Rüt­teln war ges­tern

Gr­ab­stein­prü­fer mit mo­der­ner Tech­nik im Ein­satz / Män­gel kön­nen le­bens­ge­fähr­lich wer­den

Märkische Oderzeitung Seelow - - Aus Aller Welt - Von An­jA So­ko­low ChriS­ti­An BArk

Mel­len­see/Ber­lin. Wa­cke­li­ge Gr­ab­stei­ne kön­nen le­bens­ge­fähr­lich wer­den. Im­mer wie­der kommt es auf Fried­hö­fen zu Un­fäl­len. Um die­se zu ver­hin­dern, prü­fen Ex­per­ten je­des Jahr Gr­ab­stei­ne auf ih­re Stand­si­cher­heit. Die ei­nen nut­zen mo­der­ne Tech­nik, an­de­re zwei Fin­ger.

Vor­sich­tig baut Ste­phan Koch mit sei­nem Mess­ge­rät Druck auf ei­nen Gr­ab­stein auf. Als wenn sich ein Er­wach­se­ner an­leh­nen wür­de. Koch prüft, ob der Stein dem Ge­wicht stand­hält. Rüt­teln darf er al­ler­dings nicht. „Die Rüt­tel­pro­be ist längst ver­bo­ten“, sagt Koch. Wie vie­le an­de­re Prü­fer auch, ist er bis zur Frost­pe­ri­ode auf Fried­hö­fen un­ter­wegs und tes­tet mit mo­der­ner Tech­nik, ob Ge­fahr von den Gr­ab­stei­nen aus­geht, zu­letzt zum Bei­spiel in der Ge­mein­de Mel­len­see (Tel­tow-Flä­ming).

„Die St­ei­ne sind ein­fach oft 25 Jah­re und län­ger Wind und Wet­ter aus­ge­setzt. Das geht nicht spur­los an ih­nen vor­bei“, so Koch. Mit sei­nem Kraft­mess­ge­rät kann er Dia­gram­me zur Stand­si­cher­heit auf­zeich­nen und mög­li­che Schä­den fo­to­gra­fie­ren.

Es ist Gr­ab­stein­prü­fung im Mi­nu­ten­takt. Pro Mi­nu­te schafft Koch vier Grä­ber. „Wenn es Män­gel gibt, dau­ert es na­tür­lich län­ger“, sagt der Fach­mann für Ar­beits­si­cher­heit aus Hen­nigs­dorf (Ober­ha­vel). „Die Feh­ler­quo­te liegt je nach Fried­hof zwi­schen ei­nem und zehn Pro­zent“, sagt Koch, der mit sei­nem Va­ter und ei­nem Mit­ar­bei­ter pro Jahr rund 400 000 Gr­ab­stei­ne deutsch­land­weit prüft.

Ganz oh­ne Mess­ge­rät kommt Olaf Ih­le­feldt auf dem Süd­west­kirch­hof in Stahns­dorf (Pots­dam-Mit­tel­mark) bei der Druck­pro­be aus. „Wir ma­chen das mit Kör­per­druck und Au­gen­maß“, sagt der Fried­hofs­ver­wal­ter. Die Auf­ga­be ist ge­wal­tig, denn der Fried­hof ist mit mehr als 120 000 Grä­bern der zweit­größ­te Deutsch­lands. „Al­le 80 bis 90 000 Gr­ab­stei­ne ein Mal im Jahr auf ih­re Stand­fes­tig­keit zu prü­fen, ist un­mög­lich“, sagt Olaf Ih­le­feldt. Des­halb wür­den kri­ti­sche Be­rei­che, bei de­nen zu­meist kein Päch­ter mehr vor­han­den sei, häu­fig sys­te­ma­tisch vor den Be­su­chern ab­ge­rie­gelt.

Mo­der­ne Mess­tech­nik wen­det Arne Schen­ke, Ober­meis­ter der St­ein­metz- und Bild­haue­r­in­nung Ber­lin, bei der Druck­prü­fung nur in be­son­de­ren Fäl­len an – meist bei Grä­bern aus den 1950er­und 60er-Jah­ren. „Da wur­den die Fun­da­men­te oft aus Trüm­mer­res­ten ge­schaf­fen“, sagt er. An­sons­ten ge­nü­gen dem Char­lot­ten­bur­ger St­ein­metz „zwei Fin­ger“für die Druck­pro­be. Die wich­tigs­ten Ge­fah­ren­quel­len für die Stand­fes­tig­keit von Gr­ab­stei­nen sind Schen­ke zu­fol­ge nicht tief ge­nug ge­leg­te Fun­da­men­te, Sturm­fol­gen, Wur­zel­werk und Sar­gein­bruch.

