Wenn die Luft weg­bleibt

Es hat vie­le Jah­re ge­dau­ert, bis die Ärz­te Wer­ner Mül­ler hel­fen konn­ten / Er lei­det an Schlaf­apnoe – wie fünf bis zehn Pro­zent al­ler Er­wach­se­nen

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - Serie: Träumen Und Schlafen -

Von Kath­rin Kam­me­rer

Egal wie lan­ge er auch ge­schla­fen hat­te: Wer­ner Mül­ler war im­mer mü­de. „Ich bin um sechs Uhr auf­ge­stan­den, und es hat drei St­un­den ge­dau­ert, bis ich über­haupt ei­ni­ger­ma­ßen fit war“, er­in­nert sich der 68-jäh­ri­ge Reut­lin­ger. Am Früh­stücks­tisch noch schnell ir­gend­wel­che Pro­ble­me mit den Kin­dern und der Frau be­spre­chen? Fehl­an­zei­ge. „Ich war ein­fach nur ge­reizt.“Mül­ler ar­bei­te­te zu die­ser Zeit in Stutt­gart. Wenn er mit dem Au­to zur Ar­beit fuhr, leg­te er manch­mal auf hal­ber Stre­cke ei­ne Pau­se ein, lief ein Mal ums Au­to und schnapp­te fri­sche Luft, um wie­der fit zu wer­den. und ver­brach­te schließ­lich zwei Näch­te im Schlaf­la­bor. Das war 1996. Dort wur­de ihm auch zum ers­ten Mal ei­ne Atem­mas­ke zum Schla­fen auf­ge­setzt. Am nächs­ten Mor­gen sei er um halb sechs völ­lig er­holt auf dem Bett ge­ses­sen und ha­be sich ge­dacht: Mensch, das war die al­ler­ers­te Nacht, in der ich rich­tig ge­schla­fen ha­be. Die Ärz­te stell­ten ihm nun ei­ne sper­rig klin­gen­de Dia­gno­se: Schlaf­apnoe.

Fünf bis zehn Pro­zent der er­wach­se­nen Be­völ­ke­rung lei­det laut ei­ner Schät­zung von Fach­ärz­ten un­ter krank­haf­ten Ate­maus­set­zern in der Nacht. Durch ei­ne Er­schlaf­fung der Schlund­mus­ku­la­tur wird die Luft­röh­re blo­ckiert, der Be­trof­fe­ne be­kommt kei­ne Luft mehr. Wenn die­se Ate­maus­set­zer mehr als zehn Se­kun­den dau­ern und min­des­tens zehn Mal pro St­un­de auf­tre­ten, spricht man von Schlaf­apnoe. Das Ge­hirn be­merkt den Sau­er­stoff­man­gel ir­gend­wann und ak­ti­viert die be­trof­fe­nen Mus­keln. Der Schla­fen­de kann plötz­lich wie­der nach Luft schnap­pen. Das Gan­ze äu­ßert sich in ei­nem lau­ten, grun­zen­den Schnarch­ge­räusch – Wer­ner Mül­ler macht es ein­dring­lich nach. „Mein längs­ter Ate­maus­set­zer im Schlaf­la­bor da­mals hat ei­ne Mi­nu­te und 58 Se­kun­den ge­dau­ert“, sagt er. 400 bis 600 Mal pro Nacht wie­der­hol­te sich das.

Wie Hel­ga Mül­ler bei die­ser Ge­räusch­ku­lis­se über­haupt ein Au­ge zu­ma­chen konn­te? Das scheint zu­min­dest für Au­ßen­ste­hen­de un­vor­stell­bar. Trotz­dem: Ge­trenn­te Schlaf­zim­mer wa­ren für die Mül­lers nie ei­ne Al­ter­na­ti­ve. Wer­ner Mül­ler selbst hat von sei­nen laut­star­ken Atem­an­fäl­len nie et­was di­rekt mit­be­kom­men. Aber er war dau­ernd mü­de, da der Kör­per durch die stän­di­ge An­stren­gung kei­ne er­hol­sa­men Tief­schlaf­pha­sen mehr er­rei­chen konn­te.

Nach der Dia­gno­se be­kam der da­mals 46-Jäh­ri­ge ein Atem­ge­rät und ei­ne Mas­ke – und stand da­mit zu­nächst ein­mal ziem­lich hilf­los da, er­in­nert er sich. Das Ge­rät – CPAP ab­ge­kürzt – pumpt die kom­plet­te Nacht mit ei­nem fest­ge­leg­ten Druck Luft durch sei­ne Luft­röh­re und ver­hin­dert so, dass sich die­se wie­der ver­schließt und er nicht mehr at­men kann. Nach der Dia­gno­se hat­te Wer­ner Mül­ler vie­le Fra­gen: Wie wen­det man das über­haupt an? Auf was muss man ach­ten? Wie um Him­mels Wil­len kann man mit so ei­nem Teil zur Ru­he kom­men? Und so­wie­so: Das kann doch nicht al­les ge­we­sen sein? Ich kann doch nicht mein rest­li­ches Le­ben mit Mas­ke schla­fen? Heu­te weiß er, dass er das durch­aus kann: „Wenn man die­se The­ra­pie hat, ist man schnell froh, über­haupt mal schla­fen zu kön­nen und da­nach auch er­holt zu sein.“Und es ist ja nicht nur der Schlaf, der nun deut­lich bes­ser ist. Auch Ge­sund­heits­ri­si­ken wie Dia­be­tes, De­pres­sio­nen, Blut­hoch­druck, Herz­in­farkt oder Schlag­an­fall wer­den ab­ge­min­dert.

