„Man wür­de heu­te här­ter ein­grei­fen“

As­mus­sen über Leh­ren aus der Fi­nanz­kri­se

Märkische Oderzeitung Eisenhüttenstadt - - Blickpunkt - Gui­do BohFo­to: dpa/Oli­ver Berg

Jörg As­mus­sen war 2008 als Staats­se­kre­tär im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ei­ner der wich­tigs­ten deut­schen Ak­teu­re in der Fi­nanz­kri­se.

sprach mit As­mus­sen über sei­ne Er­fah­run­gen.

Herr As­mus­sen, ein paar Mo­na­te vor der Leh­man-Plei­te ha­ben füh­ren­de deut­sche Ban­ker den da­ma­li­gen Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück in die USA be­glei­tet. Da­mals be­rich­te­ten ame­ri­ka­ni­sche Me­di­en schon groß über die Im­mo­bi­li­en­kri­se. Doch kaum je­mand an Bord be­fürch­te­te grö­ße­re Aus­wir­kun­gen, schon gar nicht auf Deutsch­land und den Eu­ro. Wie konn­te das sein?

Ich den­ke, der Grad der glo­ba­len Ver­net­zung der Ban­ken war da­mals nicht be­kannt. Dass zum Bei­spiel US-Im­mo­bi­li­en­kre­di­te bei deut­schen Lan­des­ban­ken auf­tau­chen wür­den, hat­te man nicht er­war­tet. Man mein­te, die för­dern die re­gio­na­le Wirt­schaft.

War es für Sie auch ei­ne per­sön­li­che Nie­der­la­ge, als die ame­ri­ka­ni­sche Re­gie­rung Leh­man Bro­thers am 15. Sep­tem­ber Plei­te ge­hen lie­ßen? Nein, Be­am­te neh­men am bes­ten nichts per­sön­lich.

Wie lan­ge hat­ten Sie be­reits über den Schritt ver­han­delt?

Es war ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung der US-Re­gie­rung, Leh­man Bro­thers nicht zu ret­ten. Das war nicht das Er­geb­nis von Ver­hand­lun­gen.

War­um ha­ben sich US-Fi­nanz­mi­nis­ter Hank Paul­son und sei­ne Leu­te nicht von den War­nun­gen der Eu­ro­pä­er be­ein­dru­cken las­sen?

Das war mei­ner Mei­nung nach ei­ne be­wuss­te po­li­ti­sche Ent­schei­dung, um zu zei­gen, dass man nicht im­mer mit Steu­er­zah­l­er­geld Ban­ken ret­tet. Jörg As­mus­sen ar­bei­tet heu­te für die US-In­vest­ment­bank La­zard. In den Ta­gen rund um die Leh­man-Plei­te wa­ren Sie und ih­re Kol­le­gen im Dau­er­ein­satz. Hat­ten Sie je­mals das Ge­fühl von Kon­trol­le?

Oh­ne grö­ßen­wahn­sin­nig zu sein: Ich ha­be im­mer ge­dacht, die Sta­bi­li­sie­rung des Fi­nanz­sys­tems krie­gen wir ge­mein­sam hin.

Gab es das Ge­fühl, wir müs­sen jetzt die Welt ret­ten?

Nein.

Mach­te das eher Angst oder stolz?

We­der noch, man tut nach bes­tem Wis­sen und Ge­wis­sen sei­ne Ar­beit.

Nach wel­chen Kri­te­ri­en trifft man in sol­chen Si­tua­tio­nen Ent­schei­dun­gen?

Es gab meh­re­re Kri­te­ri­en: zu­nächst die Sta­bi­li­tät des Fi­nanz­sys­tems als Gan­zes zu si­chern. Dann galt es, das Ver­trau­en der Bür­ger in das Fi­nanz­sys­tem zu be­wah­ren, zum Bei­spiel durch die Ga­ran­tie der Spar­ein­la­gen. Und schließ­lich woll­ten wir na­tür­lich auch mög­lichst spar­sam mit Steu­er­zah­l­er­geld um­ge­hen.

Was wür­den Sie an­ders ma­chen?

Mit dem Wis­sen von heu­te wür­de man si­cher mehr zum In­stru­ment der Zwangs­ka­pi­ta­li­sie­rung grei­fen, we­ni­ger zu frei­wil­li­gen An­ge­bo­ten von Ka­pi­tal. Das heißt: här­ter ein­grei­fen. Da­mals ha­ben wir das aus ord­nungs­po­li­ti­schen Grün­den nicht ge­tan.

Gier galt als we­sent­li­che Ur­sa­che für die­se Fi­nanz­kri­se. Ist Gier seit­her ver­pönt – oder hat sie sich ein neu­es Kleid zu­ge­legt?

Gier ist aus mei­ner Sicht mo­ra­lisch ver­pönt, aber sie exis­tiert na­tür­lich im­mer. Viel wich­ti­ger ist es, An­reiz­sys­te­me in Un­ter­neh­men so zu ge­stal­ten, dass sie sich am lang­fris­ti­gen und nach­hal­ti­gen Un­ter­neh­mens­er­folg ori­en­tie­ren. Das hat da­mals ge­fehlt.

Hat die Fi­nanz­kri­se die Eu­ro­kri­se nur be­för­dert oder wä­re der Fall Grie­chen­land oh­ne­hin nur ei­ne Fra­ge der Zeit ge­we­sen?

Die Ur­sa­che in der Grie­chen­land­kri­se war kei­ne Ban­ken­kri­se, son­dern ei­ne Kri­se der zu ho­hen Staats­ver­schul­dung und der feh­len­den Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Die grie­chi­schen Ban­ken wa­ren an­fangs ok, wur­den aber im Ver­lauf der Kri­se in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen.

Kann es wie­der pas­sie­ren?

Es wird im­mer Fi­nanz­kri­sen ge­ben, da zum Bei­spiel der Her­den­trieb zum Men­schen ge­hört. Da­her muss man das Fi­nanz­sys­tem als Gan­zes ro­bus­ter bau­en, da­mit es mit Schocks und Kri­sen bes­ser um­ge­hen kann. Es ist aber un­wahr­schein­lich, dass in so kur­zen Zeit­ab­stän­den die Ur­sa­che wie­der die glei­che sein wird. Das nächs­te Mal kommt es von wo­an­ders.

„Ich ha­be im­mer ge­dacht, die Sta­bi­li­sie­rung krie­gen wir ge­mein­sam hin“

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