Män­gel kön­nen ge­fähr­lich wer­den: Im baye­ri­schen Met­ten­dorf turnt 2003 ei­ne Sie­ben­jäh­ri­ge auf dem Gra­nit-Gr­ab­stein ih­rer Groß­mut­ter rum. Der Stein fällt um, das Mäd­chen stirbt. Auf ei­nem Fried­hof bei Hal­le wird 2006 ei­ne Rent­ne­rin bei der Gr­ab­pfle­ge von ei­nem Gr­ab­stein er­schla­gen.

Ne­ben Be­su­chern sind vor al­lem auch Mit­ar­bei­ter von Fried­hö­fen oder auch dort be­schäf­tig­te Gar­ten- und Land­schafts­bau­er be­trof­fen: Laut So­zi­al­ver­si­che­rung für Land­wirt­schaft, Fors­ten und Gar­ten­bau gab es im ver­gan­ge­nen Jahr deutsch­land­weit 14 Un­fäl­le mit Gr­ab­stei­nen auf Fried­hö­fen, 2016 wa­ren es 25, im Jahr 2013 so­gar 40. Töd­li­che Un­fäl­le wa­ren nicht dar­un­ter. Re­gio­na­le Zah­len will die Ver­si­che­rung nicht ver­öf­fent­li­chen.

„Ei­gent­lich müs­sen sich die An­ge­hö­ri­gen um die Si­cher­heit der Gr­ab­stei­ne küm­mern“, sagt Micha­el C. Al­brecht, Spre­cher des Ver­ban­des der Fried­hofs­ver­wal­ter. Doch in der Re­gel über­näh­men die Fried­hö­fe die­se Auf­ga­be. „Sie kon­trol­lie­ren selbst oder be­auf­tra­gen Di­enst­leis­ter“, so Al­brecht. Vor­ge­schrie­ben ist ei­ne jähr­li­che Prü­fung.

Zu­dem gibt es ei­ne Un­fall­ver­hü­tungs­vor­schrift der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft für Gar­ten­bau, die Richt­li­nie des St­ein­metz- und Bild­hau­er­hand­werks, des Bun­des­ver­ban­des Deut­scher St­ein­met­ze und die Tech­ni­sche An­lei­tung zur Stand­si­cher­heit von Gr­ab­mal­an­la­gen, die TA Gr­ab­mal, der Deut­schen Na­tur­stein Aka­de­mie.

Doch nicht über­all wer­den die­se Vor­ga­ben auch re­gel­mä- ßig an­ge­wen­det. „Es gibt Fried­hö­fe, da lässt man die Din­ge lau­fen“, sagt Richard Stein von der Deut­schen Na­tur­stein­aka­de­mie. Zu­dem ge­be es auch St­ein­met­ze, die die Gr­ab­stei­ne nicht vor­schrifts­ge­mäß be­fes­tig­ten. „Der Scha­den tritt meis­tens erst nach fünf Jah­ren auf, wenn der St­ein­metz nicht mehr haf­tet“, so Stein.

Dann hät­ten die An­ge­hö­ri­gen ein Pro­blem. Ei­ne neue Be­fes­ti­gung kön­ne schon mal et­wa bis zu 1000 Eu­ro kos­ten. Das sei vie­len zu teu­er. „Die An­ge­hö­ri­gen las­sen dann lie­ber gleich die Gr­ab­mal­an­la­ge ab­räu­men“, weiß der Fach­mann. Die Zahl der Schä­den zei­ge je­doch, dass die meis­ten St­ein­metz­be­trie­be kor­rekt ar­bei­te­ten. (dpa)

Ei­gent­lich müs­sen sich die An­ge­hö­ri­gen um die Si­cher­heit küm­mern

Ein St­ein­metz macht aus Na­tur­stei­nen ganz ver­schie­de­ne Din­ge wie zum Bei­spiel Fi­gu­ren. Der Be­ruf ist ei­ner der äl­tes­ten Hand­werks­be­ru­fe. Auch heu­te ar­bei­tet der St­ein­metz noch mit Werk­zeu­gen, die es schon im Mit­tel­al­ter gab, als Rit­ter in Bur­gen leb­ten. Wer St­ein­metz wer­den möch­te, muss ei­ne drei­jäh­ri­ge Leh­re ma­chen, die mit ei­ner prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Prü­fung be­en­det wird.

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