Mehr als 800 Mil­lio­nen Hun­gern­de

Un­ter­ernäh­rung und ei­ne ho­he Kin­der­sterb­lich­keit sind All­tag in gro­ßen Tei­len der Welt / Krie­ge gel­ten als ei­ne Ur­sa­che

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Nachrichten - Von An­dré Bochow

Ber­lin. Es ist der 13. Be­richt über den Hun­ger in der Welt, den die deut­sche „Welt­hun­ger­hil­fe“ge­mein­sam mit der iri­schen Or­ga­ni­sa­ti­on „Con­cern World­wi­de“her­aus­gibt. Aus ver­schie­de­nen Da­ten wur­de wie­der ein In­dex ge­bil­det. Das mu­tet sehr tech­nisch an. Tat­säch­lich wer­den hier Elend und Leid ge­mes­sen. Und nach Jah­ren der Zu­ver­sicht wächst wie­der der Pes­si­mis­mus.

Bär­bel Dieck­mann ist es wich­tig, das Po­si­ti­ve zu be­to­nen. Die Prä­si­den­tin der Welt­hun­ger­hil­fe hebt des­halb erst ein­mal her­vor, dass im Ver­gleich zum Jahr 2000 der Hun­ger in der Welt deut­lich zu­rück­ge­drängt wer­den konn­te. Die In­dex-Wer­te, zu de­nen der pro­zen­tua­le An­teil der Un­ter­ernähr­ten an der Ge­samt­be­völ­ke­rung oder die Kin­der­sterb­lich­keits­ra­ten ge­hö­ren, sind ge­sun­ken. Um im­mer­hin 28 Pro­zent.

Und noch ei­nes freut die Prä­si­den­tin. Die Welt­hun­ger­hil­fe hat näm­lich ei­ne Um­fra­ge bei In­fra­test di­map in Auf­trag ge­ge­ben, de­ren Er­geb­nis­se „wir so nicht er­war­tet ha­ben“. Sie „be­le­gen ein­deu­tig, dass für 90 Pro­zent der Bun­des­bür­ger die Be­kämp­fung des Hun­gers wich­tig oder sehr wich­tig ist. 84 Pro­zent hal­ten es zu­dem für wich­tig oder sehr wich­tig, dass Ent­wick­lungs­hil­fe ge­leis­tet wird“.

Auf der an­de­ren Sei­te steht der Fakt, dass seit drei Jah­ren die Ent­wick­lung wie­der negativ ist. „Die jüngst ge­stie­ge­ne Zahl der Hun­gern­den auf 821 Mil­lio­nen Men­schen zeigt, dass der Trend ak­tu­ell in die fal­sche Rich­tung geht.“Dieck­mann be­zieht sich hier auf Zah­len der UN-Er­näh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on. Im Ver­gleich: 2015 wa­ren es 777 Mil- lio­nen Hun­gern­de. Ei­gent­lich hat sich die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft vor­ge­nom­men, das „Null-Hun­ger-Ziel“in zwölf Jah­ren zu er­rei­chen. Aber: „Wenn das Tem­po bei der Be­kämp­fung des Hun­gers gleich bleibt, wird es 50 Län­dern nicht ge­lin­gen den Hun­ger bis 2030 ab­zu­schaf­fen.“

Auch beim Blick auf ein­zel­ne Län­der zei­gen sich ge­gen­läu­fi­ge Ten­den­zen. Gro­ße Fort­schrit­te gibt es in An­go­la, Ruan­da, Äthio­pi­en, Myan­mar und in Ban­gla­desch. In 16 Län­dern mit ei­ner „erns­ten Er­näh­rungs­la­ge“gibt es da­ge­gen kei­ne Ver­bes­se­run­gen oder so­gar Rück­schrit­te. Vor al­lem in Afri­ka süd­lich der Sa­ha­ra nimmt der Hun­ger in ei­ni­gen Län­dern zu. Am schlimms­ten ist es in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Re­pu­blik. Das Land von der dop­pel­ten Grö­ße der Bun­des­re­pu­blik steht – wie schon im ver­gan­ge­nen Jahr – auf dem letz­ten Platz beim Welt­hun­ger­index. Es ist das ein­zi­ge Land, in dem die Hun­ger­si­tua­ti­on als „gra­vie­rend“be­zeich­net wird.

Al­ler­dings gibt es sie­ben Län­der, aus de­nen kei­ne voll­stän­di­gen Da­ten vor­lie­gen, wes­halb auch kein In­dex be­rech­net wer­den konn­te. Es han­delt sich um Bu­run­di, die De­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik Kon­go, Eri­trea, Li­by­en, So­ma­lia, Süd­su­dan und Sy­ri­en. Ge­ra­de in die­sen Län­dern ist die Er­näh­rungs­la­ge oft pre­kär, wie ein­zel­ne, vor­han­de­ne Da­ten zei­gen. So ist die Kin­der­sterb­lich­keit im Kon­go mehr als dop­pelt, in So­ma­lia so­gar drei­mal so hoch wie im welt­wei­ten Durch­schnitt. Hin­zu kom­men in­ner­halb vie­ler Län­der gro­ße re­gio­na­le Un­ter­schie­de, wor­über die Län­der­wer­te kei­ne Aus­kunft ge­ben.

Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler (CSU) spricht mit Blick auf die vor­ge­leg­ten Zah­len von ei­nem „Skan­dal“. Schließ­lich sei­en „Wis­sen und die Tech­no­lo­gie für ei­ne Welt oh­ne Hun­ger“vor­han­den. „Die Vor­aus­set­zun­gen sind in vie­len Län­dern gut“, so Mül­ler. „Aber im­mer häu­fi­ger sind ge­walt­sa­me Kon­flik­te der Grund für Hun­ger. Der Welt­hun­ger­index stellt zu Recht her­aus, dass Hun­ger, Flucht und Ver­trei­bung eng zu­sam­men­hän­gen.“

Auf ei­nen an­de­ren Zu­sam­men­hang macht der grü­ne Frak­ti­ons­chef im Bun­des­tag, An­ton Ho­frei­ter, auf­merk­sam. „Durch un­ge­rech­te Wirt­schafts­be­zie­hun­gen kann die afri­ka­ni­sche Wirt­schaft nicht mit­hal­ten, und es wer­den Ar­beits­plät­ze und Ent­wick­lungs­chan­cen vor Ort zer­stört.“Au­ßer­dem sei die ver­fehl­te eu­ro­päi­sche Kli­ma­po­li­tik mit­schul­dig am Hun­ger in der Welt. Und tat­säch­lich ver­weist auch der Welt­hun­ger­index auf die zu­neh­men­de Ge­fahr für die Land­wirt­schaft ar­mer Län­der durch die glo­ba­len Kli­ma­ver­än­de­run­gen.

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