Im­mer we­ni­ger Or­gan­spen­der

Am Kli­ni­kum Frank­furt gab es in die­sem Jahr vier Or­gan­spen­den / Ober­arzt Mat­thi­as Jä­ger für Wi­der­spruchs­lö­sung

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - Vorderseite - Von Tho­mas Gut­ke

Die Zahl der Or­gan­spen­der ist seit Jah­ren rück­läu­fig, auch in der Re­gi­on. Der Trans­plan­ta­ti­ons­be­auf­trag­te am Kli­ni­kum be­grüßt da­her den Vor­stoß für ei­nen Sys­tem­wech­sel.

Frank­furt. Die Zahl der Or­gan­spen­der in Deutsch­land ist seit Jah­ren rück­läu­fig, auch in der Re­gi­on. Der Trans­plan­ta­ti­ons­be­auf­trag­te am Frank­fur­ter Kli­ni­kum, Dr. Mat­thi­as Jä­ger, be­grüßt da­her den Vor­stoß von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn für ei­nen Sys­tem­wech­sel. Doch wie funk­tio­niert dort ei­gent­lich ei­ne Or­gan­spen­de?

Nicht ei­nen Or­gan­spen­der gab es 2017 am Rhön-kli­ni­kum in Frank­furt – in die­sem Jahr schon vier. „Fra­gen Sie mich nicht, war­um. Viel­leicht, weil öf­fent­lich wie­der mehr über das The­ma ge­spro­chen wird“, sagt Dr. Mat­thi­as Jä­ger, Ober­arzt auf der In­ten­siv­sta­ti­on. Er ist seit vie­len Jah­ren Trans­plan­ta­ti­ons­be­auf­trag­ter und stän­dig dar­um be­müht, Pa­ti­en­ten und An­ge­hö­ri­ge über das The­ma zu in­for­mie­ren. Den Kli­ni­ken den schwar­zen Pe­ter in der Dis­kus­si­on um sin­ken­de Spen­der­zah­len zu­zu­schie­ben, fin­de er un­fair, sagt er. Denn an man­geln­der Auf­klä­rung lie­ge es nicht. „So, wie wir es jetzt prak­ti­zie­ren, ist es ein­fach kom­pli­ziert“, sagt er – in sei­ner 20-jäh­ri­gen Be­rufs­zeit sei es ihm noch nicht ein­mal pas­siert, dass ein Pa­ti­ent ei­nen Or­gan­spen­der­aus­weis mit sich führ­te.

Tat­säch­lich sind es in der Re­gel die An­ge­hö­ri­gen, die über die Or­gan­spen­de ent­schei­den (müs­sen). Wie hät­te der Le­bens­part­ner, die Mut­ter oder der Va­ter zu Leb­zei­ten ent­schie­den? So sieht es die er­wei­ter­te Zu­stim­mungs­lö­sung vor, die in Deutsch­land seit 2012 Ge­setz ist. Und die Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn nun zu­guns­ten ei­ner Wi­der­spruchs­lö­sung kip­pen möch­te.

Ei­ne Or­gan­spen­de setzt im­mer ei­nen ir­re­ver­si­blen Ge­hirn­funk­ti­ons­aus­fall vor­aus, um­gangs­sprach­lich Hirn­tod ge­nannt. Nur we­ni­ge Krank­heits­bil­der füh­ren über­haupt da­zu, wie et­wa ein ge­platz­tes Blut­ge­fäß im Ge­hirn. Läuft es auf die Dia­gno­se hin­aus, er­kun­di­gen sich Mat­thi­as Jä­ger oder sei­ne Kol­le­gen, nach dem mut­maß­li­chen Pa­ti­en­ten­wil­len. „Wir kon­fron­tie­ren sie mit der Dra­ma­tik der Si­tua­ti­on, dass der Be­trof­fe­ne ster­ben wird, und kurz dar­auf mit der Fra­ge, ob die Ein­wil­li­gung zur Or­gan­spen­de be­steht. Das ist ei­ne ab­so­lu­te Ex­trem­si­tua­ti­on für al­le Be­tei­lig­ten. Aber un­se­re ge­setz­li­che Auf­ga­be“, er­klärt der Ober­arzt. Er stellt klar: „Wir über­re­den nie­man­den, drän­gen kei­nen in die Ecke. Das wä­re un­ethisch. Statt­des­sen stel­len wir das Krank­heits­bild dar, und er­klä­ren die Be­deu­tung ei­nes ir­re­ver­si­blen Ge­hirn­funk­ti­ons­aus­falls.“Wenn die An­ge­hö­ri­gen er­klä­ren, dass sie da­zu nichts sa­gen könn­ten, „dann gilt das als ab­ge­lehnt“.

