Der­zeit kei­ne gu­te Aus­sicht

Die Ni­ko­lai­kir­che in Jü­ter­bog pro­tes­tiert mit der Schlie­ßung ih­rer Tür­me ge­gen An­fein­dun­gen und Ras­sis­mus

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - Brandenburg -

Von Ja­na Rei­mann-grohs

Jü­ter­bog. Die Aus­sichts­tür­me der Ni­ko­lai­kir­che von Jü­ter­bog sind bis auf Wei­te­res für die Öf­fent­lich­keit ge­sperrt. Zu die­ser Maß­nah­me sah sich die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de ge­zwun­gen, um ein Zei­chen ge­gen An­fein­dun­gen, Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit zu set­zen. Aber auch ge­gen An­schul­di­gun­gen, Kir­chen­ver­tre­ter wür­den Straf­ta­ten von Flücht­lin­gen un­ter­stüt­zen.

Die Ni­ko­lai­kir­che in Jü­ter­bog (Tel­tow-flä­ming) ist ei­ne der be­deu­tends­ten Se­hens­wür­dig­kei­ten und zugleich Wahr­zei­chen der Stadt. Von ih­ren Tür­men aus kann man bei schö­nem Wet­ter bis nach Berlin schau­en. Doch da­mit ist es erst ein­mal vor­bei. Der Ge­mein­de­kir­chen­rat hat die Kirch­tür­me am Mon­tag ge­sperrt. Hin­ter­grund ist ei­ne öf­fent­li­che Hetz­kam­pa­gne ge­gen Pfar­re­rin Mecht­hild Falk.

Geg­ner wer­fen der Kir­chen­frau vor, be­wusst Straf­ta­ten von Flücht­lin­gen ver­schwie­gen zu ha­ben. Falk en­ga­giert sich ge­mein­sam mit an­de­ren Eh­ren­amt­li­chen in ei­ner Hel­fer­grup­pe für Ge­flüch­te­te. Ei­ner ih­rer Schütz­lin­ge soll oh­ne Füh­rer­schein Au­to ge­fah­ren sein. An­statt den jun­gen Mann an­zu­zei­gen, ha­be sie le­dig­lich das Ge­spräch zu ihm ge­sucht, lau­tet ei­ner der Vor­wür­fe, den der „Jü­ter­bo­ger Bür­ger­stamm­tisch“An­fang April auf Face­book er­hob. Zu­dem soll die Pfar­re­rin von se­xu­el­len Hand­lun­gen ei­nes Flücht­lings mit ei­ner Min­der­jäh­ri­gen ge­wusst ha­ben und auch die­sen Fall nicht zur Anzeige ge­bracht ha­ben.

Die Pfar­re­rin be­fin­de sich „auf Ab­we­gen“, schrieb der Bür­ger­stamm­tisch. Und Bür­ger­meis­ter Ar­ne Raue (par­tei­los) kom­men­tier­te dies mit ei­nem Ver­weis auf Pa­ra­graf 258 Straf­ge­setz­buch – den Tat­be­stand der Straf­ver­ei­te­lung, der mit Frei­heits- oder Geld­stra­fe ge­ahn­det wer­de.

Seit zwei Wo­chen be­kommt die Pfar­re­rin nun Hass­mails und Dro­hun­gen. Da­bei wünscht sie sich ei­gent­lich ei­ne kon­struk­ti­ve Ge­sprächs­kul­tur für ih­re Flücht­lings­ar­beit und mehr Un­ter­stüt­zung von­sei­ten der Stadt. Sie füh­le sich „in die Ecke von Tä­tern ge­rückt“, sagt Falk. „Mir wird ei­ne Straf­fäl­lig­keit durch das Ober­haupt un­se­rer Stadt vor­ge­wor­fen.“

Zugleich weist sie die Kri­tik zu­rück. Bei­de Vor­fäl­le sei­en zu­vor be­reits von an­de­rer Stel­le an­ge­zeigt wor­den, sagt Falk. Sie selbst ha­be nur über Drit­te da­von er­fah­ren. Die Pfar­re­rin woll­te auf­klä­ren und nicht ver­ur­tei- len. In ei­ner Dis­kus­si­ons­run­de ih­res Hel­fer­krei­ses soll­ten prä­ven­ti­ve Maß­nah­men dis­ku­tiert wer­den. Ein in­zwi­schen aus­ge­tre­te­nes Mit­glied ha­be die Vor­fäl­le dann öf­fent­lich ge­macht.

„Ich ver­ste­he das Schlie­ßen der Kirch­tür­me als Zei­chen der So­li­da­ri­tät des Ge­mein­de­kir­chen­rats mit sei­ner Pfar­re­rin und hof­fe, dass es zu ei­nem klä­ren­den Ge­spräch zwi­schen Stadt, Ge­mein­de­kir­chen­rat und Pfar­re­rin Falk kommt“, sagt Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dant Mar­tin Her­che von der Evan­ge­li­schen Kir­che Ber­linbran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz. Er ste­he „voll hin­ter Pfar­re­rin Falk“.

Für Mecht­hild Falk sind die jüngs­ten Er­eig­nis­se nur der Hö­he­punkt. „Es gibt ei­ne lan­ge Vor­ge­schich­te“, sagt sie. Um städ­ti­sche Un­ter­stüt­zung ih­rer kirch­li­chen Flücht­lings­hil­fe ha­be sie ste­tig rin­gen müs­sen. Jetzt soll­ten sich die Stadt­ver­ant­wort­li­chen „end­lich mal po­si­tio­nie­ren“, for­dert die Pfar­re­rin. Sie wol­le „für die­se Stadt et­was Gu­tes“, be­tont Falk.

„Das Min­des­te, was wir jetzt er­war­ten, ist, dass die fal­schen Be­haup­tun­gen zu­rück­ge­nom­men wer­den“, sagt sie in Rich­tung Bür­ger­meis­ter. Ar­ne Raue selbst hat dar­auf bis­lang nicht re­agiert.

In­des ver­si­chert Bern­hard Gut­sche, ge­schäfts­füh­ren­der Pfar­rer der evan­ge­li­schen Ge­mein­de Jü­ter­bog, dass die Kir­che als Ort des Ge­bets wei­ter­hin ge­öff­net bleibt. Mit der vor­über­ge­hen­den Schlie­ßung der Kirch­tür­me möch­te man auch ein Zei­chen ge­gen Ras­sis­mus set­zen, sagt er.

Erst am ver­gan­ge­nen Frei­tag hat­te ei­ne rechts­na­tio­na­le Kund­ge­bung der Grup­pe „Zu­kunft Hei­mat“in Jü­ter­bog statt­ge­fun­den, bei der laut Falk „frem­den­feind­li­che The­men in die Stadt hin­ein­ge­tra­gen“wor­den sei­en. Aber, be­tont die Pfar­re­rin: „Es läuft auch so vie­les gut in Jü­ter­bog.“

Fo­to: dpa/bernd Settnik

Durch­blick: Die Ni­ko­lai­kir­che in Jü­ter­bog ist ei­ne der be­lieb­tes­ten Se­hens­wür­dig­kei­ten der Stadt.

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