La­w­row stellt sich vor sy­ri­sche Re­gie­rung

Zehn Jah­re nach der Leh­man-plei­te sind die Fol­gen im­mer noch zu spü­ren

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - Vorderseite - Von Die­ter Kel­ler

Ber­lin. Der rus­si­sche Au­ßen­mi­nis­ter Ser­gej La­w­row hat Vor­wür­fe zu­rück­ge­wie­sen, die sy­ri­schen Re­gie­rungs­trup­pen woll­ten bei ei­ner Groß­of­fen­si­ve ge­gen die Re­bel­len­hoch­burg Id­lib Gift­gas ein­set­zen. „Es gibt kei­nen ein­zi­gen Nach­weis, dass die Re­gie­rung sich auf so et­was vor­be­rei­tet“, sag­te La­w­row am Frei­tag auf ei­ner Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung in Ber­lin. Den USA warf La­w­row vor, mit sol­chen Spe­ku­la­tio­nen ei­nen Gift­ga­s­ein­satz von Re­bel­len­grup­pen in Id­lib zu pro­vo­zie­ren.

Es sei „de fac­to ei­ne Ein­la­dung an die Ex­tre­mis­ten, ei­ne wei­te­re Ins­ze­nie­rung auf die Büh­ne zu brin­gen“, um da­mit den Grund für Luft­an­grif­fe auf Re­gie­rungs­trup­pen zu lie­fern. La­w­row be­schul­dig­te die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Weiß­hel­me, an der Vor­be­rei­tung ei­ner sol­chen „Ins­ze­nie­rung“be­tei­ligt zu sein.

Die Ame­ri­ka­ner hal­ten es für wahr­schein­lich, dass die Trup­pen von Prä­si­dent Ba­schar al­as­sad bei ei­ner Id­lib-of­fen­si­ve Gift­gas ein­set­zen wer­den und er­wä­gen Ver­gel­tungs­schlä­ge.

Ber­lin. Vor ge­nau zehn Jah­ren lös­te die In­sol­venz der Us-bank Leh­man Bro­thers den welt­weit größ­ten Fi­nanz­crash seit der Wirt­schafts­kri­se vor 80 Jah­ren aus. Heu­te stellt sich die ban­ge Fra­ge: Wann und wie kommt die nächs­te Kri­se?

Zwei Bil­der ha­ben sich be­son­ders ein­ge­prägt. Da sind ein­mal die Mit­ar­bei­ter der US-IN­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers, die ih­re Hab­se­lig­kei­ten in Papp­kar­tons aus dem Bank­ge­bäu­de in New York tra­gen, weil sie durch die In­sol­venz am 15. Sep­tem­ber 2008 über Nacht ih­ren Ar­beits­platz ver­lo­ren ha­ben. Und zum an­de­ren Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und der da­ma­li­ge Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück (SPD), die drei Wo­chen spä­ter im Kanz­ler­amt den Bür­gern vor lau­fen­den Fern­seh­ka­me­ras ver­spre­chen, ih­re Spar­ein­la­gen sei­en si­cher. Die Kri­se hat vie­le Fa­cet­ten – der Ver­such ei­nes Über­blicks:

Die Ur­sa­chen: Ame­ri­ka­ner le­ben am liebs­ten im Ei­gen­heim. Dank der nied­ri­gen Zin­sen konn­ten sie sich die­sen Traum er­fül­len. Us­ban­ken ver­ga­ben groß­zü­gig Kre­di­te, oh­ne die Ri­si­ken zu prü­fen, selbst wenn kein Ei­gen­ka­pi­tal vor­han­den war. Denn die Im­mo­bi­li­en­prei­se und da­mit der Wert der Häu­ser stie­gen stän­dig. Bis et­wa 2006 ent­stand ei­ne gro­ße Im­mo­bi­li­en­bla­se. Zu­dem be­hiel­ten die Ban­ken die Kre­di­te nicht selbst, son­dern sie bün­del­ten die­se in kom­pli­zier­ten Kon­struk­ten, die sie welt­weit ver­kauf­ten. Da­bei hat­ten In­vest­ment­bank­ma­na­ger an­ge­sichts ho­her Pro­vi­sio­nen kei­ne Skru­pel. Spä­ter ga­ben selbst Vor­stän­de gro­ßer Ban­ken zu, sie hät­ten die­se Pro­duk­te nicht ver­stan­den.

Der gro­ße Knall: Die ers­ten Pro­ble­me zeig­ten sich im Früh­jahr 2007, weil im­mer mehr Haus­be­sit­zer ih­re Ra­ten nicht mehr be­zah­len konn­ten. Die Im­mo­bi­li­en­prei­se san­ken. Die Ban­ken hat­ten gro­ße Kre­dit­aus­fäl­le. Als im Sep­tem­ber 2008 den bei­den größ­ten Us-bau­fi­nan­zie­rern Fan­nie Mae und Fred­die Mac die Plei­te droh­te, sprang die Re­gie­rung ein und ver­staat­lich­te sie. Da­ge­gen ver­wei­ger­te sie der In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers Hil­fe. Sie muss­te da­her am 15. Sep­tem­ber In­sol­venz an­mel­den, was kaum ein In­si­der für mög­lich ge­hal­ten hat­te. Das er­schüt­ter­te welt­weit das Ver­trau­en in der Ban­ken­bra­che: Kei­ner ver­gab mehr Kre­di­te. Das Fi­nanz­sys­tem stand kurz vor dem Kol­laps.

