Ga­b­ri­el und der an­stän­di­ge Be­ruf

Der frü­he­re Au­ßen­mi­nis­ter er­in­nert bei sei­nem Vor­trag an der Uni Bonn dar­an, dass er frü­her Leh­rer war / Sti­che­lei­en ge­gen den Ber­li­ner Po­li­tik­be­trieb blei­ben aus

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - Blickpunkt - Von Chris­toph Driessen

Ei­nen Mo­nat nach sei­nem Aus­schei­den aus dem Bun­des­ka­bi­nett hat­te Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) am Mon­tag wie­der ei­nen Auf­tritt: als Gast­do­zent an der Uni Bonn. Es gab Pro­tes­te, am En­de aber auch reich­lich Ap­plaus. Bonn. Sig­mar Ga­b­ri­el hat erst ein paar Mi­nu­ten ge­spro­chen, da ent­rol­len Stu­den­ten auf der Em­po­re des Hör­saals 1 zwei Pla­ka­te. „Ge­gen Iran-Sig­gi“und „Für Is­ra­el“steht dar­auf. Sie wer­fen Flug­blät­ter in den Saal und ru­fen: „Herr Ga­b­ri­el, war­um lie­fern Sie Waf­fen an die Tür­kei? War­um ar­bei­ten Sie mit Pu­tin zu­sam­men?“Für sie ist der Mann da vorn of­fen­bar noch im­mer am­tie­ren­der Au­ßen­mi­nis­ter.

Ga­b­ri­el lässt sich nicht aus der Ru­he brin­gen. „Ich hof­fe, Sie kom­men in mein Se­mi­nar“, sagt er und schmun­zelt. Ei­ne der Pro­tes­tie­ren­den ent­geg­net: „Wir sind nicht zu­ge­las­sen wor­den!“„Dann tra­ge ich Sie per­sön­lich ein und ho­le Sie ab!“, ver­spricht Ga­b­ri­el.

Vor rund ei­nem Mo­nat war er noch Vi­ze­kanz­ler und Au­ßen­mi­nis­ter. Jetzt wird er an der Uni­ver­si­tät Bonn als „Bun­des­mi­nis­ter des Aus­wär­ti­gen a.D.“an­ge­kün­digt. Den­noch steht da noch ei­ne gan­ze Rei­he von Ka­me­ras. Ber­li­ner Ver­hält­nis­se in Bonn – die­ses ei­ne Mal noch. Denn al­le wol­len se­hen, wie er den Macht-Ent­zug bis­her ver­kraf­tet hat.

Der holz­ver­tä­fel­te Hör­saal im Kur­fürst­li­chen Schloss ist bis auf den letz­ten Platz ge­füllt: So 350 Leu­te sind ge­kom­men, nicht nur Stu­den­ten, son­dern auch Se­nio­ren, die an ei­nem Mon­tag­mit­tag Zeit ha­ben. „Mich wür­de mal in­ter­es­sie­ren, was ein Herr Ga­b­ri­el für so ei­nen Vor­trag be­kommt“, sagt ein er­grau­ter Herr in der ach­ten Rei­he. „Und ob er es als Ne­ben­tä­tig­keit an­mel­det“, er­gänzt sein eben­falls schon nicht mehr ganz stu­den­ti­scher Sitz­nach­bar. Die bei­den ha­ben of­fen­bar nicht den Bon­ner „Ge­ne­ral-An­zei­ger“ge­le­sen, denn dort hat Ga­b­ri­el schon vor Mo­na­ten klar­ge­stellt, dass er das eh­ren­amt­lich macht.

Der Rek­tor ist froh, den frü­he­ren Au­ßen­mi­nis­ter hier zu ha­ben, schließ­lich ver­ste­he sich die Uni als Schar­nier zwi­schen Wis­sen­schaft und Ge­sell­schaft. Vie­le an­de­re Po­li­ti­ker sind nach dem En­de ih­rer ak­ti­ven Lauf­bahn eben­falls vor­über­ge­hend an die Uni­ver­si­tät ge­wech­selt: Joa­chim Gauck, Peer St­ein­brück, Josch­ka Fi­scher, um nur ei­ni­ge zu nen­nen.