Wer­ner Mül­ler be­such­te nach sei­ner Dia­gno­se ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe für Schlaf­apnoe in Sin­del­fin­gen. 250 Men­schen hol­ten sich En­de der 1990er-jah­re dort Hil­fe – „Da hab’ ich das ers­te Mal ge­merkt, dass ich nicht al­lein bin.“1998 grün­de­te Mül­ler ei­ne ei­ge­ne Grup­pe in Reut­lin­gen, die in ih­ren stärks­ten Zei­ten bis zu 120 Mit­glie­der hat­te. Er in­for­miert sich lau­fend über neue The­ra­pi­en und Ge­rä­te, lädt Fir­men und Me­di­zi­ner zu Vor­trä­gen ein, ver­sucht be­son­ders den neu­en Mit­glie­dern zu hel­fen, die an­fäng­li­che Un­si­cher­heit zu über­win­den. Wenn Wer­ner Mül­ler an­fängt, über sei­ne Grup­pe und sei­ne Krank­heit zu re­den, dann mag er kaum noch auf­hö­ren: So vie­le Ge­schich­ten von Be­trof­fe­nen hat er in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ge­hört, so viel Fach­wis­sen hat er sich mitt­ler­wei­le an­ge­le­sen.

Ei­ni­ge sei­ner Grup­pen­mit­glie­der ha­ben Pro­ble­me mit der Schlaf­mas­ke, bei man­chen ist die Haut durch das täg­li­che Tra­gen ge­reizt, bei an­de­ren sind die Au­gen durch Luf­t­aus­flüs­se stra­pa­ziert. Man muss dar­über re­den, sich aus­tau­schen, sagt Wer­ner Mül­ler. Und man darf das The­ma nicht ta­bui­sie­ren – auch wenn die nicht-be­trof­fe­ne Mehr­heit der Ge­sell­schaft das Schnar­chen ger­ne als „klei­nes, lös­ba­res Pro­blem“ab­tut.

Sechs Mal trifft sich die Selbst­hil­fe­grup­pe im Jahr. Wer schnarcht, der soll­te al­so schleu­nigst ins Schlaf­la­bor und sich ei­ne Atem­mas­ke ho­len? Nicht un­be­dingt, sagt Mül­ler. Schnar­chen kann auch an­de­re Ur­sa­chen ha­ben: Er­mü­dung, zu viel Al­ko­hol, Über­ge­wicht, die Po­ly­pen, ei­ne schie­fe Na­sen­schei­de­wand. Aber es kann eben auch ei­ne Ap­noe sein. Wei­te­re Sym­pto­me – ne­ben der un­end­li­chen Mü­dig­keit – sind Ge­dächt­nis­stö­run­gen, Kopf­schmer­zen beim Er­wa­chen, Nacht­schweiß, mor­gend­li­ches Schwin­del­ge­fühl und häu­fi­ges nächt­li­ches Was­ser­las­sen. „Lie­ber geht man ein Mal zu viel zum Arzt als ein Mal zu we­nig“, sagt Wer­ner Mül­ler.

Und es muss ja auch nicht im­mer gleich ein Atem­ge­rät für den Rest des Le­bens sein. Für die leich­te­ren Fäl­le gibt es auch an­de­re Hilfs­mit­tel: Bei­spiels­wei­se Zahn­schie­nen, die ver­hin­dern, dass die Zun­gen­mus­ku­la­tur nachts im er­schlaff­ten Zu­stand nach hin­ten rutscht und die Luft­röh­re ver­sperrt. Oder Schlaf­ruck­sä­cke, die ver­hin­dern, dass sich der Schnar­cher auf den Rü­cken dreht. Ja, man kann sich so­gar ei­nen Zun­gen­schritt­ma­cher im­plan­tie­ren las­sen, der den Zun­gen­mus­kel im Schlaf sti­mu­liert und so ver­hin­dert, dass die­ser die Luft­röh­re blo­ckiert.

Wer­ner Mül­ler weiß das al­les. Er hat dut­zen­de Fly­er und klei­ne Büch­lein zu sei­ner Krank­heit, gan­ze Ord­ner voll, ge­füllt mit Fach­wis­sen. Aber er bleibt auch ein Mann der al­ten Schu­le: Mit sei­nem CPAP hat er sich mitt­ler­wei­le präch­tig ar­ran­giert – wie­so soll­te er al­so noch­mal was Neu­es aus­pro­bie­ren. Auch Ehe­frau Hel­ga fin­det nun wie­der un­ge­stört ih­ren Schlaf. Manch­mal wacht sie so­gar nachts auf und ist ir­ri­tiert: Nicht mehr we­gen der lau­ten Schnarch-ku­lis­se, die Gott sei Dank schon lan­ge Ver­gan­gen­heit ist. Son­dern, weil ihr das be­ru­hi­gen­de Sur­ren des Cpap-ge­räts fehlt, wenn ihr Mann noch nicht im Bett ist.

„Lie­ber geht man ein Mal zu­viel zum Arzt als ein Mal zu we­nig.“

Mehr zum The­ma un­ter: www.moz.de/schla­fen

Selbst­hil­fe­grup­pen­lei­ter Wer­ner Mül­ler zeigt, wie das CPAP-GE­RÄT rich­tig funk­tio­niert.

Fotos (2): Kath­rin Kam­me­rer

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