Die Fol­gen für Deutsch­land:

Po­li­tik und Ban­ken mein­ten zu­erst, die Pro­ble­me in den USA be- rühr­ten Deutsch­land kaum. Ih­nen war nicht klar, wie eng die Ver­net­zung war. Doch schnell stürz­te das Kar­ten­haus ein. Nur drei Wo­chen nach der Leh­man-plei­te sa­hen sich Kanz­le­rin Mer­kel und Fi­nanz­mi­nis­ter St­ein­brück zu ei­nem mu­ti­gen Ver­spre­chen ge­zwun­gen: „Wir sa­gen den Spare­rin­nen und Spa­rern, dass ih­re Ein­la­gen si­cher sind.“Es hat­te die er­hoff­te Wir­kung: Es gab kei­nen Sturm auf die Ban­ken, um mas­sen­haft Geld ab­zu­he­ben. Da­mit kei­nes der gro­ßen Kre­dit­in­sti­tu­te Plei­te ging, er­rich­te­te Deutsch­land ei­nen staat­li­chen Ret­tungs­schirm, un­ter den sich un­ter an­de­rem die Com­merz­bank flüch­ten muss­te. Der Im­mo­bi­li­en­fi­nan­zie­rer Hy­po Re­al Esta­te (HRE) muss­te ganz ver­staat­licht wer­den. Deutsch­land star­te­te 2009 ein gro­ßes Kon­junk­tur­pro­gramm un­ter an­de­rem mit der Ab­wrack­prä­mie.

Die Kos­ten: Was die Ban­ken­ret­tung den Steu­er­zah­ler ge­kos­tet hat, lässt sich schwer sa­gen. Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD) nann­te ge­ra­de „bis­lang et­was mehr als 30 Mil­li­ar­den Eu­ro“für den Bund und ei­ne ähn­li­che Sum­me für die Bun­des­län­der. Der Grü­nen-fi­nanz­ex­per­te Ger­hard Schick hat mit Zah­len des Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums 68 Mil­li­ar­den Eu­ro er­rech­net. Da­zu kom­men noch of­fe­ne Ri­si­ken, Steu­er­aus­fäl­le in der Re­zes­si­on, die Kon­junk­tur­pro­gram­me und die Kos­ten der Eu­ro-ret­tung. An­ge­sichts sol­cher Zah­len stieg der Ver­druss bei vie­len Bür­gern.

Die Kon­se­quen­zen: Nie wie­der soll­te ei­ne ein­zel­ne Bank „too big to fail“sein, al­so zu groß, als dass sie Plei­te ge­hen könn­te, oh­ne das gan­ze Fi­nanz­sys­tem zu er­schüt­tern. Der Staat soll­te nicht mehr ein­sprin­gen, wa­ren sich die Po­li­ti­ker ei­nig. Die Ban­ken wer­den schär­fer kon­trol­liert. Sie muss­ten mehr Ei­gen­ka­pi­tal bil­den. Es gibt den eu­ro­päi­schen Kri­sen­fonds ESM, der ein­sprin­gen kann. Doch ob das al­les bei ei­ner gro­ßen Schief­la­ge reicht, ist zwei­fel­haft.

Der nächs­te Crash: Noch sind die Fol­gen der Fi­nanz­kri­se nicht über­wun­den. Doch die nächs­te kommt be­stimmt. Nur weiß kei­ner wann, wo, wie hef­tig und durch was ver­ur­sacht. Es gibt je­de Men­ge Ri­si­ken. Ban­ken sind im­mer noch zu groß, um zu schei­tern. Der zu­neh­men­de Pro­tek­tio­nis­mus nicht zu­letzt durch Us-prä­si­dent Do­nald Trump ge­fähr­det den Welt­han­del. Wich­ti­ge Schwel­len­län­der ste­cken in Schwie­rig­kei­ten, et­wa die Tür­kei und Bra­si­li­en. An­ge­sichts der Mi­ni­zin­sen ha­ben Staa­ten und Un­ter­neh­men neue Schul­den ge­macht.

Fo­to: dpa/epa/an­dy Rain

Ar­beits­platz ge­räumt: Ei­ne Leh­man-bro­thers-be­schäf­tig­te trägt am 15. Sep­tem­ber 2008 ih­ren Schreib­tisch­in­halt nach drau­ßen. Die Leh­man-plei­te mar­kiert den Be­ginn der welt­wei­ten Fi­nanz­kri­se.

Fo­to: dpa/rai­ner Jen­sen

Teu­re Ga­ran­tie: Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und der da­ma­li­ge Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück (SPD) ge­ben am 5. Ok­to­ber 2008 ei­ne Ga­ran­tie für Spar­gut­ha­ben ab.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.