Echt oder Schein?

Bür­ger­be­tei­li­gung bei Wind­ener­gie wirft Fra­gen auf / CDU will Ge­sell­schaf­ten über­prü­fen

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - Aus Aller Welt - Von Ul­rich Thies­sen

Pots­dam. Rund 50 Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten (BEG) er­hiel­ten im ver­gan­ge­nen Jahr den Zu­schlag für die Er­rich­tung von rund 200 neu­er Wind­rä­der in Bran­den­burg. Bür­ger­meis­ter re­den von Eti­ket­ten­schwin­del, bei dem gro­ße Pro­jek­tan­ten Ge­set­zes­lü­cken nutz­ten.

Der Na­me klingt gut: Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaft. Die SPD, 2016 noch im Bund für Wirt­schaft und Ener­gie ver­ant­wort­lich, schrieb sich da­mals auf die Fah­nen, dass die Bür­ger, die oft nur Leid­tra­gen­de von ver­spar­gel­ten Land­schaf­ten sind, auch wirt­schaft­lich vom wei­te­ren Aus­bau der Er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en pro­fi­tie­ren soll­ten. BEG soll­ten be­son­ders ge­för­dert wer­den.

53 Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten ka­men im ver­gan­ge­nen Jahr bei der Ver­ga­be der Kon­zes­sio­nen in Bran­den­burg zum Zu­ge. Da­zu ge­hört auch die Um­welt­ge­rech­te Bür­ge­r­ener­gie Vier­lin­den Gm­bH & Co.KG. Con­stan­tin Schüt­ze, Bür­ger­meis­ter des Or­tes bei See­low, geht da­von aus, dass nie­mand aus sei­ner Ge­mein­de dar­an be­tei­ligt ist. Er hät­te auch gern ver­hin­dert, dass die Ge­sell­schaft den Na­men Vier­lin­den ver­wen­det – konn­te er aber nicht, wie er be­rich­tet.

Die Ge­mein­de Reh­fel­de, eben­falls in Mär­kisch-Oder­land ge­le­gen, gilt als Vor­bild in Sa­chen Bür­ger­be­tei­li­gung an Wind­ener­gie. 2012 grün­de­te sich dort ei­ne Ge­nos­sen­schaft mit 224 Mit­glie­dern. Ih­nen ge­lang es im ver­gan­ge­nen Jahr, zwei ei­ge­ne Wind­rä­der zu er­rich­ten, be­rich­tet Bür­ger­meis­ter Rei­ner Do­nath stolz. Al­ler­dings gibt es auch ei­ne Um­welt­ge­rech­te Bür­ge­r­ener­gie Reh­fel­de Gm­bH, die im ver­gan­ge­nen Jahr den Zu­schlag für fünf künf­ti­ge Wind­rä­der er­hielt.

Eti­ket­ten­schwin­del, sagt Bür­ger­meis­ter Do­nath. Die ge­schäfts­füh­ren­de Ge­sell­schaft der Gm­bH hat ih­ren Sitz in Mei­ßen, da wo der gro­ße Wind­park­ent­wick­ler UKA zu Hau­se ist. Ein Spre­cher des Un­ter­neh­mens ant­wor­te­te auf Nach­fra­ge, dass die Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten der­ar­ti­ge Vor­tei­le ein­ge­räumt be­ka­men, dass al­le an­de­ren Ge­bo­te qua­si chan­cen­los wa­ren. Des­halb ha­be man im In­ter­es­se der 450 Ar­beits­plät­ze, die bei UKA auf dem Spiel stan­den, be­schlos­sen, in den ein­zel­nen Re­gio­nen mit in­ter­es­sier­ten Bür­gern selbst Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten zu grün­den und sich an den Aus­schrei­bun­gen zu be­tei­li­gen.

