EZB will An­lei­hen­käu­fe zum Jah­res­en­de ein­stel­len

Leit­zins bleibt auf ei­nem Re­kord­tief

Märkische Oderzeitung Eberswalde - - Vorderseite -

Riga. Das An­kauf­pro­gramm für Staats- und Un­ter­neh­mens­an­lei­hen der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) soll im De­zem­ber en­den. Das sag­te am Don­ners­tag ei­ne Spre­che­rin nach der Sit­zung des EZB-Ra­tes in der let­ti­schen Haupt­stadt Riga. Noch pumpt die Zen­tral­bank je­den Mo­nat über das An­lei­hen­pro­gramm 30 Mil­li­ar­den Eu­ro in die Fi­nanz­märk­te, um so die Kon­junk­tur zu stüt­zen. Seit März 2015 be­läuft sich die Sum­me auf mehr als 2,4 Bil­lio­nen Eu­ro. Mit viel bil­li­gem Geld ver­such­te die EZB, der Kon­junk­tur in den 19 Eu­ro­län­dern auf die Sprün­ge zu hel­fen und zu­gleich die Teue­rung an­zu­hei­zen. Mit der Ent­schei­dung vom Don­ners­tag stie­ßen die Wäh­rungs­hü­ter nach Jah­ren im Kri­sen­mo­dus das Tor zu ei­ner Nor­ma­li­sie­rung der Geld­po­li­tik weit auf.

Den Leit­zins im Eu­ro­raum be­ließ das obers­te Ent­schei­dungs­gre­mi­um der EZB wie er­war­tet auf dem Re­kord­tief von null Pro­zent. Spa­rer müs­sen sich so­mit wei­ter­hin ge­dul­den. Zu­dem müs­sen Ge­schäfts­ban­ken, die Geld bei der EZB par­ken, da­für wei­ter­hin 0,4 Pro­zent Straf­zin­sen zah­len. Das Zins­ni­veau dürf­te sich nach Ein­schät­zung der Wäh­rungs­hü­ter bis min­des­tens Som­mer 2019 nicht än­dern. (AFP/dpa)

Von Jörn Ben­Der Frie­De­ri­Ke Marx unD Frankfurt/Main. Der Han­dels­streit mit den USA ver­schärft sich. Eu­ro­pa­kri­ti­sche Tö­ne aus Rom sor­gen zu­sätz­lich für Ve­r­un­si­che­rung. Den­noch steu­ert die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank auf ein En­de ih­rer um­strit­te­nen An­lei­hen­käu­fe zu.

Ma­rio Draghi mahnt im­mer wie­der zu „Ge­duld und Be­harr­lich­keit“– Ge­duld brau­chen Spa­rer, die un­ter der Zins­flau­te lei­den, vor­erst wei­ter. Zwar lei­tet die Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) un­ter ih­rem ita­lie­ni­schen Prä­si­den­ten ein En­de der Geld­flut ein. Die No­ten­bank will ih­re mil­li­ar­den­schwe­ren An­lei­he­käu­fe En­de 2019 be­en­den. Bis die Zin­sen wie­der stei­gen, dürf­te es al­ler­dings noch ei­ne Wei­le dau­ern.

Was pla­nen Eu­ro­pas Wäh­rungs­hü­ter?

Ab Ok­to­ber will die No­ten­bank das Vo­lu­men der mo­nat­li­chen Käu­fe zu­nächst von der­zeit 30 Mil­li­ar­den Eu­ro auf 15 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­rin­gern. En­de De­zem­ber könn­te das Pro­gramm dann aus­lau­fen – vor­aus­ge­setzt die In­fla­ti­on hält Kurs auf die Zwei-Pro­zent-Mar­ke, bei der die EZB Preis­sta­bi­li­tät ge­wahrt sieht.

Was be­deu­tet die Ent­schei­dung für Spa­rer und Kre­dit­neh­mer?

Be­lieb­te Spar­for­men wie Tages- oder Fest­geld wer­fen in der Zins­flau­te kaum noch et­was ab. Das ist die trau­ri­ge Wahr­heit für die Spa­rer seit ei­ni­ger Zeit. Und auch in die­sem Jahr dürf­ten die Zin­sen nicht stei­gen. Sie wer­den der EZB zu­fol­ge bis min­des­tens Som­mer 2019 wohl auf dem Re­kord­tief von null Pro­zent blei­ben. Dop­pelt bit­ter für Spa­rer: Der Not­gro­schen wird von der in­zwi­schen hö­he­ren In­fla­ti­ons­ra­te auf­ge­fres­sen. Ver­brau­cher, die ei­nen Kre­di­ten brau­chen, ob für den neu­en Fern­se­her oder das Au­to, kön­nen sich hin­ge­gen wei­ter über nied­ri­ge Zin­sen freu­en. Wel­che Fol­gen hat die Ver­rin­ge­rung der An­lei­hen­käu­fe für Bau­her­ren?

