Hei­mi­scher Markt wird zu klein

Pol­ni­sche Fir­men in­ves­tie­ren zu­neh­mend in Bran­den­burg / Berlin ist für Neu­grün­dun­gen in­ter­es­sant

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - Wirtschaft Regional - Von An­nA Ringle nA­tA­lie SkRzypczAk

Berlin. Der Ver­kehrs­club Deutsch­land (VCD) hält in Städ­ten mög­lichst flä­chen­de­cken­de Fahr­rad-Ver­leih­sys­te­me für nö­tig. Wenn es nur ein oder zwei gro­ße An­bie­ter ge­be, be­ste­he die Ge­fahr, dass le­dig­lich In­nen­stadt­quar­tie­re mit Rä­dern be­dient wür­den, sag­te der VCD-Vor­sit­zen­de Wa­si­lis von Rauch am Mon­tag zum Auf­takt des zwei­tä­gi­gen Fahr­rad­wirt­schafts­kon­gres­ses Vi­va­ve­lo in Berlin.

Der­zeit sei der Rad­ver­leih in Groß­städ­ten wie Berlin, München und Frankfurt/Main in ei­ner Wild­west­pha­se. Das füh­re da­zu, dass an man­chen Plät­zen zu vie­le Rä­der un­ge­nutzt her­um­stün­den, sag­te von Rauch. Der Elek­tro­rad-Experte Han­nes Neu­pert er­war­tet, dass in den nächs­ten Jah­ren auch E-Bikes in gro­ßer Zahl in den Städ­ten aus­leih­bar sein wer­den. (dpa) Gu­ben. Deut­sche Fir­men in­ves­tie­ren gern in den öst­li­chen Nach­bar­län­dern. Doch es gibt auch den um­ge­kehr­ten Trend. Für vie­le Un­ter­neh­men aus Po­len ist Deutsch­land als Stand­ort oder Ex­pan­si­ons­ziel at­trak­tiv.

Be­triebs­lei­ter Ro­bert Bed­narek führt durch ein neu­es Lo­gis­tik­zen­trum auf ei­nem In­dus­trie­ge­län­de in der bran­den­bur­gi­schen Kle­in­stadt Gu­ben. Von hier ist es nur ein Kat­zen­sprung bis nach Po­len. Die Che­mie­fir­ma Gru­pa Az­o­ty ATT Po­ly­mers Gm­bH stellt Kunst­stoff-Gra­nu­la­te her und ist seit ei­ni­gen Jah­ren ei­ne deut­sche Toch­ter ei­nes pol­ni­schen Che­mie- und Dün­ge­mit­tel-Kon­zerns.

Die Bun­des­re­pu­blik ist für die öst­li­chen Nach­barn zu­neh­mend at­trak­tiv –aus un­ter­schied­li­chen Grün­den. „Der Kon­zern hat et­was Pas­sen­des ge­sucht“, sagt Bed­narek über das pol­ni­sche In­ter­es­se an dem Stand­ort, wo schon zu DDR-Zei­ten Che­mie­pro­duk­te her­ge­stellt wur­den. Mit den hier pro­du­zier­ten Gra­nu­la­ten, die zum Bei­spiel für Bohr­ma­schi­nen-Ge­häu­se ver­wen­det wer­den, ha­be man die Ka­pa­zi­tät er­hö­hen wol­len. Die Zahl der Her­stel­ler sei über­schau­bar. Die deut­sche Toch­ter­fir­ma bie­te nun mehr Pla­nungs­si­cher­heit. Den Auf­bau ei­ner grö­ße­ren Fer­ti­gung ha­be er sich spa­ren kön­nen, zu­dem pro­fi­tie­re man von den Er­fah­run­gen der Gu­be­ner.

Die pol­ni­sche Mut­ter Gru­pa Az­o­ty S.A. be­stä­tig­te, dass sie sich für den Kauf ent­schie­den ha­be, um die ei­ge­ne Pro­dukt­ket­te zu er­wei­tern. Die Deutsch­Pol­ni­sche In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer (AHK) in War­schau schätzt, dass es der­zeit zwi­schen 1000 und 1500 Fir­men mit Haupt­sitz in Po­len gibt, die Zweig­stel­len oder Toch­ter­be­trie­be in Deutsch­land ha­ben und die in In­dus­trie und Han­del tä­tig sind. Die vom Bund ge­för­der­te Ger­ma­ny Tra­de and In­vest (GTAI) geht mit et­wa 1800 pol­ni­schen Un­ter­neh­men von ei­ner noch grö­ße­ren Zahl aus.

Be­son­ders vie­le Stand­or­te gibt es laut AHK in Nord­rhein-West­fa­len, ge­folgt von der Haupt­stadt­re­gi­on. „Berlin ist als Stand­ort ge­ra­de für Neu­grün­dun­gen

sehr in­ter­es­sant“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Micha­el Kern. Zu den be­lieb­ten Bran­chen zäh­len un­ter an­de­rem Trans­port und Lo­gis­tik, Bau, Le­bens­mit­tel und Me­tall. „Das In­ter­es­se von pol­ni­schen Fir­men am Stand­ort Deutsch­land steigt seit Jah­ren“, er­gänzt Kern. „Po­len ist sehr stark vom Mit­tel­stand ge­prägt, durch die gu­te wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on sind vie­le der Fir­men in­zwi­schen in die La­ge ge­kom­men zu ex­pan­die­ren.“Der hei­mi­sche Markt sei ih­nen zu klein ge­wor­den.

