Iran for­dert Lö­sun­gen im Atom­streit

Die EU ver­sucht auf ih­rem Gip­fel in So­fia ei­ne Ant­wort auf die un­be­re­chen­ba­re Po­li­tik der USA zu fin­den

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - Vorderseite - Von Chris­ti­an Kerl

Te­he­ran. Der Iran for­dert im Atom­streit von der EU prak­ti­sche Lö­sun­gen und nicht nur Lip­pen­be­kennt­nis­se. „Das Tref­fen mit der EU in Brüs­sel war nur ei­ne po­si­ti­ve po­li­ti­sche Bot­schaft und ein gu­ter An­fang, der aber reicht nicht aus“, sag­te Au­ßen­mi­nis­ter Mo­ha­med Dscha­wad Sa­rif nach An­ga­ben der Ta­ges­zei­tung „Etem­ad“vom Don­ners­tag. Bei dem Tref­fen wa­ren Mög­lich­kei­ten zum Er­halt des Atom­ab­kom­mens mit dem Iran auch nach dem US-Aus­stieg er­ör­tert wor­den. „Der Iran ist na­tür­lich nicht so blau­äu­gig zu glau­ben, dass die EU we­gen Iran ih­re Be­zie­hun­gen zu den USA in Ge­fahr brin­gen wür­de“, sag­te Sa­rif. Aber er ge­he da­von aus, dass die Eu­ro­pä­er für ih­re po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Un­ab­hän­gig­keit sich von den Ent­schei­dun­gen der USA dis­tan­zie­ren soll­ten. (dpa)

Die Zei­ten für die Eu­ro­päi­sche Uni­on wa­ren schon mal leich­ter. Die Bri­ten sind auf dem Ab­sprung und der ame­ri­ka­ni­sche Part­ner ist völ­lig un­be­re­chen­bar. Auf ih­rem Gip­fel­tref­fen in So­fia such­ten die Staats- und Re­gie­rungs­chefs nach Aus­we­gen aus der ver­fah­re­nen La­ge.

Har­te Hal­tung im Han­dels­streit, mas­si­ve Ab­wehr ge­gen dro­hen­de US-Sank­tio­nen ge­gen Iran: Die Spit­zen der Eu­ro­päi­schen Uni­on ge­hen auf ei­nen bei­spiel­lo­sen Kon­fron­ta­ti­ons­kurs zu US-Prä­si­dent Do­nald Trump. Bei ei­nem Gip­fel­tref­fen in So­fia ver­stän­dig­ten sich die EU-Re­gie­rungs­chefs und die EUKom­mis­si­on auf ei­ne de­mons­tra­tiv kom­pro­miss­lo­se Li­nie in den jüngs­ten Kon­flik­ten – um eu­ro­päi­sche In­ter­es­sen zu ver­tei­di­gen.

Zu den be­schlos­se­nen Maß­nah­men ge­hört die Vor­be­rei­tung ei­nes ge­setz­li­chen Ver­bots für eu­ro­päi­sche Un­ter­neh­men, US-Sank­tio­nen ge­gen den Iran zu be­fol­gen. Da­bei soll ein 20 Jah­res al­tes Ge­setz re­ak­ti­viert wer­den, das die EU er­las­sen hat­te, um ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Han­dels-Blo­cka­de ge­gen Ku­ba zu kon­tern; da­mals mach­ten die USA ei­nen Rück­zie­her, das eu­ro­päi­sche „Blo­cka­de-Sta­tut“kam nicht zur An­wen­dung.

EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker be­kam von den Re­gie­rungs­chefs den Auf­trag, ent­spre­chen­de Schrit­te zur Wie­der­be­le­bung des Sta­tuts ein­zu­lei­ten: „Wir müs­sen jetzt han­deln“, sag­te Juncker. Die Kom­mis­si­on ha­be die Pflicht, eu­ro­päi­sche Fir­men zu schüt­zen, wenn die USA nach der ein­sei­ti­gen Auf­kün­di­gung des Atom­ab­kom­mens mit dem Iran tat­säch­lich auch Stra­fen ge­gen eu­ro­päi­sche Un­ter­neh­men ver­hän­gen, die wei­ter im Iran en­ga­giert sind. Al­ler­dings blieb zu­nächst un­klar, wie weit der Schutz im De­tail ge­hen soll. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel be­ton­te in So­fia, es wer­de nicht mög­lich sein, die ge­sam­te Wirt­schaft bei Sank­tio­nen der USA fi­nan­zi­ell zu ent­schä­di­gen. „Da kön­nen und dür­fen wir uns kei­ne Il­lu­sio­nen ma­chen“, sag­te Mer­kel. Fi­nan­zi­el­le Hil­fen sol­len zu­min­dest für klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men ge­prüft wer­den.

