Feh­ler, die tö­ten kön­nen

Po­li­zei kon­trol­liert bis Frei­tag stadt­weit Ab­bie­ger an ge­fähr­li­chen Kreu­zun­gen

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - Berlin - Von Ma­ria neu­en­dorff

Berlin. Nicht in den Spie­gel ge­schaut, Schul­ter­blick ver­ges­sen, noch schnell bei Rot ab­ge­bo­gen: Feh­ler von Au­to­fah­rern an Kreu­zun­gen kön­nen für Rad­fah­rer töd­lich en­den. Um dar­auf auf­merk­sam zu ma­chen, führt die Ber­li­ner Po­li­zei in die­ser Wo­che in der ge­sam­ten Stadt Kon­trol­len bei Ab­bie­gern durch.

Die bei­den Män­ner, die sich an der Kreu­zung Bun­des­platz/Wex­stra­ße in Wil­mers­dorf her­um­drü­cken, wür­de man eher für Va­ga­bun­den als für Po­li­zis­ten hal­ten. Die Ver­klei­dung als her­un­ter­ge­kom­me­ne Ty­pen ist film­reif, das Funk­ge­rät gut un­ter dem wei­ten ab­ge­r­anz­ten grü­nen Par­ker ver­steckt. Es wird erst ge­zückt, wenn ein Au­to­fah­rer beim Ab­bie­gen ei­nen Feh­ler macht. So wie der jun­ge BMW-Fah­rer, der ein­fach wei­ter­fährt, ob­wohl die Am­pel ge­ra­de auf Rot ge­sprun­gen ist. Nur we­ni­ge hun­dert Me­ter wei­ter wird er nun von Po­li­zis­ten mit ro­ter Kel­le aus dem Ver­kehr ge­zo­gen. „Weil ich nach Rad­fah­rern ge­schaut ha­be, ha­be ich gar nicht ge­merkt, dass die Am­pel schon um­ge­schal­tet hat“, ver­sucht der jun­ge Ber­li­ner sein Fehl­ver­hal­ten zu er­klä­ren.

Die Po­li­zis­ten ken­nen die­se Aus­re­de schon. Ne­ben ei­ner Be­leh­rung gibt es ei­ne Anzeige plus Buß­geld­be­scheid über 55 Eu­ro. „Bis zum Frei­tag wird es in ganz Berlin Ver­kehrs­kon­trol­len an kri­ti­schen Kreu­zun­gen ge­ben“, er­klärt Tors­ten Kühl vom Fach­stab Ver­kehr. „Je­der Ab­schnitt be­tei­ligt sich dar­an.“

Denn durch fahr­läs­si­ge Feh­ler beim Ab­bie­gen von Lkw- und Pkw-Fah­rern kam es im ver­gan­ge­nen Jahr zu 784 Un­fäl­len. Vier Rad­fah­rer star­ben. 56 wur­den schwer, 657 leicht ver­letzt. „Der Rad­ver­kehr in Berlin nimmt zu, die Stadt wächst, wenn man da kei­ne Rück­sicht auf­ein­an­der nimmt, hat das fa­ta­le Fol­gen“, sagt Kühl.

Doch weil es an die­sem Mon­tag­vor­mit­tag reg­net, sind nur we­nig Rad­fah­rer un­ter­wegs. Ein Stu­dent, der auf ei­nem al­ten Klapp­rad an­ge­fah­ren kommt, hat nicht nur ei­nen Kaf­fee­be­cher in der Hand, son­dern auch Stöp­sel im Ohr. „Die Mu­sik darf nicht so laut sein, sonst kön­nen Sie kein Mar­tins­horn oder Hu­pen hö­ren“, be­lehrt ihn ei­ne Be­am­tin.

Dann knis­tert es wie­der im Funk­ge­rät. „Blau­er Au­di, Fah- rer hat beim Ab­bie­gen das Han­dy am Ohr“, ge­ben die Kol­le­gen durch. 100 Eu­ro und ein Punkt in Flens­burg heißt das für den Mann aus Sach­sen-An­halt, der wei­ter über das Dis­play wischt, wäh­rend sei­ne Da­ten über­prüft wer­den. „Ob­wohl die Stra­fen da­für ge­ra­de er­höht wur­den, sind das die häu­figs­ten Ver­stö­ße“, be­rich­tet ein äl­te­rer Be­am­ter. „Manch­mal tip­pen die Leu­te so­gar wei­ter, ob­wohl wir mit dem Strei­fen­wa­gen ne­ben ih­nen fah­ren, so ab­ge­lenkt sind sie.“

Als die Po­li­zis­ten nach zwei St­un­den und rund zehn Ver­stö­ßen ab­zie­hen wol­len, pas­siert di­rekt vor ih­ren Au­gen das, vor dem sie war­nen wol­len. Ein wei­ßer Sprin­ter biegt in ei­ne klei­ne Sei­ten­stra­ße ab, oh­ne auf ei­nen Rad­fah­rer zu ach­ten. Der muss so­gar ab­brem­sen. „Das war knapp, wä­re der Rad­fah­rer schnel­ler ge­we­sen, hät­test du ihn er­wischt“, sagt der Po­li­zist zu dem jun­gen Lie­fe­ran­ten, der Bau­ma­te­ria­li­en ge­la­den hat.

Es ist sei­ne ers­te Fahrt al­lei­ne mit dem Di­enst­wa­gen. „Ich muss mich erst dar­an ge­wöh­nen, dass ich auf der Bei­fah­rer­sei­te hin­ten kei­ne Fens­ter ha­be. Das macht den Schul­ter­blick schwie­rig“, sagt der 18-Jäh­ri­ge ver­dros­sen, der mit 30 Eu­ro we­gen Be­hin­de­rung und ei­nem Schre­cken da­von­kommt.

Ei­ne aus­ge­bil­de­te Leh­re­rin hat ge­gen das Land Berlin ge­klagt. Sie will mit Kopf­tuch dau­er­haft an ei­ner Grund­schu­le un­ter­rich­ten. Der Bil­dungs­se­nat ver­wei­gert dies mit Blick auf das Neu­tra­li­täts­ge­setz.

Laut Ge­setz dür­fen Po­li­zis­ten, Jus­tiz­mit­ar­bei­ter und Leh­rer an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len im Di­enst kei­ne re­li­gi­ös ge­präg­ten Klei­dungs­stü­cke tra­gen. Bil­dungs­se­na­to­rin San­dra Schee­res (SPD) will dar­an fest­hal­ten. Jus-

Fo­to: Ma­ria Neu­en­dorff

Bit­te an­hal­ten! Au­to­fah­rer wer­den am Bun­des­platz nach Ab­bie­ge­feh­lern aus dem Ver­kehr ge­zo­gen.

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