Wil­li­gen die An­ge­hö­ri­gen in die Or­gan­spen­de ein, be­ginnt ein Wett­lauf ge­gen die Zeit. Ei­ne Kom­mis­si­on aus Me­di­zi­nern stellt den Hirn­tod fest. Der Pa­ti­ent gilt nun­mehr als ju­ris­tisch ver­stor­ben, wird aber wei­ter be­han­delt, um die Or­gan­sys­te­me im funk­ti­ons­fä­hi­gen Zu­stand zu hal­ten. Par­al­lel da­zu wird die Deut­sche Stif­tung Or­gan­trans­plan­ta­ti­on (DSO) über den Or­gan­spen­der in­for­miert. Die­se schickt ei­nen Ko­or­di­na­tor, der al­le nö­ti­gen Schrit­te in die We­ge lei­tet: von der Ge­we­be­ty­pi­sie­rung über die Klä­rung der Fra­ge, wel­che Or­ga­ne über­haupt in Fra­ge kom­men bis hin zur Ab­stim­mung mit po­ten­zi­el­len Emp­fän­gern. „Das ist ein sehr kom­ple­xer Pro­zess, er dau­ert in der Re­gel zwi­schen 12 und 48 St­un­den. Dann er­folgt die Ko­or­di­nie­rung auf den Zeit­punkt X, zu dem die Ent­nah­me­teams zeit­nah ein­tref­fen.“Nach der Ent­nah­me ma­chen sich die Teams mit den Or­ga­nen schnellst­mög­lich mit dem Au­to und Flie­ger auf den Weg zu ei­nem der Trans­plan­ta­ti­ons­zen­tren – eu­ro­pa­weit. In Bran­den­burg selbst gibt es kei­ne Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin.

Zu­gleich wer­den die Emp­fän­ger ein­be­stellt. „Plötz­lich klin­gelt das Te­le­fon. Sie wer­den aus dem Nichts her­aus ak­ti­viert und müs­sen sich bin­nen we­ni­ger St­un­den ein­fin­den“, so Mat­thi­as Jä­ger. Von Lun­ge, Bauch­spei­chel­drü­se, Herz oder Nie­re könn­ten bis zu fünf schwer­kran­ke Pa­ti­en­ten pro­fi­tie­ren. Die Zu­tei­lung er­folgt über die DSO und die Trans­plan­ta­ti­ons­zen­tren. „Wir als Kli­ni­kum ha­ben da­mit gar nichts zu tun, son­dern küm­mern uns vor al­lem um die An­ge­hö­ri­gen.“

Die­se be­kom­men, wenn sie wol­len, ei­ne an­ony­mi­sier­te Rück­mel­dung. Vie­le Fa­mi­li­en ge­be dies Trost in der Ver­ar­bei­tung des furcht­ba­ren per­sön­li­chen Ver­lus­tes, so Mat­thi­as Jä­ger. Ei­ne di­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen An­ge­hö­ri­gen und Or­gan­emp­fän­gern dür­fe je­doch nicht ent­ste­hen. „Das wird strikt ge­trennt. Um zu ver­hin­dern, dass For­de­run­gen ent­ste­hen.“

Mit ei­ner Wi­der­spruchs­lö­sung, wie sie bald im Bun­des­tag zur Ab­stim­mung ste­hen könn­te, hät­te es auch am Kli­ni­kum mehr le­bens­ret­ten­de Or­gan­spen­den ge­ge­ben, glaubt Mat­thi­as Jä­ger. Je­der, der nicht ak­tiv wi­der­spricht, wür­de da­mit grund­sätz­lich sei­ne Be­reit­schaft da­zu er­klä­ren, sich da­für zur Ver­fü­gung zu stel­len. „Wir be­tre­ten hier auch nicht Neu­land, zu Ddr-zei­ten gab es das schon. Und in vie­len an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern wie Ös­ter­reich oder Spa­ni­en ist es prak­ti­zier­tes Recht.“Aus sei­ner Sicht han­de­le es sich um ei­ne ethisch sau­be­re Lö­sung. „Ich se­he im­mer noch ei­ne freie Ent­schei­dung des Bür­gers. Je­der hat das Recht zu sa­gen: ich möch­te das nicht.“

Dpa

Trans­port­box für ei­ne Nie­re, auf­ge­nom­men in ei­nem Kli­ni­kum in Bre­men. In Frank­furt gab es in die­sem Jahr vier Or­gan­spen­den.fo­to:

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