In Flam­men für die Frei­heit

Vor 40 Jah­ren zün­de­te sich der Cott­bu­ser Häft­ling Wer­ner Greif­fen­dorf selbst an und starb we­nig spä­ter an sei­nen Ver­let­zun­gen

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - Berlin / Brandenburg - Von Da­ni­el Stei­ger

Cott­bus. An die­sem Sonn­tag la­den die Fried­rich-nau­man­nStif­tung für die Frei­heit und das Men­schen­rechts­zen­trum Cott­bus zu ei­ner Ge­denk­ver­an­stal­tung zum The­ma „Selbst­ver­bren­nung als po­li­ti­sches Aus­drucks­mit­tel?“in die Ge­denk­stät­te Zucht­haus Cott­bus ein. An­lass der Ver­an­stal­tung ist der 40. To­des­tag von Wer­ner Greif­fen­dorf.

„Ma­ma, ich will frei sein!“Die­se Wor­te schall­ten im Herbst 1978 über den Frei­hof des Ge­fäng­nis­ses in Cott­bus. Sie ka­men aus dem Mund von Wer­ner Greif­fen­dorf. Es soll­ten sei­ne letz­ten ver­ständ­li­chen Wor­te sein. Denn in dem Au­gen­blick, in dem sie über sei­ne Lip­pen kom­men, hat sich der 28-Jäh­ri­ge schon mit 500 Mil­li­li­ter Per­la­din, ei­nem Ver­dün­nungs­mit­tel für Lack­far­ben, über­gos­sen und an­ge­zün­det. Aus Ver­zweif­lung sa­gen die ei­nen, die „Tat ei­nes Wahn­sin­ni­gen“nennt es das Wach­per­so­nal in Be­rich­ten über den Vor­fall.

Wer­ner Greif­fen­dorf saß we­gen ei­nes Flucht­ver­suchs aus der DDR im Cott­bu­ser Ge­fäng­nis. Er war 1977 in der Tsche­cho­slo­wa­kei ge­schnappt wor­den. Nicht zum ers­ten Mal. Zwi­schen 1967 und 1976 hat er mehr als sechs Jah­re hin­ter Git­tern ver­bracht. Auch hier ist ein ge­schei­ter­ter Flucht­ver­such ei­ner der Haft­grün­de. Zu­vor hat­te Greif­fen­dorf kein ein­fa­ches Le­ben. Syl­via Wäh­ling, die Ge­schäfts­füh­re­rin des Men­schen­rechts­zen­trums im ehe­ma­li­gen Cott­bu­ser Ge­fäng­nis, kennt Be­rich­te der Ddr-staats­si­cher­heit zu dem Häft­ling. Dort ist von vie­len Jah­ren in un­ter­schied­li­chen Kin­der­hei­men die Re­de, weil sich die El­tern ge­trennt ha­ben. Der Va­ter lebt an­schlie­ßend in West­deutsch­land. „Spä­ter hat Greif­fen­dorf ei­ne Leh­re als Ma­ler ab­ge­bro­chen“, so Syl­via Wäh­ling. Er und sei­ne Mut­ter leb­ten da­mals in Rie­sa. Er ar­bei­tet als La­ge­rist und Los­ver­käu­fer, als er den zwei­ten ver­häng­nis­vol­len Flucht­ver­such über die Tsche­cho­slo­wa­kei plant. Das Schei­tern bringt ihm ei­ne Ge­fäng­nis­stra­fe von zwei Jah­ren und acht Mo­na­ten ein.

Als am 19. Ok­to­ber 1978 die Schmer­zens­schreie über den Cott­bu­ser Knast­hof schal­len, hat Greif­fen­dorf schon mehr als die Hälf­te der Zeit ab­ge­ses­sen. Im No­vem­ber 1979 wä­re er ent­las­sen wor­den. Spä­tes­tens. Denn vie­le Ddr-kri­ti­sche Häft­lin­ge sind aus Cott­bus in den Wes­ten ver­kauft wor­den. Nach Ein­schät­zung der Sta­si woll­te auch Greif­fen­dorf mit sei­ner Tat sei­ne Aus­rei­se in die Bun­des­re­pu­blik er­zwin­gen. Ei­nen „Sui­zid­ver­such“kön­nen die Ddr-ge­heim­dienst­ler in der Selbst­ver­bren­nung nicht er­ken­nen.

