren­nen – viel mehr steht nicht fest

Märkische Oderzeitung Eberswalde - - Blickpunkt - Von hen­Drik beb­ber

Noch ein Jahr bis Groß­bri­tan­ni­ens Schei­dung von der EU. Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May tourt ge­ra­de durch das un­ei­ni­ge Kö­nig­reich, um fast der Hälf­te der Be­völ­ke­rung, die ge­gen den Br­ex­it stimm­ten, Mut für die gol­de­ne Zu­kunft zu ma­chen, die sie nach dem Aus­tritt ver­spricht.

Lon­don. Für den 67-jäh­ri­gen Da­vid Ben­nett aus Ba­th­ford ist die­se „Good­will Tour“über­flüs­sig. „Die Br­ex­it-Geg­ner soll­ten die Volks­ab­stim­mung re­spek­tie­ren. Schließ­lich le­ben wir in ei­ner De­mo­kra­tie.“Wie sei­ne Frau Es­ter stimm­te er für den Aus­tritt. So hät­ten sie die Na­se voll von den „Bü­ro­kra­ten in Brüs­sel, die uns be­vor­mun­den und wol­len, dass wir un­se­re Sou­ve­rä­ni­tät in ei­nem eu­ro­päi­schen Su­per­staat auf­ge­ben.“

Die 60-jäh­ri­ge Per­so­nal­be­ra­te­rin Ka­te Ber­ge aus Bath hin­ge­gen ge­hört zu den „Re­mo­a­ner“(„Heul­su­sen“), die im­mer noch dar­auf hof­fen, dass ein zwei­tes Re­fe­ren­dum „die­sen dum­men und un­glück­se­li­gen Bruch“ver­hin­dert. Sie wirft den „Br­ex­i­teers“vor, „blind, ego­is­tisch und ver­ant­wor­tungs­los die Zu­kunft un­se­rer Kin­der und En­kel aufs Spiel zu set­zen.“

Die­se Po­si­tio­nen ste­hen für die Kluft, die sich mit dem Re­fe­ren­dum am 23. Ju­ni 2016 zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen, so­zia­len Schich­ten und Re­gio­nen des Kö­nig­reichs auf­tat und die jetzt, ein Jahr vor dem Aus­tritt, eher noch tie­fer ge­wor­den ist. Für die „Br­ex­i­teers“be­deu­tet der Aus­tritt das En­de der Fremd­be­stim­mung und wie­der die vol­le Sou­ve­rä­ni­tät über Ge­setz­ge­bung und Grenz­kon­trol­le. Die „Re­mo­a­ner“hin­ge­gen se­hen in der EU den Ka­ta­ly­sa­tor für al­le po­si­ti­ven Ent­wick­lun­gen in Wirt­schaft, So­zi­al­we­sen, Kul­tur, Wis­sen­schaft und Um­welt, die Groß­bri­tan­ni­en mit der Mit­glied­schaft in der Eu­ro­päi­schen Uni­on er­reich­te.

Ei­nig sind sich die bei­den La­ger nur in dem Punkt, dass die De­bat­te um den Br­ex­it wei­ter von Fehl­in­for­ma­tio­nen und Angst­ma­che­rei be­stimmt wird. In den Mei­nungs­um­fra­gen wird auch klar, dass die meis­ten Bri­ten höchst un­zu­frie­den mit der chao­ti­schen Ver­hand­lungs­füh­rung ih­rer Sei­te wa­ren. Die­se An­sicht mag sich än­dern, nach­dem end­lich ein Durch­bruch in Brüs­sel er­reicht wur­de. Doch das sorg­te bei den Br­ex­it-Hard­li­nern für neu­en In­grimm. Mit der zwei­jäh­ri­gen Über­gangs­pha­se wür­de Groß­bri­tan­ni­en kei­nen Br­ex­it, son­dern al­len­falls ei­nen „Bri­no“(Br­ex­it in na­me on­ly – Br­ex­it nur dem Na­men nach) be­kom­men. Tat­säch­lich wür­de sich beim jet­zi­gen Stand der Ver­hand­lun­gen kaum et­was än­dern. Groß­bri­tan­ni­en zahlt wei­ter ein und muss die Re­geln der EU re­spek­tie­ren.

Der Haupt­un­ter­schied wä­re, dass Groß­bri­tan­ni­en nicht mehr bei Ent­schei­dun­gen in Brüs­sel mit­re­den kann. Ent­schie­de­ne EU-Geg­ner wie der kon­ser­va­ti­ve Ab­ge­ord­ne­te Ja­cob Rees-Mogg wer­fen der Re­gie­rung des­halb vor, Groß­bri­tan­ni­en zum „Va­sal­len­staat der EU“zu de­gra­die­ren.

