Ge­den­ken an den Herbst 1918

Wie die deut­sche No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on vor 100 Jah­ren zur Wie­der­ent­ste­hung des pol­ni­schen Staa­tes bei­trug

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Front Page - Von Dietrich Schrö­Der Mehr zu die­sem The­ma: www.moz.de/po­len

Bun­des­prä­si­dent Fran­kWal­ter St­ein­mei­er hat in ei­ner Ge­denk­stun­de des Bun­des­tags in Ber­lin die Aus­ru­fung der Re­pu­blik am 9. No­vem­ber 1918 als „Mei­len­stein der deut­schen De­mo­kra­tie­ge­schich­te“ge­wür­digt. Zu­gleich steht der 9. No­vem­ber auch für ei­nes der dun­kels­ten Ka­pi­tel deut­scher Ge­schich­te: Am 9. No­vem­ber 1938 in­sze­nier­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Po­gro­me ge­gen die Ju­den. Mit der DDR-Grenz­öff­nung am 9. No­vem­ber 1989 wie­der­um wur­de der fried­li­chen Ver­ei­ni­gung der bei­den deut­schen Staa­ten der Weg ge­eb­net. (epd)

Jo­zef Pil­sud­ski war der ent­schei­den­de Mann bei der Wie­der­ge­burt Po­lens am En­de des Ers­ten Welt­kriegs. Dass er da­mals – ähn­lich wie Le­nin 1917 nach Russ­land – in ei­nem deut­schen Son­der­zug nach War­schau es­kor­tiert wur­de, ist kaum be­kannt.

Als am 9. No­vem­ber 1918 die Nach­richt von der Ab­dan­kung Kai­ser Wil­helm II. die deut­sche Haupt­stadt er­schüt­ter­te, ge­hör­te ein schnauz­bär­ti­ger Po­le in Obris­ten-Uni­form zu den Au­gen­zeu­gen des Ge­sche­hens. Jo­zef Pil­sud­ski war selbst erst ei­nen Tag zu­vor aus der Fe­s­tung Magdeburg ent­las­sen wor­den, in der er über ein Jahr in­haf­tiert war. Ein deut­scher Ge­heim­di­plo­mat – Har­ry Graf Kess­ler – war noch von der kai­ser­li­chen Re­gie­rung be­auf­tragt wor­den, ihn so schnell wie mög­lich nach War­schau zu brin­gen. Ber­lin war nur ei­ne Zwi­schen­sta­ti­on auf die­ser Fahrt. Aber wer war über­haupt die­ser cha­ris­ma­ti­sche Po­le?

Jo­zef Pil­sud­ski, der 1867 als ei­nes von zwölf Kin­dern ei­nes Lan­dad­li­gen in der Nä­he von Wil­na (heu­te Vil­ni­us in Li­tau­en) ge­bo­ren wur­de, ist ei­ne der schil­lernds­ten Fi­gu­ren der pol­ni­schen Ge­schich­te. Schon als Stu­dent nahm er an Pro­tes­ten ge­gen die rus­si­schen Be­sat­zer sei­ner Hei­mat teil. Mit ei­nem Bru­der Lenins be­tei­lig­te er sich an ei­nem At­ten­tat auf Zar Alex­an­der III. – und wur­de da­für fünf Jah­re nach Si­bi­ri­en ver­bannt.

Spä­ter grün­de­te er mit Gleich­ge­sinn­ten die „So­zia­lis­ti­sche Par­tei Po­lens“(PPS) und über­fiel ei­nen Post­zug mit Steu­er­gel­dern, um die Par­tei zu fi­nan­zie­ren. Sei­ne gro­ße Zeit soll­te kom­men, als der Adels­sohn die Wi­der­sprü­che zwi­schen den drei mäch­ti­gen Nach­barn Preu­ßen, Russ­land und Ös­ter­reich-Un­garn ge­schickt aus­nutz­te, die Po­len un­ter­ein­an­der auf­ge­teilt hat­ten.

Ab 1908 stell­te Pil­sudksi in Kra­kau und Lem­berg pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Schüt­zen­ver­bän­de auf, die sich als „pol­ni­sche Le­gio­nen“be­zeich­ne­ten. Als Deutsch­land und Ös­ter­reich 1914 Russ­land den Krieg er­klär­ten, kämpf­ten Pil­sud­kis Bri­ga­den auf Sei­ten der Mit­tel­mäch­te. Da­bei kam es zu tra­gi­schen Kon­stel­la­tio­nen, weil die Po­len ge­zwun­gen wa­ren, auch auf Lands­leu­te zu schie­ßen, die in der Za­ren-Ar­mee die­nen muss­ten.

Ei­ne neue Kon­stel­la­ti­on er­gab sich, als Deutsch­land das bis da­hin rus­si­sche „Kon­gress­po­len“er­obert hat­te. Die Kai­ser Wil­helm II. und Franz Jo­sef I. rie­fen dort im No­vem­ber 1916 ein „Re­gent- schafts­kö­nig­reich Po­len“aus. Ein Kö­nig­reich, für das es frei­lich nicht ein­mal ei­nen Kö­nig gab, son­dern nur ei­nen va­sal­len­haf­ten Re­gent­schafts­rat. Und das viel klei­ner war, als das un­ge­teil­te Po­len im 18. Jahr­hun­dert.

