Zwei­fel am Ver­bot von Gly­pho­sat

Bun­des­re­gie­rung will Ein­satz von Un­kraut­ver­nich­ter re­du­zie­ren / Kom­mu­nen ver­zich­ten frei­wil­lig auf das Mit­tel

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - Vorderseite - Mar­tin hof­mann

Berlin. Mo­na­te­lang ha­ben sich Um­welt- und Agrar­mi­nis­te­ri­um um Gly­pho­sat gez­offt. Jetzt wol­len die neu­en Mi­nis­te­rin­nen beim Aus­stieg de­mons­tra­tiv an ei­nem Strang zie­hen. Klappt das oh­ne ein Ver­bot? Es könn­te ei­nen Um­weg ge­ben.

Die Bun­des­re­gie­rung will beim Aus­stieg aus dem um­strit­te­nen Un­kraut­gifts Gly­pho­sat an ei­nem Strang zie­hen und hält Zu­las­sungs­be­schrän­kun­gen für gly­phos­at­hal­ti­ge Mit­tel für mög­lich. Agrar­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner (CDU) zeig­te sich am Mon­tag skep­tisch mit Blick auf ein na­tio­na­les Ver­bot des Wirk­stoffs, kün­dig­te aber ei­nen ra­schen Vor­stoß zur Re­du­zie­rung des Ein­sat­zes an. Sie wer­de in den nächs­ten Ta­gen ei­nen Vor­schlag ma­chen, wie die An­wen­dung ein­ge­schränkt wer­den kön­ne, sag­te Klöck­ner am Mon­tag vor Sit­zun­gen der Cdu-füh­rungs­gre­mi­en in Berlin.

„Ein Ver­bot die­ses Wirk­stof­fes wür­den wir nur auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne hin­be­kom­men“, sag­te auch ein Spre­cher des Um­welt­mi­nis­te­ri­ums in Berlin. Al­ler­dings müss­ten die Zu­las­sun­gen für gly­phos­at­hal­ti­ge Pflan­zen­schutz­mit­tel im Lau­fe die­ses Jah­res er­neu­ert wer­den. „Und das ist dann auch die Si­tua­ti­on, in der mög­li­che Ein­schrän­kun­gen statt­fin­den für die­se Mit­tel“, sag­te er. Zu­stän­dig für die Zu­las­sung sind das Bun­des­amt für Ver­brau­cher­schutz und Le­bens­mit­tel­si­cher­heit (BVL) und das Um­welt­bun­des­amt (UBA).

Der Spre­cher von Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze (SPD) ver­wies dar­auf, dass mehr als 80 Kom­mu­nen und meh­re­re Un­ter­neh­men schon jetzt den Ein­satz von Gly­pho­sat auf ih­ren Flä­chen ab­leh­nen. „Der Aus­stieg ist mög­lich, der Aus­stieg ist auch schon längst im Gang“, sag­te er.

Klöck­ner be­ton­te, dass sie sich an den Ko­ali­ti­ons­ver­trag hal­te: „Ich bin da ver­trags­kon­form“, sag­te sie. Auch das Um­welt­mi­nis­te­ri­um ver­wies dar­auf, dass Uni­on und SPD sich auf ei­ne Min­de­rungs­stra­te­gie ge­ei­nigt hät­ten mit dem Ziel, die An­wen­dung so schnell wie mög­lich zu be­en­den. Im Ver­trag heißt es wei­ter: „Die da­zu not­wen­di­gen recht­li­chen Maß­nah­men wer­den wir in ei­nem Eu-kon­for­men Rah­men ver­an­kern.“

Die Agrar­mi­nis­te­rin hat­te der „Süd­deut­schen Zei­tung“vor dem Hin­ter­grund recht­li­cher Be­den­ken der Eu-kom­mis­si­on ge­gen ein Gly­pho­sat-ver­bot in Ös­ter­reich ge­sagt: „Ver­bo­te ha­ben nicht im­mer Be­stand.“Sie be­ton­te spä­ter, sie ha­be sich nicht ge­gen ein Ver­bot von Gly­pho­sat aus­ge­spro­chen. „Ich ha­be dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es ei­ne eu­ro­pa­recht­li­che Fra­ge ist.“Das von Ös­ter­reich aus­ge­spro­che­ne Kom­plett­ver­bot sei eu­ro­pa­rechts­wid­rig.

Der Un­kraut­ver­nich­ter war 2017 in der EU nach mo­na­te­lan­gem Streit für wei­te­re fünf Jah­re zu­ge­las­sen wor­den. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on stuf­te das Mit­tel im März 2015 als „wahr­schein­lich krebs­er­re­gend“ein. Die eu­ro­päi­sche Le­bens­mit­tel­be­hör­de Ef­sa, die Che­mi­ka­li­en­agen­tur Echa und das Bun­des­in­sti­tut für Ri­si­ko­be­wer­tung se­hen kei­ne aus­rei­chen­den Be­le­ge da­für. Um­welt­schüt­zer sind der Über­zeu­gung, dass Gly­pho­sat die Ar­ten­viel­falt zer­stö­re, weil die Le­bens­grund­la­ge von In­sek­ten und Vö­geln zer­stört wer­de.

Ü be­r­all lässt sich Gly­pho­sat nach­wei­sen: in Pflan­zen, Tie­ren, Bö­den, Flüs­sen, Nah­rungs­mit­teln und mensch­li­chem Urin. Es han­delt sich meist um ge­rings­te Men­gen. Doch das Pes­ti­zid taucht über­all auf. Der Grund: In Deutsch­land wer­den jähr­lich zwi­schen 4000 und 5000 Ton­nen des Un­kraut­ver­nichters ver­sprüht, auf 39 Pro­zent der Acker­flä­che, an Bahn­däm­men, an Stra­ßen­rän­dern, sel­te­ner in Pri­vat­gär­ten.

Das Pro­blem: Gly­pho­sat steht un­ter Ver­dacht, mög­li­cher­wei­se sel­te­ne Krebs­ar­ten aus­zu­lö­sen. Das zei­gen se­riö­se to­xi­ko­lo­gi­sche wie epi­de­mio­lo­gi­sche Stu­di­en. Nach jüngs­ten Er­kennt­nis­sen könn­te das Ri­si­ko noch gra­vie­ren­der sein, weil die Che­mi­ka­lie auch auf das Ner­ven­sys­tem wirkt.

Des­halb hat die Ko­ali­ti­on ver­ein­bart, das Aus­brin­gen des Pflan­zen­schutz­mit­tels so rasch wie mög­lich ein­zu­däm­men und letzt­lich zu be­en­den. Kom­mu­nen und Pri­vat­gärt­nern das Un­kraut­gift aus der Hand zu neh­men, dürf­te nicht rei­chen. Die Bau­ern sind in der Pflicht. An ers­ter Stel­le steht die Sik­ka­ti­on, das Tots­prit­zen der Nutz­pflan­zen kurz vor der Ern­te mit­hil­fe von Gly­pho­sat. Land­wir­te er­rei­chen da­durch ei­nen bes­se­ren Preis. Aber oh­ne ei­ne Art von Kom­pen­sa­ti­on dürf­ten die Plä­ne kaum durch­zu­set­zen sein.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.