Ethik-De­bat­te zu Gen­tests ge­for­dert

Par­la­men­ta­ri­er be­fürch­ten mehr Ab­trei­bun­gen

Märkische Oderzeitung Seelow - - Vorderseite - Von Do­ro­thee to­reb­ko

Ber­lin. Frak­ti­ons­über­grei­fend ha­ben Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Kri­tik an stan­dard­mä­ßi­gen vor­ge­burt­li­chen Blut­tests ge­äu­ßert. Am Frei­tag for­der­ten sie in Ber­lin ei­ne Bun­des­tags­de­bat­te über die ethi­schen Kon­se­quen­zen, wenn die Kos­ten für die­se Tests von den Kran­ken­kas­sen über­nom­men wer­den. „Die Fort­schrit­te in der ge­ne­ti­schen Dia­gno­se zwin­gen uns als Gesellschaft da­zu, die Fra­ge zu be­ant­wor­ten, wie wir mit den Er­kennt­nis­sen um­ge­hen“, sag­te der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Ru­dolf Hen­ke in Ber­lin.

Hin­ter­grund des Vor­sto­ßes ist ein lau­fen­des Ver­fah­ren, in wel­chen Fäl­len vor­ge­burt­li­che Blut- un­ter­su­chun­gen künf­tig von den Kran­ken­kas­sen be­zahlt wer­den könn­ten. Die Par­la­men­ta­ri­er wol­len, dass die Kos­ten wei­ter­hin von den El­tern über­nom­men wer­den. Denn sie be­fürch­ten, dass die Zahl der Ab­trei­bun­gen der Em­bry­os mit der Gen­mu­ta­ti­on steigt, wenn die Tests zur Re­gel­leis­tung wer­den.

Au­ßer­dem wür­de das den Weg frei ma­chen für wei­te­re ge­ne­ti­sche Ver­fah­ren. „Jetzt ist es noch mög­lich, ei­ne ge­sell­schaft­li­che De­bat­te dar­über zu füh­ren, ob und in wel­chen Fäl­len vor­ge­burt­li­che Gen­tests le­gi­tim sind“, er­läu­ter­te Lin­ken-Ab­ge­ord­ne­te Kath­rin Vog­ler.

Ber­lin. Wie weit wol­len El­tern mit Gen-Tests zur Ge­sund­heit un­ge­bo­re­ner Kin­der ge­hen? Die­se Fra­ge hat ei­ne Grup­pe von Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten auf­ge­wor­fen. Sie for­dert ei­ne De­bat­te dar­über, wie vor­ge­burt­li­che Blut­un­ter­su­chun­gen ge­re­gelt wer­den sol­len und hat am Frei­tag ein frak­ti­ons­über­grei­fen­des Po­si­ti­ons­pa­pier vor­ge­stellt.

Dass Na­ta­lie De­dreux ge­bo­ren wer­den wür­de, stand nie in­fra­ge. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Na­ta­lie ist 19 Jah­re alt, schreibt für ein Ma­ga­zin, hat Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel zum In­ter­view ge­trof­fen – und sie hat das Down-Syn­drom. Das heißt, Na­ta­lie ent­wi­ckelt sich kör­per­lich und geis­tig lang­sa­mer als Men­schen oh­ne den Gen­de­fekt. Für vie­le Frau­en be­deu­tet die Nach­richt Tri­so­mie 21, dass sie ab­trei­ben. Michae­la De­dreux ließ sich nicht tes­ten, denn sie woll­te das Kind so oder so be­hal­ten. Heu­te kann sie sich ein Le­ben oh­ne ih­re Toch­ter nicht vor­stel­len.

Laut ei­ner frak­ti­ons­über­grei­fen­den Grup­pe von Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten von Uni­on, SPD, Grü­nen, Lin­ken und FDP sol­len sol­che Le­bens­ent­wür­fe künf­tig wei­ter mög­lich sein. Sie be­fürch­ten aber, dass Kin­der wie Na­ta­lie gar nicht erst ge­bo­ren wer­den, wenn bald gen­tech­ni­sche Blut­tests von ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen be­zahlt wer­den. Ein Be­schluss von Kli­ni­ken, Ärz­ten und Kas­sen ist ab­seh­bar, des­halb ma­chen nun die Kri­ti­ker der vor­ge­burt­li­chen Tests mo­bil. Am Frei­tag stell­te die frak­ti­ons­über­grei­fen­de Grup­pe von Par­la­men-

ta­ri­ern ein Po­si­ti­ons­pa­pier vor. Dar­in for­dert sie ei­ne De­bat­te zu den Tests. Denn sie be­fürch­tet tief­grei­fen­de ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­run­gen.