Das letz­te Mal, als er an der Uni Bonn ge­we­sen sei, ha­be er im Hof­gar­ten de­mons­triert, sagt der ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de der So­zi­al­de­mo­kra­ten. Und dann, an die Stu­den­ten ge­rich­tet: „Sie ha­ben die Chan­ce, erst Au­ßen­mi­nis­ter und dann Vor­le­ser an der Uni zu wer­den, das ist die ge­rech­te Stra­fe für die Ju­gend­sün­den.“

Im wei­te­ren Ver­lauf wird es dann sehr se­ri­ös. Ga­b­ri­el spricht über das The­ma „Deutsch­land in ei­ner un­be­que­me(re)n Welt – die deut­sche Eu­ro­pa- und Au­ßen­po­li­tik vor neu­en Her­aus­for­de­run­gen“. Er mahnt ei­ne ge­mein­sa­me eu­ro­päi­sche Sy­ri­en-Stra­te­gie an. „Es ist ei­ne wah­re Her­ku­les­auf­ga­be, die Eu­ro­pa da zu be­wäl­ti­gen hat“, sagt der SPD-Po­li­ti­ker.

Ga­b­ri­el ist bei sei­nem Vor­trag spür­bar dar­um be­müht, sei­ne Aus­füh­run­gen theo­re­tisch zu un­ter­mau­ern. So wie es sich ge­hört an ei­ner Uni­ver­si­tät, die von Hein­rich Hei­ne, Fried­rich Nietz­sche und Karl Marx be­sucht wor­den ist. Er geht weit zu­rück bis zu Hein­rich dem See­fah­rer im 15. Jahr­hun­dert. Er spricht über Eu­ro­pa, Sy­ri­en und Chi­na, er er­wähnt die Krim und den Br­ex­it. Er zi­tiert Dich­ter und Po­li­to­lo­gen, aber auch his­to­ri­sche Staats­män­ner wie Fürst Met­ter­nich und Lord Pal­mers­ton. Der ganz gro­ße Bo­gen. Für man­chen zu groß. Hier und dort leuch­ten Han­dys un­ter dem Tisch auf.

Wer auf Sti­che­lei­en ge­gen die Ber­li­ner Ak­ti­ven ge­hofft hat, wird ent­täuscht: Ga­b­ri­el macht ganz auf er­fah­re­nen Staats­mann. Ei­ne St­un­de re­det der Do­zent. Am En­de ein war­mer, aber auch er­leich­ter­ter Ap­plaus. Dann geht‘s raus in die Mit­tags­son­ne.

Ga­b­ri­el lehnt an der Büh­ne, um ihn her­um ei­ne Trau­be von Re­por­tern. Al­les al­so fast wie ge­habt. „Ich fin­de es span­nend“, ist sei­ne Bi­lanz. „Ich war ja mal Leh­rer, ich hab ja mal ei­nen an­stän­di­gen Be­ruf ge­lernt frü­her.“Ei­ne Jour­na­lis­tin will noch wis­sen, ob man ihn dem­nächst auch in der Men­sa tref­fen kön­ne? „War­um nicht?“, fragt er. „Kommt drauf an, wie das Es­sen da ist.“(dpa)

Vie­le Be­su­cher wol­len se­hen, wie er den Macht-Ent­zug ver­kraf­tet hat Der SPD-Po­li­ti­ker spannt ei­nen wei­ten Bo­gen von Met­ter­nich bis Sy­ri­en

Fo­to: dpa/Oli­ver Berg

Auf­tritt im Hör­saal: Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) bei sei­nem Vor­trag als Gast­do­zent in Bonn

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