Pil­sud­ski soll­te sei­ne Le­gio­nen in ei­ne „Pol­ni­sche Wehr­macht“ein­brin­gen und de­ren An­füh­rer wer­den. Doch er wei­ger­te sich, ei­nen Eid auf die frem­den Kai­ser zu leis­ten. Des­halb wur­de er im Ju­li 1917 ver­haf­tet und in die Mag­de­bur­ger Fe­s­tung ge­bracht. Selbst dort blieb er über­zeugt, dass die Zeit für ihn ar­bei­te­te.

Als die No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on aus­brach, be­fan­den sich noch rund 30 000 deut­sche Sol­da­ten al­lein in War­schau. Der Re­gent­schafts­rat wie auch der deut­sche Ge­ne­ral­gou­ver­neur Hans von Be­seler be­fürch­te­ten, dass es zu Abrech­nungs­kämp­fen mit der Be­völ­ke­rung kom­men wür­de. Am 8. No­vem­ber hat­ten ga­li­zi­sche So­zia­lis­ten zu­dem be­reits ei­ne Volks­re­pu­blik im süd­ost­pol­ni­schen Lu­blin aus­ge­ru­fen. Nur ei­ner konn­te die hoch­ex­plo­si­ve Si­tua­ti­on be­ru­hi­gen: Pil­sud­ki.

Als ihn der Ge­heim­di­plo­mat Kess­ler in Magdeburg über sei­ne Frei­las­sung in­for­mier­te, ließ sich der al­te Tak­ti­ker auf kei­ne Zu­sa­gen ein: „Viel­leicht wä­re es bes­ser für die Po­len, wenn die Deut­schen ganz ver­tilgt wür­den, oder für die Deut­schen, wenn die Po­len ganz ver­schwän­den“, soll er ge­sagt ha­ben. „Aber Mil­lio­nen­völ­ker ver­nich­tet man nicht. Deut­sche und Po­len sind und blei­ben Nach­barn“, lau­te­te sei­ne prag­ma­ti­sche Ein­sicht.

Trotz der Un­ru­hen in Ber­lin fuhr der Son­der­zug nach War­schau, der nur aus der Lok und ei­nem ein­zi­gen Wag­gon be­stand, am Abend des 9. No­vem­ber am Bahn­hof Fried­rich­stra­ße los. Stun­den zu­vor hat­te der So­zi­al­de­mo­krat Fried­rich Ebert die Reichs­re­gie­rung über­nom­men, die sich tags dar­auf in Rat der Volks­kom­mis­sa­re um­be­nann­te.

Am 10. No­vem­ber traf Pil­sud­ski um 7.36 Uhr an der Weich­sel ein, wie der „War­schau­er Mor­gen­ku­rier“ ver­mel­de­te. Er hat­te nur ei­ne Ah­nung da­von, wel­che Her­ku­les­auf­ga­be ihn hier er­war­te­te. Es galt drei Lan­des­tei­le zu ver­ei­nen, die über 120 Jah­re zu ver­schie­de­nen Staa­ten ge­hört hat­ten und in de­nen sechs Wäh­run­gen kur­sier­ten. Ob­wohl das Land vom Krieg aus­ge­zehrt war, stan­den wei­te­re blu­ti­ge Kämp­fe um Po­lens Gren­zen mit den Nach­barn be­vor.

Am 11. No­vem­ber über­trug ihm der Re­gent­schafts­rat die mi­li­tä­ri­sche Macht, drei Ta­ge spä­ter wur­de Pil­sud­ski zum zeit­wei­li­gen Staats­ober­haupt er­klärt. Schon am 18. No­vem­ber ent­sand­te der Rat der Volks­kom­mis­sa­re in Ber­lin als ers­te Re­gie­rung über­haupt ei­nen Ge­sand­ten nach War­schau: eben je­nen Har­ry Graf Kess­ler, der Pil­sud­ski aus der Fe­s­tungs­haft ge­holt hat­te.

Frei­lich wur­den die di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen be­reits am 13. De­zem­ber von pol­ni­scher Sei­te auf­ge­kün­digt, weil sich der Ab­zug der deut­schen Trup­pen ver­zö­ger­te. Und aus den deut­schen Ge­biets­ver­lus­ten, die im Ver­sail­ler Ver­trag 1919 zu­guns­ten Po­lens be­sie­gelt wur­den, ent­stand ei­ne all­ge­mei­ne Ab­leh­nung ge­gen den Nach­barn im Os­ten. Der 11. No­vem­ber 1918 je­doch, an dem Pil­sud­ski mit deut­scher Hil­fe die Macht in Po­len über­nahm, ist heu­te des­sen Un­ab­hän­gig­keits­tag. Am Sonn­tag wird das 100. Ju­bi­lä­um ge­fei­ert.

Den Krieg zwi­schen den Tei­lungs­mäch­ten sei­nes Lan­des nutz­te er ge­schickt aus

Fo­to: dpa/Jacek Turc­zyk

Dür­fen an kei­nem pol­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­tag feh­len: Rei­ter, die an die Pil­sud­ski-Le­gio­nen aus dem Ers­ten Welt­krieg er­in­nern.

Fo­to: dpa/Ar­chiv

Erst So­zia­list, spä­ter star­ker Mann Po­lens: Jo­zef Kle­mens Pil­sud­ski (1867-1935)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.