Doch die größ­te Sor­ge der Sta­si ist, dass die Tat im ver­ach­te­ten Wes­ten be­kannt wird. 1975 hat­te Ddr-staats­rats­chef Erich Hone­cker im fin­ni­schen Helsinki im Rah­men der „Kon­fe­renz für Si­cher­heit und Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa“ei­ne Er­klä­rung un­ter­schrie­ben, die die teil­neh­men­den Län­der un­ter an­de­rem zur Ach­tung der Men­schen­rech­te und Gr­und­frei­hei­ten ver­pflich­tet. Da pas­sen Schlag­zei­len über ei­ne Selbst­ver­bren­nung ei­nes Ddrk­ri­ti­kers der Sed-re­gie­rung nicht ins Bild. Doch wie kann ein schnel­les Be­kannt­wer­den der Tat ver­hin­dert wer­den? Auf dem Frei­hof be­fan­den sich zum Zeit­punkt von Greif­fen­dorfs Selbst­ver­bren­nung 62 wei­te­re Ge­fan­ge­ne.

Bernd Schöl­zel war vor 40 Jah­ren eben­falls we­gen ei­ner ge­schei­ter­ten Flucht aus der DDR in Cott­bus ein­ge­sperrt und er­in­nert sich: „Wir wa­ren noch nicht ganz auf dem Frei­hof und war­te­ten an ei­ner Tür, als drau­ßen auf ein­mal ein Tu­mult los­brach. Zu­erst konn­te ich nicht er­ken­nen, war­um. Aber dann sah ich, dass ein Mensch in Flam­men stand. Es ist er­schre­ckend, dass man so et­was mit an­se­hen muss.“

Den Farb­ver­dün­ner hat­te Greif­fen­dorf in ei­nem Netz in ein Hand­tuch ge­wi­ckelt auf den Frei­hof ge­schmug­gelt. Das Mit­tel wur­de bei Ma­ler- und In­stand­set­zungs­ar­bei­ten im Ge­fäng­nis ver­wen­det. Die Ar­bei­ten wur­den von Häft­lin­gen durch­ge­führt, so­mit hat­ten die­se auch Zu­gang zu dem Mit­tel. Die 500 Mil­li­li­ter aus der Glas­fla­sche goss Greif­fen­dorf in ei­ner Ecke des Frei­hofs über sei­ne Ja­cke. Mit­häft­lin­ge hör­ten das Plät­schern von Flüs­sig­keit, dach­ten er pin­kelt in die Ecke. Erst als sein Ober­kör­per in Flam­men stand und er schrei­end in die Mit­te des Frei­hofs lief, er­reg­te er Auf­merk­sam­keit.

Mit Ja­cken schlu­gen Mit­häft­lin­ge auf die Flam­men ein, ver­such­ten zu lö­schen. Die „Schnel­le Me­di­zi­ni­sche Hil­fe“aus dem Kran­ken­haus wur­de von den Wach­leu­ten alar­miert. 40 Pro­zent sei­nes Kör­pers wie­sen zum Teil schwe­re Ver­bren­nun­gen auf. Greif­fen­dorf kämpf­te auf der In­ten­siv­sta­ti­on um sein Le­ben. Ei­ne Ver­le­gung in ei­ne Spe­zi­al­kli­nik wur­de mit Ver­weis auf sei­ne Trans­port­un­fä­hig­keit ab­ge­lehnt. Am 9. No­vem­ber 1978 stirbt der ge­bür­ti­ge Dö­ber­ner. Ei­nen Tag spä­ter wird die Mut­ter in­for­miert.

„Aus mei­ner sub­jek­ti­ven Sicht muss ich sa­gen, dass es ziem­lich lan­ge ge­dau­ert hat, bis Hil­fe kam“, er­in­nert sich Bernd Schöl­zel. Da­mals wuss­te er noch nicht, wer dort in Flam­men stand. Das mit der Selbst­an­zün­dung si­cker­te nach und nach ge­rüch­te­wei­se durch die Haft­an­stalt. „Of­fi­zi­el­le In­for­ma­tio­nen gab es nicht. Dass Wer­ner Greif­fen­dorf im Kran­ken­haus ge­stor­ben ist, ha­be ich erst nach mei­ner Haft­zeit er­fah­ren“, so Bernd Schöl­zel.