Doch im ver­blei­ben­den Jahr kann sich noch vie­les än­dern. „Nichts ist be­schlos­sen, be­vor al­les be­schlos­sen ist“, lau­tet die De­vi­se der EU-Un­ter­händ­ler. The­re­sa May ste­hen nicht nur die schwie­rigs­ten Ver­hand­lungs­pha­sen in Brüs­sel be­vor, son­dern ei­ne gan­ze Rei­he von Kampf­ab­stim­mun­gen im bri­ti­schen Par­la­ment. Hier wird ih­re Min­der­heits­re­gie­rung nur von drei­zehn Ab­ge­ord­ne­ten der nord­iri­schen Pro­tes­tan­ten un­ter­stützt, die frei­lich je­den Kom­pro­miss mit Brüs­sel ab­leh­nen, der Nord­ir­land ei­ne Zoll­uni­on mit der EU ge­ben könn­te. Und im Ober­haus ha­ben die Br­ex­it-Geg­ner ei­ne sat­te Mehr­heit.

Die Lords ar­bei­ten sich im Au­gen­blick durch das „gro­ße Wi­der­rufs­ge­setz“, wel­ches das Bei­tritts­ge­setz zur eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft aus dem Jah­re 1972 ab­schafft – mit ent­spre­chend vie­len Strei­tig­kei­ten. Ähn­li­che Zan­käp­fel wer­den die neu­en Ge­set­ze sein, die Ein­wan­de­rung, Land­wirt­schaft und Fi­sche­rei, nu­klea­re Si­cher­heit und Au­ßen­han­del nach dem Ver­las­sen der EU re­geln sol­len.

Die wohl wich­tigs­te Ab­stim­mung im Par­la­ment wird im Spät­herbst die­ses Jah­res oder im kom­men­den Früh­ling statt­fin­den. Die Ab­ge­ord­ne­ten müs­sen dann ent­schei­den, ob sie das Ver­hand­lungs­er­geb­nis mit der EU ak­zep­tie­ren oder ab­leh­nen. Im Fal­le der Ab­leh­nung blie­be der Re­gie­rung wohl kei­ne Zeit mehr, ein bes­se­res Ab­kom­men mit der EU zu ver­han­deln, und es kä­me zu ei­nem „har­ten Br­ex­it“, nach dem beim Han­del nur noch die har­ten Re­geln der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on und nicht mehr die güns­ti­gen der EU gel­ten wür­den.

Die Re­gie­rung strebt je­doch ei­ne „neue tie­fe Part­ner­schaft mit Eu­ro­pa“und ein „küh­nes, ein­zig­ar­ti­ges Ab­kom­men“an. Schö­ne Ly­rik, un­ter der sich die an­de­ren EU-Mit­glied­staa­ten al­ler­dings nicht viel vor­stel­len kön­nen. Schwie­rigs­tes Pro­blem ist wei­ter Nord­ir­land. Dass die Re­gi­on zu Groß­bri­tan­ni­en ge­hört, Ir­land aber EU Mit­glied ist und da­mit der Han­del un­ter­ein­an­der ge­stört wird, scheint schier un­lös­bar. Es sei denn, Lon­don ak­zep­tiert, dass für Nord­ir­land wei­ter die Zoll­uni­on mit der EU gel­ten wird, für den Rest des Lan­des aber nicht.

Ei­ne Nie­der­la­ge der Re­gie­rung in den es­sen­zi­el­len Par­la­ments­ab­stim­mun­gen könn­te zum Rück­tritt The­re­sa Mays und Neu­wah­len füh­ren, was un­vor­her­seh­ba­re Fol­gen für den gan­zen Br­ex­it-Pro­zess hät­te.

Der Br­ex­it hat den Sau­er­stoff aus der bri­ti­schen Po­li­tik ge­saugt und schiebt drin­gend not­wen­di­ge Re­for­men, die das Land vor­an brin­gen könn­ten, auf die lan­ge Bank. Da­bei ist vie­len Bri­ten im­mer noch nicht ganz klar, was der Br­ex­it ei­gent­lich ist. Die wohl prä­gnan­tes Ant­wort dar­auf ist in ei­nem Le­ser­brief an die „Irish Ti­mes“zu fin­den: „Br­ex­it: Das Un­de­fi­nier­te, aus­ge­han­delt von den Un­vor­be­rei­te­ten, um das Un­be­stimm­te für die Unin­for­mier­ten zu be­kom­men.“

Die meis­ten Bür­ger sind höchst un­zu­frie­den mit der Ver­hand­lungs­füh­rung Nach ei­nem har­ten Aus­stieg der Bri­ten wür­den nur noch die WHO-Re­geln gel­ten

Fo­to: AFP/Da­ni­el Le­al-Oli­vas

Quo va­dis, Groß­bri­tan­ni­en? Der Weg aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on in die er­hoff­te Ei­gen­stän­dig­keit ist um ei­ni­ges kom­pli­zier­ter als sich das die Br­ex­it-Be­für­wor­ter vor­ge­stellt hat­ten. Den Ver­hand­lern bleibt nur noch ein kur­zes Jahr.

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