Die Ent­schei­dung der Re­gie­rungs­chefs fiel auch un­ter dem Ein­druck von Be­rich­ten, die Mer­kel und Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron der Run­de über ih­re jüngs­ten Be­su­che bei Trump ab­ga­ben. Mer­kel ver­mied in So­fia öf­fent­lich schar­fe Atta­cken in Rich­tung Wa­shing­ton, an­de­re Teil­neh­mer äu­ßer­ten sich da­ge­gen of­fen: Ös­ter­reichs Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz et­wa er­klär­te in sei­ner Rol­le als ju­gend­li­cher Stür­mer, man kön­ne und man wol­le es sich „nicht bie­ten las­sen“, dass Trumps „un­be­re­chen­ba­re Po­li­tik“die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen Eu­ro­pas ge­fähr­de.

Ei­ne Ab­sa­ge er­teilt die EU des­halb auch der Er­war­tung des US-Prä­si­den­ten, jetzt über neue Han­dels­be­din­gun­gen zu re­den. Erst müs­se die EU dau­er­haft von den US-Straf­zöl­len auf Stahl und Alu­mi­ni­um aus­ge­nom­men wer­den, lau­tet die kla­re Li­nie. „Wir wer­den nicht mit ei­nem Da­mokles­schwert über dem Kopf ver­han­deln“, er­klär­te Juncker. Al­ler­dings zei­gen sich die Eu­ro­pä­er be­reit, über Han­dels­er­leich­te­run­gen zu ver­han­deln, wenn Trump bei den Straf­zöl­len ein­lenkt. In die­sem Fall will die EU auch Er­leich­te­run­gen für den Ex­port von ame­ri­ka­ni­schem Flüs­sig­gas an­bie­ten. Wie die USA dar­auf re- agie­ren wer­den, blieb un­klar. Bis­lang hat­te Trump sich auch im­mer wie­der fle­xi­bel ge­zeigt.

Ein biss­chen lo­cken, ein biss­chen drän­gen: Ob die Stra­te­gie der EU et­was taugt, muss sich schon in den nächs­ten Wo­chen zei­gen. Denn die Aus­nah­me­re­ge­lung für die EU bei den Stahlund Alu­mi­ni­um­z­öl­len läuft am 1. Ju­ni aus. Und Te­he­ran for­dert von den Eu­ro­pä­ern schon bin­nen we­ni­ger Wo­chen Ga­ran­ti­en, dass die im Atom­ab­kom­men fest­ge­leg­ten Wirt­schafts­er­leich­te­run­gen er­hal­ten blei­ben. Wenn nicht, will sich auch Te­he­ran nicht mehr an den Ver­trag zum Ver­zicht auf ei­ne Atom­bom­be hal­ten.

An­ge­sichts der Span­nun­gen ge­riet ein an­de­res Gip­fel­the­ma in den Hin­ter­grund: Die EU-Re­gie­rungs­chefs stell­ten den sechs West­bal­kan-Staa­ten er­neut ei­nen Bei­tritt in Aus­sicht, ver­mie­den aber kon­kre­te Fest­le­gun­gen. Zu­nächst will die EU den Staa­ten jetzt mit ver­stärk­ter fi­nan­zi­el­ler und po­li­ti­scher Un­ter­stüt­zung un­ter die Ar­me grei­fen.

Die Kom­mis­si­on hat die Pflicht, eu­ro­päi­sche Fir­men zu schüt­zen

Fo­to: AFP/Lu­do­vic Ma­rin

Wie mit Trump um­ge­hen? Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel im Ge­spräch mit dem Prä­si­den­ten des eu­ro­päi­schen Par­la­ments, An­to­nio Ta­ja­ni.

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