Schwie­ri­ge Zu­rück­wei­sung

Streit-Ur­sa­che be­steht seit 2015

Märkische Oderzeitung Eberswalde - - Blickpunkt - Von christian rath

Berlin. Der Streit zwi­schen Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer hat sei­nen Ur­sprung im Jahr 2015. Die Si­tua­ti­on ist kom­plex und nicht un­be­dingt nur mit „rein­las­sen“oder „ab­wei­sen“zu be­ant­wor­ten.

Nach der mas­si­ven Zu­wan­de­rung von Flücht­lin­gen führ­te die Bun­des­re­gie­rung zwar Grenz­kon­trol­len ein. Per münd­li­chem Be­fehl ord­ne­te der da­ma­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) aber an, dass wei­ter­hin je­der Flücht­ling ein­ge­las­sen wird, der ei­nen Asyl­an­trag an­kün­digt. Dies gilt bis heu­te.

Kri­ti­ker hal­ten das für rechts­wid­rig. Ihr An­satz­punkt ist das deut­sche Asyl­ge­setz, das in Pa­ra­graph 18 tat­säch­lich ei­ne Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen an der Gren­ze vor­sieht: Wenn Flücht­lin­ge aus ei­nem si­che­ren Dritt­staat ein­rei­sen (zum Bei­spiel aus Ös­ter­reich) und wenn es An­halts­punk­te gibt, dass ein an­de­rer EU-Staat für das Asyl­ver­fah­ren zu­stän­dig ist (et­wa Ita­li­en).

Die AfD hat vor kur­zem so­gar Ver­fas­sungs­kla­ge ein­ge­reicht, weil be­sag­ter Pa­ra­graph nicht ein­fach per Mi­nis­ter­an­ord­nung jah­re­lang au­ßer Kraft ge­setzt wer­den kön­ne. Hier­für wä­re ein Ge­setz er­for­der­lich ge­we­sen, lau­tet ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on.

Wann in Karls­ru­he dar­über ent­schie­den wird, ist noch nicht ab­seh­bar. Füh­ren­de Mi­gra­ti­ons­recht­ler, et­wa der Kon­stan­zer Rechts­pro­fes­sor Daniel Thym, hal­ten den An­satz der AfD aber für falsch. Die Vor­schrift des Asyl­ge­set­zes sei durch die Du­blin-III-Ver­ord­nung der EU „über­la­gert“. Da­nach müs­sen al­le, die an der Gren­ze Asyl be­an­tra­gen, pro­vi­so­risch auf­ge­nom­men wer­den, da­mit der EU-Staat iden­ti­fi­ziert wer­den kann, der für das Asyl­ver­fah­ren zu­stän­dig ist.

Ty­pi­scher­wei­se sind es Län­der an den EU-Au­ßen­gren­zen. Nach Ab­spra­che mit die­sem Land wer­de dann der Flücht­ling dort­hin über­stellt – au­ßer Deutsch­land ver­passt Fris­ten oder über­nimmt frei­wil­lig das Ver­fah­ren zur Ent­las­tung die­ser Staa­ten. Fak­tisch führt der­zeit fast im­mer Deutsch­land das Asyl­ver­fah­ren durch.

Ei­ne Grup­pe von Rechts­pro­fes­so­ren um den Bon­ner Christian Hill­gru­ber hat in­zwi­schen ge­zeigt, dass man die Du­blin-IIIVer­ord­nung auch an­ders aus­le­gen kann. Zu­rück­wei­sun­gen an der Gren­ze blie­ben da­bei mög­lich, al­ler­dings müss­te dann Ös­ter­reich die Du­blin-Zu­stän­dig­keit prü­fen – und wür­de wohl als­bald selbst sei­ne Gren­zen schlie­ßen. Auf Hill­gru­ber be­ruft sich in ih­rer Kla­ge nun auch die AfD. Und so wird wohl auch See­ho­fer ar­gu­men­tie­ren, wenn er Zu­rück­wei­sun­gen an­ord­net.

Letzt­lich müss­te dann der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof klä­ren, wie das EU-Recht aus­zu­le­gen ist, aber das könn­te dau­ern. Bis da­hin blie­be um­strit­ten, wer Recht und wer Un­recht ver­tritt.

Doch wie wür­de Ös­ter­reich re­agie­ren? Wür­de es die Zu­rück­ge­wie­se­nen auf­neh­men, ver­sor­gen und nun selbst die Du­blin-Zu­stän­dig­keit klä­ren? Oder wür­de sich Ös­ter­reich wei­gern, so dass an den deut­schen Au­ßen­gren­zen wil­de Flücht­lings­la­ger wie im grie­chi­schen Ido­me­ni ent­ste­hen?

Von Kanz­le­rin Mer­kel weiß man, dass sie sol­che Bil­der un­be­dingt ver­hin­dern will, eben­so wie die nach­fol­gen­de Auf­rüs­tung al­ler EU-Bin­nen­gren­zen mit Zäu­nen und Mau­ern. Sie weiß, dass ei­ne eu­ro­päi­sche Uni­on nicht funk­tio­nie­ren kann, wenn sie die Län­der an den EU-Au­ßen­gren­zen mit der Flücht­lings-Her­aus­for­de­rung al­lein lässt. In den nächs­ten zwei Wo­chen will sie auf das Pro­blem ei­ne Ant­wort fin­den.

Die AfD hat vor kur­zem so­gar Ver­fas­sungs­kla­ge ein­ge­reicht

Foto: dpa/Sven Hoppe

Grenz­kon­trol­le: Sol­len Flücht­lin­ge an der Gren­ze ab­ge­wie­sen wer­den?

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