Bei En­er­trag, dem gro­ßen Wind­park­ent­wick­ler aus der Ucker­mark, heißt es, man ha­be die Bür­ger un­ter­stüt­zen und das Know-how des Un­ter­neh­mens ein­brin­gen wol­len. Des­halb wir- ken auch lei­ten­de Mit­ar­bei­ter von En­er­trag in ge­schäfts­füh­ren­den Fir­men für Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten mit. Der In­halt der je­wei­li­gen Ver­trä­ge mit En­er­trag wird nicht of­fen­ge­legt, so ein Spre­cher des Un­ter­neh­mens. Bei UKA heißt es, dass sich die Fra­ge ei­ner spä­te­ren Über­nah­me der BEG nicht stellt, da so et­was noch nicht an­ge­bo­ten wor­den sei.

Beim Städ­te- und Ge­mein­de­bund hegt man seit Lan­gem den Ver­dacht, dass die so ent­stan­de­nen Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten von den Gro­ßen der Wind­bran­che nur als Ve­hi­kel ge­nutzt wer­den. Der Vor­teil für BEG be­stand dar­in, dass Kon­zes­sio­nen be­an­tragt wer­den konn­ten, oh­ne dass die Ge­neh­mi­gun­gen nach Bun­des­im­mis­si­ons­schutz­ge­setz vor­lie­gen muss­ten – im Ge­gen­satz zu an­de­ren Wett­be­wer­bern. Die Kon­zes­sio­nen gal­ten pau­schal, oh­ne Bin­dung an ei­nen Stand­ort. Den konn­te man sich spä­ter su­chen.

Ei­ne Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaft soll­te aus min­des­tens zehn na­tür­li­chen Per­so­nen be­ste­hen, nur die Hälf­te muss­te seit ei­nem Jahr im ent­spre­chen­den Land­kreis ge­mel­det sein. Dann schau­te man sich in den ge­plan­ten Wind­eig­nungs­ge­bie­ten um und gab sich bei­spiels­wei­se den Na­men Vier­lin­den. Al­ler­dings kann je­de Ge­sell­schaft auch an­ders­wo im Land­kreis die Er­rich­tung ih­rer Wind­rä­der um­set­zen, falls man sich mit dem Land­ei­gen­tü­mer ei­nig ge­wor­den ist.

Lu­kra­tiv ist au­ßer­dem, dass die BEG zwei Jah­re Zeit ha­ben, ihr Pro­jekt um­zu­set­zen. Da­mit kön­nen sie spä­ter die neu­es­ten und er­fah­rungs­ge­mäß viel ef­fek­ti­ve­ren Wind­rä­der ein­setz­ten, wäh­rend her­kömm­li­che Ge­sell­schaf­ten schon im Ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren sich auf ei­nen be­stimm­ten exis­tie­ren­den Typ fest­le­gen müs­sen.

Der CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Dierk Ho­mey­er sieht in all dem ei­ne Wett­be­werbs­ver­zer­rung. Auch der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat in­zwi­schen re­agiert und die Pri­vi­le­gie­rung wie­der auf­ge­ho­ben. Ab so­fort kann man sich wie­der nur mit be­reits ge­neh­mig­ten Vor­ha­ben an Aus­schrei­bun­gen be­tei­li­gen. Ho­mey­er for­dert, die Ge­sell­schaf­ter­struk­tu­ren der 53 er­folg­rei­chen Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten vom Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um über­prü­fen zu las­sen. Not­falls, so der CDUPo­li­ti­ker, müss­ten sie rück­ab­ge­wi­ckelt wer­den. Aber selbst wenn ih­nen nichts ju­ris­tisch vor­zu­wer­fen sei, ha­ben sie den Sinn des Vor­ha­bens, mög­lichst vie­le Bür­ger vor Ort zu be­tei­li­gen, nicht er­füllt, so Ho­mey­er.

Mehr zum The­ma un­ter: www.moz.de/wind­kraft

Reh­fel­de hat ge­zeigt, wie es geht: Dort gibt es ei­ne Ge­nos­sen­schaft mit 224 Bür­gern Ho­mey­er for­dert, die Ge­sell­schaf­ten vom Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um über­prü­fen zu las­sen

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