Deutsch­land ist laut der Kam­mer aus vie­len Grün­den at­trak­tiv. Die In­fra­struk­tur sei gut, die Nä­he zu Po­len ver­kehrs­tech­nisch güns­tig, das La­bel „Ma­de in Ger­ma­ny“welt­weit an­ge­se­hen. Durch Ex­pan­si­on wol­le man neue Märk­te und Kun­den ge­win­nen so­wie die Kom­pe­ten­zen der ei­ge­nen Fir­ma er­wei­tern. GTAI zu­fol­ge wa­ren im ver­gan­ge­nen Jahr noch 100 Un­ter­neh­men we­ni­ger in Deutsch­land

ak­tiv. Häu­fig wür­den Ver­triebs­bü­ros er­öff­net, um den Kun­den­kreis zu er­wei­tern. Und es sei­en vor al­lem grö­ße­re Mit­tel­ständ­ler und gro­ße Un­ter­neh­men, die in Deutsch­land in­ves­tie­ren.

Trotz­dem spie­le Po­len in Deutsch­land ei­ne eher klei­ne Rol­le. Län­der wie die USA, Chi­na, Ja­pan oder We­st­eu­ro­pa in­ves­tier­ten hier deut­lich mehr. Und auch beim Blick ins Nach­bar­land wird deut­lich, dass es im­mer noch weit­aus mehr deut­sche Fir­men nach Po­len zieht als um­ge­kehrt – gut drei­mal so vie­le, wie GTAI schätzt.

In den Bun­des­län­dern an der Gren­ze zu Po­len hat man das ver­stärk­te In­ter­es­se der Nach­barn längst re­gis­triert. Die Wirt­schafts­för­de­rung Land Bran­den­burg Gm­bH (WFBB) spricht gar von ei­nem Schub in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Der­zeit sei­en 26 pol­ni­sche Fir­men in Bran­den­burg be­kannt. Ei­nen Grund für das An­sied­lungs­in­ter­es­se pol­ni­scher

Un­ter­neh­men sieht Stef­fen Kamm­radt, Ge­schäfts­füh­rer der WFBB, in der güns­ti­gen La­ge Bran­den­burgs.

„Bran­den­burg hat ei­nen na­tür­li­chen La­ge-Vor­teil für Po­len, weil die We­ge zwi­schen den pol­ni­schen Mut­ter­häu­sern und den Toch­ter­ge­sell­schaf­ten in Bran­den­burg kurz sind.“Vie­le der pol­ni­schen Mut­ter­ge­sell­schaf­ten hät­ten ih­ren Fir­men­sitz in Nordo­der Zen­tral­po­len, so Kamm­radt, bei­spiels­wei­se der Hy­gie­ne­ar­ti­kel­her­stel­ler TZMO in Torun, der Be­trei­ber des KV-Ter­mi­nals in Frankfurt (Oder), PCC In­ter­mo­dal in Gdy­nia, oder der Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer Bo­ry­szew in War­schau. Von dort hät­ten sie ei­nen

ra­schen Weg nach Bran­den­burg und da­mit zum deut­schen Ab­satz­markt. Auch die Tat­sa­che, dass drei trans­eu­ro­päi­sche Ver­kehrs­kor­ri­do­re durch Bran­den­burg füh­ren, ist laut WFBB ent­schei­dend: Von hier aus sei­en al­le Wachs­tums­märk­te Eu­ro­pas in­ner­halb ei­ner Lkw-Ta­ges­fahrt zu be­die­nen.

Zu den In­ves­ti­tio­nen der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit zählt zum Bei­spiel die Er­wei­te­rung des Lo­gis­tik­zen­trums der TZMO Deutsch­land Gm­bH in Bie­sen­thal (Bar­nim). Da­bei han­delt es sich um ein Toch­ter­un­ter­neh­men der Tor­u­ner Be­trie­be für Ver­band­stof­fe AG. In Bie­sen­thal wur­den 2016 rund 686 000 Eu­ro in­ves­tiert und 40 Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen. In Ebers­wal­de (Bar­nim) hin­ge­gen hat das pol­ni­sche Ma­schi­nen­bau-Un­ter­neh­men Rol­batch ei­ne Hal­le ge­kauft und baut die­se zur Pro­duk­ti­on um. Da­mit ver­bun­den sind ei­ne In­ves­ti­ti­on von ins­ge­samt 600 000 Eu­ro. (dpa)

In der Bau­bran­che, in der Lo­gis­tik und im Me­tall­sek­tor ist das In­ter­es­se groß Kur­ze We­ge zwi­schen Mut­ter­häu­sern und ih­ren Töch­tern im Nach­bar­land

Fo­to: dpa/Patrick Pleul

Pol­ni­sches En­ga­ge­ment in Bran­den­burg: Be­triebs­lei­ter Ro­bert Bed­narek von der Gru­pa Az­o­ty ATT Po­ly­mers Gm­bH steht vor der neu­en Ver­pa­ckungs­hal­le in Gu­ben. Rund 7,5 Mil­lio­nen Eu­ro hat das Un­ter­neh­men in den Bau in­ves­tiert.

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