Seit dem Jahr 2012 ha­ben Frau­en die Mög­lich­keit, ihr Blut zu tes­ten und da­mit fest­zu­stel­len, ob ihr Kind den Gen­de­fekt

hat oder nicht. Die­se Me­tho­de ist im Ver­gleich zu an­de­ren Un­ter­su­chun­gen ri­si­ko­arm. Doch sie kos­tet. Die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten wol­len, dass das so bleibt. Sie war­nen, dass die Zahl der Ab­trei­bun­gen steigt, wenn die Blut­tests zur Re­gel­leis­tung wer­den. Be­reits jetzt wer­den neun

von zehn Em­bry­os mit Tri­so­mie 21 ab­ge­trie­ben.

Die Grup­pe, der sich mitt­ler­wei­le mehr als 100 Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te an­ge­schlos­sen ha­ben, führt als Bei­spiel Dä­ne­mark an. Dort hat sich die Zahl der Neu­ge­bo­re­nen mit Down-Syn­drom seit der Ein­füh­rung des Blut­tests für Schwan­ge­re hal­biert.

Die Par­la­men­ta­ri­er hal­ten das für ei­ne ge­fähr­li­che Ent­wick­lung. Denn das Recht zu le­ben, wird an die ge­ne­ti­schen Ei­gen­schaf­ten des Men­schen ge­knüpft. Doch: „Men­schen mit Down­Syn­drom sind nicht glück­li­cher oder un­glück­li­cher als an­de­re Men­schen“, sag­te die SPD-Ab­ge­ord­ne­te Dag­mar Schmidt bei der Prä­sen­ta­ti­on des Pa­piers. „Sie lei­den nicht un­ter Tri­so­mie 21, son­dern dar­un­ter, nicht re­spekt­voll be­han­delt zu wer­den.“

Ein wei­te­res Pro­blem sieht die Grup­pe dar­in, dass sol­che Kas­sen­leis­tun­gen wei­te­re vor­ge­burt­li­che Tests nach sich zie­hen könn­ten. „Sie könn­ten ei­ne Tür­öff­ner­funk­ti­on für wei­te­re Ana­ly­se­ver­fah­ren ha­ben“, sag­te die Lin­ken-Po­li­ti­ke­rin Kath­rin Vog­ler. „Wir müs­sen we­gen der ra­san­ten Ent­wick­lung dia­gnos­ti­scher Mög­lich­kei­ten zu ei­ner ge­setz­li­chen Re­gu­lie­rung kom­men, die je­de Dis­kri­mi­nie­rung von Men­schen mit Be­hin­de­run­gen ver­mei­det.“Des­halb sei um­so wich­ti­ger, die Be­ra­tungs­mög­lich­kei­ten für Frau­en, die die Dia­gno­se Tri­so­mie 21 für ihr Kind be­kom­men, zu ver­bes­sern. „Au­ßer­dem müs­sen wir die in­klu­si­ve Gesellschaft wei­ter­ent­wi­ckeln“, er­läu­ter­te Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Co­rin­na Rüf­fer.

In den kom­men­den Mo­na­ten wol­len sich die Par­la­men­ta­ri­er für das The­ma stark ma­chen und es in Ver­an­stal­tun­gen und De­bat­ten im Bun­des­tag auf die Agen­da ru­fen. „Ich bin froh, dass jetzt mehr über das The­ma ge­re­det wird“, be­für­wor­tet Michae­la De­dreux die Initia­ti­ve. Zwar ha­be sich schon viel ge­än­dert, doch noch lan­ge nicht ge­nug.

Fo­to: dpa/Britta Pe­der­sen

Selbst­be­wusst: Na­ta­lie De­dreux hat das Down-Syn­drom. Für sie kein Grund, kei­ne Träu­me zu ha­ben. Sie ar­bei­tet als Jour­na­lis­tin und hat schon Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in­ter­viewt.

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