Nach dem Tod Greif­fen­dorfs be­gann die Sta­si-ma­schi­ne­rie auf Hoch­tou­ren zu ar­bei­ten. Die Be­er­di­gung wur­de für den 14. No­vem­ber 1978 in Rie­sa an­ge­setzt. Die Sta­si hat­te Be­fürch­tun­gen, dass aus­län­di­sche Jour­na­lis­ten von der Sa­che Wind be­kom­men und re­cher­chie­ren. Die Post al­ler Mit­be­woh­ner in dem Rie­sa­er Mehr­fa­mi­li­en­haus, in dem Greif­fen­dorfs Mut­ter wohn­te, wur­de ab­ge­fan­gen und kon­trol­liert. Ge­bäu­de und Fried­hof stan­den un­ter stän­di­ger Über­wa­chung. Wer geht ein und aus? Wer weiß was? Drin­gen In­for­ma­tio­nen nach drau­ßen? Am Tag der Be­er­di­gung stan­den an den drei Zu­gän­gen zum Fried­hof Sta­si-leu­te. Die Zu­fahrts­stra­ßen und Bahn­hö­fe wur­den über­wacht. Ans Gr­ab durf­ten nur sechs en­ge Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge. Selbst die Sarg­trä­ger wur­den von der Sta­si ge­stellt.

Und in den Er­mitt­ler­stu­ben der Staats­si­cher­heit wur­den die west­deut­schen Zei­tun­gen nach Mel­dun­gen über den Vor­fall durch­sucht. Doch da stand zu­nächst nichts. Ei­ne der wich­tigs­ten Quel­len für die Jour­na­lis­ten wa­ren da­mals Ge­fan­ge­ne, die vom Wes­ten aus der DDR her­aus­ge­kauft wur­den. Doch un­mit­tel­bar nach der Ver­bren­nung hat­te die Sta­si die ge­plan­te „Ent­las­sung“in den Wes­ten von 14 Häft­lin­gen aus dem Cott­bu­ser Knast erst ein­mal auf un­be­stimm­te Zeit aus­ge­setzt. Es dau­er­te bis zum Ja­nu­ar 1979, bis „Welt“und „BZ“von der Selbst­ver­bren­nung er­fuh­ren und be­rich­te­ten. Ddr-zei­tun­gen, wie et­wa die in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des Ge­fäng­nis­ses sit­zen­de Par­tei­zei­tung „Lau­sit­zer Rund­schau“, be­rich­te­ten mit kei­ner Zei­le über das Er­eig­nis. Der Ar­ti­kel aus der „Welt“ist heu­te Teil der Aus­stel­lung im Men­schen­rechts­zen­trum. Hier ist Wer­ner Greif­fen­dorf ei­ne gan­ze Aus­stel­lungs­wand ge­wid­met. Auf dem ehe­ma­li­gen Frei­hof steht ge­nau an der Stel­le, wo er sich vor 40 Jah­ren in Brand steck­te, ein klei­nes Holz­kreuz mit sei­nem Na­men.

Zur Ge­denk­ver­an­stal­tung an die Er­eig­nis­se im Herbst 1978 wird die Wis­sen­schaft­le­rin Sa­bi­ne Stach vom Deut­schen His­to­ri­schen In­sti­tut War­schau an die­sem Sonn­tag in der Ge­denk­stät­te Zucht­haus Cott­bus er­war­tet. Sie hat sich auf die The­men Selbst­ver­bren­nung und po­li­ti­sche Mär­ty­rer­dis­kur­se im Staats- und Post­so­zia­lis­mus spe­zia­li­siert. In Cott­bus wird Sa­bi­ne Stach mit dem Zeit­zeu­gen Hein­zdie­ter Grau, der die Ver­bren­nung sei­nes Haft­ka­me­ra­den Greif­fen­dorf selbst mit­er­lebt hat, so­wie Jens Ostrow­ski, Chef­re­dak­teur der „Ruhr­nach­rich­ten“und Ex­per­te für den Fall Greif­fen­dorf, dis­ku­tie­ren.

Nach dem Tod des Ge­fan­ge­nen ar­bei­te­te die Sta­si-ma­schi­ne­rie auf Hoch­tou­ren

Der Ein­tritt zu der Ge­denk­ver­an­stal­tung ab 11 Uhr ist frei.

Fotos (2): ZVG

Ge­den­ken: Auf dem Frei­hof der ehe­ma­li­gen Haft­an­stalt in Cott­bus er­in­nert die­ses Kreuz an Wer­ner Greif­fen­dorf.

Po­li­zei­fo­to: Die­se Auf­nah­me von Greif­fen­dorf wur­de nach sei­nem Flucht­ver­such an­ge­fer­tigt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.