Na­tur­er­be vor dem Kol­laps

Das Öko­sys­tem Mit­tel­meer wird von vie­len Sei­ten be­droht / Ei­ne Ar­te-Re­por­ta­ge zeich­net ein war­nen­des Bild

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - Medien - Von Li­sa Fors­ter

Berlin. Es ist schon ir­gend­wie ab­surd: Man liegt auf ei­nem Kreuz­fahrt­schiff in ei­nem Pool, und au­ßen schwappt das Meer­was­ser an den Schiffs­rumpf. Oder man brut­zelt sich mit Tau­sen­den an­de­ren auf dem­sel­ben Strand­ab­schnitt in Bar­ce­lo­na, kaum Platz, über­haupt das Strand­tuch aus­zu­brei­ten. Das sind zwei Sze­nen aus der Do­ku­men­ta­ti­on „Mit­tel­meer in Ge­fahr“, die heu­te Abend auf Ar­te läuft. Und für die Ma­cher der Sen­dung zwei Grün­de da­für, war­um das Mit­tel­meer be­droht ist.

Mas­sen­tou­ris­mus, der Boom der Kreuz­fahrt­schif­fe, Um­welt­ver­schmut­zung und Öl­för­de­rung be­dro­hen das Mit­tel­meer im­mer stär­ker, wie die Re­por­ta­ge nach­voll­zieht. Re­gis­seur Al­exis Mar­rant spricht mit Um­welt­schüt­zern, Fi­schern so­wie Po­li­ti­kern und be­sucht Küs­ten­or­te von Frank­reich über Mon­te­ne­gro bis Li­by­en. „Das Mit­tel­meer ist be­reits ei­nes der am meis­ten ver­schmutz­ten Mee­re der Welt“, sagt der ita­lie­ni­sche EU-Ab­ge­ord­ne­te der Grü­nen und Mee­res­bio­lo­ge, Mar­co Af­fron­te.

27 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re aus der gan­zen Welt ma­chen jähr­lich Schiffs­rei­sen auf dem Mit­tel­meer. Doch die gro­ßen Kreuz­fahrt­schif­fe hät­ten ei­ne ka­ta­stro­pha­le Um­welt­bi­lanz, sagt Axel Fried­rich von der Deut­schen Um­welt­hil­fe. Die meis­ten Ree­de­rei­en setz­ten nach wie vor auf Schwer­öl als Kraft­stoff. Drau­ßen hin­ter­las­sen die Schif­fe Fe­in­staub­par­ti­kel, Schwe­fel- und Stick­oxi­de. Drin­nen ver­gnü­gen sich die Leu­te in Ka­si­nos, auf Eis­lauf­bah­nen oder Surf-Si­mu­la­to­ren.

Da­zu kom­men Fracht­schif­fe – 120 000 fah­ren jähr­lich über das Mit­tel­meer. Auch die För­de­rung von Erd­öl wer­de im­mer mehr zum Pro­blem. Wenn an­ste­hen­de Pro­jek­te rea­li­siert wür­den, sei­en bald 40 Pro­zent des Mee­res­bo­dens den Öl­fir­men aus­ge­lie­fert.

Die Ka­me­ra schwebt über rie­si­ge Be­ton­klöt­ze an den Küs­ten von Ri­mi­ni, Alanya und Tel Aviv. Die­se Bau­ten sind nicht nur aus äs­the­ti­schen, son­dern auch öko­lo­gi­schen Grün­den pro­ble­ma­tisch. Denn die vie­len Tou­ris­ten hin­ter­las­sen ih­ren Müll in der Um­welt. 300 Mil­lio­nen Be­su­cher zieht das Mit­tel­meer je­des Jahr an. Schät­zun­gen zu­fol­ge sol­len es 2030 rund 500 Mil­lio­nen sein. „Die Ka­pa­zi­tät der Küs­ten­re­gio­nen ist aus­ge­schöpft“, be­tont die An­wäl­tin und ehe­ma­li­ge fran­zö­si­sche Um­welt­mi­nis­te­rin Co­rin­ne Le­page.

Da­zwi­schen Pan­ora­ma­bil­der von oben: Ein Fi­scher­boot, das an der fran­zö­si­schen Küs­te ein­sam sei­ne Schnei­sen durch das Meer zieht. Zu­vor hat­te ein fran­zö­si­scher Fi­scher sei­ne Sor­gen ge­klagt: Die Sar­di­nen sei­en klei­ner ge­wor­den, weil es im­mer we­ni­ger Plank­ton im Meer als Nah­rung ge­be.

Be­son­ders dra­ma­tisch ist die Si­tua­ti­on aber im ara­bi­schen Raum. Zum Bei­spiel vor Tri­po­lis, Li­by­en. Die Wel­len rau­schen hin­ter Ber­gen von Plas­tik­par­ti­keln, die sich in den Küs­ten­sand men­gen. Der Strand ist von Müll über­sät, sanft schli­ckert Öl auf dem Salz­was­ser.

Im li­ba­ne­si­schen Bei­rut se­hen die Zu­schau­er den Müll di­rekt hin­ter Erd­wäl­len am Mee­res­ufer ge­la­gert. Ei­gent­lich ei­ne Be­helfs­lö­sung – doch die vor­ge­se­he­ne Be­triebs­zeit der Hal­de ist längst über­schrit­ten, ei­ne Lö­sung nicht in Sicht. „Der Müll wird ir­gend­wie ent­sorgt und der Staat tut nichts da­ge­gen“, sagt der li­ba­ne­si­sche Um­welt­ak­ti­vist Pier­re Is­sa. „Wir sind da­bei, das Meer mit un­se­rem Müll zu­zu­schüt­ten.“

Im Os­ten Tu­ne­si­ens lan­det das gif­ti­ge Ab­fall­pro­dukt Phos­ph­or­gips je­den Tag im Meer – weil ein Phos­phor­pro­du­zent es in der Küs­ten­stadt Ga­bès man­gels Al­ter­na­ti­ven di­rekt ins Was­ser lei­tet. Die Be­völ­ke­rung pro­tes­tiert, doch es pas­siert nichts – und das, ob­wohl die Ab­fäl­le für ei­ne Häu­fung von Krebs und Lun­gen­er­kran­kun­gen in der Re­gi­on ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den.

„Ei­ne gan­ze Rei­he wirt­schaft­li­cher Ak­ti­vi­tä­ten nut­zen das Mit­tel­meer und des­sen Reich­tü­mer“, re­sü­miert Pas­cal Can­fin, Po­li­ti­ker der fran­zö­si­schen Grü­nen. „An­ge­fan­gen bei der Fi­sche­rei. Da­zu kom­men die Öl- und Gas­in­dus­trie, der Tou­ris­mus, der See­han­del und vie­les mehr.“Die Sum­me die­ser Ak­ti­vi­tä­ten füh­re da­zu, dass das Mit­tel­meer als au­ßer­ge­wöhn­li­ches Na­tur­er­be in gro­ßer Ge­fahr sei. (dpa)

„Mit­tel­meer in Ge­fahr“, Ar­te, heu­te, 20.15 Uhr

Fo­to: Ar­te/Ca­pa Pres­se TV

Kaum noch Platz für ein Hand­tuch: 300 Mil­lio­nen Be­su­cher zieht das Mit­tel­meer jähr­lich an – Ten­denz stark stei­gend.

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