An­griff der Waf­fe­lei­sen

Smart Ho­mes und das In­ter­net der Din­ge sind auf dem Vor­marsch – die Si­cher­heit bleibt da­bei oft auf der Stre­cke

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Meinungen Und Hintergrund - Von Igor St­eIn­le

Ber­lin. Im­mer mehr Ge­rä­te sind mit dem In­ter­net ver­bun­den. Doch lei­der sind die smar­ten Ka­me­ras, Kühl­schrän­ke und Ted­dy­bä­ren oft kaum ge­gen An­grif­fe ge­si­chert. Das bringt nicht nur de­ren Be­sit­zer in Ge­fahr.

Das Ver­spre­chen der Zu­kunft lau­tet Be­quem­lich­keit. Das Licht im so­ge­nann­ten Smart Ho­me geht au­to­ma­tisch an, wenn man den Raum be­tritt, Heiz­kör­per las­sen sich über das Smart­pho­ne re­geln und den Fern­se­her steu­ert man über den Sprachas­sis­ten­ten. Das al­les ist längst Rea­li­tät, denn die Haus­halts­ge­rä­te im Smart Ho­me sind mit dem In­ter­net ver­bun­den. Doch die Be­quem­lich­keit kommt nicht oh­ne Ri­si­ko: Was, wenn ei­nes Abends die Woh­nung kalt ist, die Heiz­kör­per aus, die Lam­pen fla­ckern und der Fern­se­her da­zu auf­for­dert, Lö­se­geld zu be­zah­len?

Was nach ei­nem schlech­ten Scherz klingt, ist für Ha­cker ein Kinderspiel. Das de­mons­trier­ten Si­cher­heits­for­scher auf der In­ter­na­tio­na­len Funk­aus­stel­lung in Ber­lin bei ei­nem Live-Hack. Vor­bild ist der „Wan­na­Cry“-Vi­rus, der im ver­gan­ge­nen Jahr Kran­ken­häu­ser, Un­ter­neh­men und Pri­vat­per­so­nen er­press­te. Ex­per­ten sind si­cher: Die­se Ge­fahr wird in Zu­kunft wach­sen. Denn das „In­ter­net der Din­ge“er­obert Haus­hal­te welt­weit.

Zehn Mil­li­ar­den ver­netz­te Ge­rä­te sind be­reits in Ge­brauch, laut Markt­for­schungs­un­ter­neh­men Gart­ner sind es in zwei Jah­ren 25 Mil­li­ar­den. So wie man heu­te kei­nen Fern­se­her mehr kau­fen kann, der nicht ver­netzt ist, wird das in Zu­kunft bei na­he­zu al­len Zahn­bürs­ten, Ted­dy­bä­ren und Dun­st­ab­zugs­hau­ben der Fall sein. Der ehe­ma­li­ge Schach­welt­meis­ter Gar­ri Kas­pa­row, der heu­te als IT-Si­cher­heits­be­ra­ter tä­tig ist, schluss­fol­gert: „Cy­ber­kri­mi­na­li­tät wird ein grö­ße­res Pro­blem als Dro­gen- oder Men­schen­han­del.“

Denn der ver­netz­te Haus­rat ist ge­gen An­grif­fe oft so schlecht ge­si­chert wie of­fe­ne Scheu­nen­to­re ge­gen Pro­fi-Ein­bre­cher. „Bei den Ge­rä­ten ha­ben wir es mit Com­pu­tern zu tun, die oft auf bil­li­ge Wei­se pro­du­zier­ten wur­den“, er­klärt Li­nus Ne­u­mann vom Cha­os Com­pu­ter Club, gra­vie­ren­de Män­gel wie un­ge­si­cher­te WLANSchnitt­stel­len, feh­len­den Pass­wort­schutz oder aus­blei­ben­de Si­cher­heits­up­dates. Das be­un­ru­higt in­zwi­schen auch die Si­cher­heits­be­hör­den. Das Bun­des­kri­mi­nal­amt warnt: „Vie­le Her­stel­ler, die ih­re Pro­duk­te in­ter­net­fä­hig ma­chen wol­len, ha­ben noch kei­ne Er­fah­rung mit der Ent­wick­lung si­che­rer Soft­ware. Sie ste­hen un­ter Zeit­druck und scheu­en zu­sätz­li­che Kos­ten, um das nö­ti­ge Know-how auf­zu­bau­en“, heißt es im jüngs­ten La­ge­be­richt des BKA.