Für Im­mo­bi­li­en­käu­fer könn­te die Zeit des bil­li­gen Gel­des da­ge­gen all­mäh­lich zu En­de ge­hen. Die Zin­sen von Hy­po­the­ken­dar­le­hen in Deutsch­land ori­en­tie­ren sich vor al­lem an der Ver­zin­sung von Bun­des­an­lei­hen mit zehn­jäh­ri­ger Lauf­zeit. Be­en­det die No­ten­bank ih­re Wert­pa­pier­käu­fe, könn­ten die Zin­sen die­ser Pa­pie­re stei­gen. Im­mo­bi­li­en­kre­di­te könn­ten teu­rer wer­den. Ein ra­san­ter An­stieg ist al­ler­dings un­wahr­schein­lich. Denn die EZB dreht den Geld­hahn nicht völ­lig zu. Sie will das Geld von An­lei­hen, die fäl­lig wer­den, vor­erst wie­der in­ves­tie­ren – al­so neue An­lei­hen kau­fen.

Was be­deu­tet das sich ab­zeich­nen­de En­de der Geld­flut für Staa­ten?

Staa­ten im Eu­ro­raum kom­men dank der Geld­schwem­me und Null­zin­sen bil­li­ger an Geld. Jetzt könn­te es teu­rer wer­den. Be­ob­ach­ter wer­ten die Ent­schei­dung auch als ein Si­gnal an hoch­ver­schul­de­te Eu­ro­staa­ten wie Ita­li­en, dass sie sich nicht wei­ter­hin auf Schüt­zen­hil­fe aus Frankfurt ver­las­sen soll­ten. Schon die Aus­sicht, dass in Rom künf­tig ei­ne Ko­ali­ti­on aus eu­ro­pa­kri­ti­scher Fünf-Ster­ne-Be­we­gung und rechts­po­pu­lis­ti­scher Le­ga das Sa- gen ha­ben könn­te, sorg­te im Mai für Alarm­stim­mung an den Fi­nanz­märk­ten. Seit dem 1. Ju­ni ist die neue Re­gie­rung im Amt.

Wie ist der ak­tu­el­le Stand bei den An­lei­hen­käu­fen?

Seit März 2015 kauft die EZB in gro­ßem Stil An­lei­hen von Eu­ro­staa­ten, seit Ju­ni 2016 ste­hen zu­sätz­lich Un­ter­neh­mens­an­lei­hen auf dem Ein­kaufs­zet­tel. Gut 2,4 Bil­lio­nen Eu­ro hat die No­ten­bank bis­lang in sol­che Pa­pie­re ge­steckt. „Dass die No­ten­bank als gro­ßer An­lei­hen­käu­fer am Markt ak­tiv ist, ver­zerrt die Prei­se“, kri­ti­siert et­wa Em­me­rich Mül­ler von der Frank­fur­ter Pri­vat­bank Metz­ler. Was will die No­ten­bank mit ih­rer Geld­po­li­tik er­rei­chen?

Zu­nächst sta­bi­le Prei­se und da­mit ei­ne sta­bi­le Wäh­rung für die 340 Mil­lio­nen Men­schen in den 19 Staa­ten des Eu­ro­raums. Die EZB strebt mit­tel­fris­tig ei­ne Teue­rungs­ra­te von knapp un­ter 2,0 Pro­zent an. Weit ge­nug ent­fernt von der Null­mar­ke sieht sie Preis­sta­bi­li­tät ge­wahrt. Nied­ri­ge oder gar sin­ken­de Prei­se könn­ten Ver­brau­cher und Un­ter­neh­men ver­lei­ten, In­ves­ti­tio­nen auf­zu­schie­ben – ei­ne Kon­junk­tur­brem­se. Im Mai la­gen die Ver­brau­cher­prei­se im Eu­ro­raum um 1,9 Pro­zent über dem Ni­veau des Vor­jah­res­mo­nats. Das ist der höchs­te Stand seit April 2017.

Foto:Bo­ris Roess­ler/dpa

Et­was mehr Bo­den­haf­tung: Die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) will ih­re um­strit­te­nen mil­li­ar­den­schwe­ren An­lei­he­käu­fe dros­seln und 2019 ganz be­en­den.

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