Wie an­fäl­lig die Ge­rä­te wirk­lich sind, zeigt ei­ne Stu­die des IT-Si­cher­heits­un­ter­neh­men Avast. Mehr als ein Drit­tel al­ler Smart-Ho­me-Netz­wer­ke ent­hal­ten dem­nach Ge­rä­te, die an­fäl­lig für Cy­ber­at­ta­cken sind. „Ein in­tel­li­gen­ter Haus­halt ist nur so si­cher wie sein schwächs­tes Glied in der Ket­te“, sagt Avast-Tech­nik­vor­stand Ond­rej Vlcek. „Je­des Ge­rät, das mit dem Netz­werk ver­bun­den ist, kann ein Ein­falls­tor für Ha­cker wer­den.“Die­se könn­ten die Alarm­an­la­ge aus­schal­ten, warnt das BKA. Aber nicht nur das: Ein an­de­res Pro­blem sind Bot-Netz­wer­ke.

So könn­ten sich Nut­zer bei­spiels­wei­se ih­re in­ter­net­fä­hi­ge Zahn­bürs­te schon längst mit ei­nem frem­den Bot­netz tei­len, oh­ne et­was da­von zu ah­nen. In­ter­net­fä­hi­ge Ge­rä­te wer­den da­für mit ei­ner Schad­soft­ware in­fi­ziert und fremd­ge­steu­ert. 2016 et­wa über­nah­men An­grei­fer welt­weit Über­wa­chungs­ka­me­ras und leg­ten mit­tels Mil­lio­nen von An­fra­gen, die von den ge­ka­per­ten Ge­rä­ten aus­gin­gen, gro­ße Tei­le des In­ter­nets lahm. Heu­te war­nen For­scher da­vor, dass sich neue Net­ze bil­den, die weit grö­ßer sind. Erst die­se Wo­che mel­de­te ei­ne IT-Fir­ma, dass Mil­lio­nen Ka­me­ras mit nicht zu än­dern­den Stan­dard-Pass­wör­tern ver­se­hen und auf ein­fachs­tem We­ge aus­fin­dig zu ma­chen sind.

Die­ser Wild-West-Zu­stand hat auch die Po­li­tik alar­miert. Der Ruf nach Re­gu­lie­rung wird lau­ter. „Wir er­war­ten von Horst See­ho­fer, dass er nach den Ka­prio­len der ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­te jetzt end­lich in den Ar­beits­mo­dus kommt“, for­dert SPD-Di­gi­tal­ex­per­tin Sas­kia Es­ken. Tat­säch­lich ist im In­nen­mi­nis­te­ri­um ein frei­wil­li­ges Gü­te­sie­gel in Pla­nung, mit dem Kun­den beim Kauf si­che­re Ge­rä­ten er­ken­nen kön­nen. Mit ei­ner Ein­füh­rung kann 2019 ge­rech­net wer­den, sag­te In­nen­mi­nis­ter See­ho­fer (CSU) am Don­ners­tag bei der Vor­stel­lung des BSI-La­ge­be­richts.

Dass das je­doch aus­reicht, das In­ter­net der Din­ge zu re­pa­rie­ren, glau­ben nicht ein­mal Uni­ons­kol­le­gen. „Uns geht es dar­um, in ei­nem ers­ten Schritt Auf­merk­sam­keit für das Pro­blem her­zu­stel­len“, sagt Chris­toph Bern­stiel, IT-Ex­per­te der CDU. Grü­nen-Netz­po­li­ti­ker Kon­stan­tin von Notz macht dar­über hin­aus auf das Up­date-Pro­blem auf­merk­sam: „Seit Jah­ren for­dern wir ef­fek­ti­ve Schutz­maß­nah­men wie ver­pflich­ten­de Si­cher­heits­up­dates.“

Auf ei­ne Kenn­zeich­nungs­pflicht für die­se Ge­rä­te be­steht hin­ge­gen An­ke Dom­scheit-Berg von der Lin­ken. Ge­nau­so wie auf ei­ne Klä­rung der Haf­tungs­fra­ge, wenn mit ei­nem ge­ka­per­tem Ge­rät bei­spiels­wei­se Kran­ken­häu­ser lahm­ge­legt wer­den. „Sonst könn­te je­mand kom­men und sa­gen: Dir ge­hört die­ser To­as­ter, und du bist schuld.“

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Ein­falls­tor für Ha­cker, Da­ten­die­be und Ein­bre­cher: Wer beim Ein­rich­ten sei­ner ver­netz­ten Ge­rä­te nicht auf­passt, kann schnell un­er­wünsch­ten Be­such be­kom­men. Denn un­ge­schütz­tes Smart-Ho­me-Zu­be­hör lässt sich spie­lend leicht im In­ter­net auf­spü­ren.

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Ri­si­ko: die Steue­rung des Hau­ses per App

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