Hen­nigs­dor­fer Kar­ten­samm­lung

Tors­ten Wolf be­sitzt die wohl größ­te Hen­nigs­dor­fer Post­kar­ten­samm­lung / 450 Mo­ti­ve aus fast hun­dert Jah­ren

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - Vorderseite - Von Ro­land Be­ckeR

Hen­nigs­dorf. An die 450 Hen­nigs­dor­fer Mo­ti­ve um­fasst die Post­kar­ten-Samm­lung von Tors­ten Wolf. Mitt­ler­wei­le ist es für ihn gar nicht mehr leicht, neue Mo­ti­ve zu fin­den. Auf ih­ren Rück­sei­ten er­zäh­len die Kar­ten vom Ers­ten Welt­krieg, vom Ar­bei­te­r­all­tag und auch von den Freu­den des Le­bens.

Hen­nigs­dorf. Wer vor 100 Jah­ren ei­ne Post­kar­te schrieb, der muss­te nicht un­be­dingt ver­reist sein. In Zei­ten, in de­nen nur we­ni­ge ein Te­le­fon be­sa­ßen, war die il­lus­trier­te Kar­te ein be­währ­tes Mit­tel, um wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen in ein oder zwei Ta­gen ans an­de­re En­de von Deutsch­land zu trans­por­tie­ren. Der Hen­nigs­dor­fer Tors­ten Wolf pro­fi­tiert heu­te da­von.

„Lie­bes Lie­sel & El­tern! Da das gan­ze Hen­nigs­dorf ziem­lich klein ist und ich beim bes­ten Wil­len nicht mehr in der La­ge bin, neue Auf­nah­men auf­zu­trei­ben, so sei die­se Kar­te vor­läu­fig die letz­te Hen­nigs­dor­fer An­sicht. Mit Grü­ßen und Küs­sen Eu­er hier ho­cken­der Al­f­red.“Als die­ser un­be­kann­te Al­f­red – of­fen­sicht­lich ein zu­ge­zo­ge­ner In­dus­trie­ar­bei­ter – 1919 die­se Kar­te schrieb, konn­te er noch nicht auf die Post­kar­ten-Samm­lung von Tors­ten Wolf zu­rück­grei­fen. An­sons­ten hät­te er für Jah­re ge­nü­gend Mo­ti­ve ge­habt.

Vor dem 56-jäh­ri­gen Hen­nigs­dor­fer liegt ein di­ckes Al­bum. 300 An­sichts­kar­ten hat er dar­in chro­no­lo­gisch ge­ord­net, die äl­tes­te trägt ei­nen Stem­pel von 1898. An die 150 wei­te­re Kar­ten war­ten noch dar­auf, ein­sor­tiert zu wer­den.

„Vor zehn Jah­ren sah ich bei Ebay ei­ne An­sicht, die von der Ra­then­au­stra­ße durch den Tor­bo­gen in die Vol­ta­stra­ße auf­ge­nom­men wor­den war“, er­zählt der ge­bür­ti­ge Hen­nigs­dor­fer von dem Tag, als sei­ne Sam­mel­lei­den­schaft be­gann, oh­ne dass er es ahn­te. Da er in der Vol­ta­stra­ße wohnt, schau­te er im­mer mal wie­der, wel­che Post­kar­ten es einst von sei­nem Kiez gab. „Die ers­te Zeit ha­be ich das noch fast lust­los be­trie­ben. Aber nach und nach wur­de es zur Lei­den­schaft, sich da­mit zu be­schäf­ti­gen, wie Hen­nigs­dorf frü­her aus­sah.“

End­gül­tig ge­packt hat ihn das Sam­mel­fie­ber, als er ei­ne Kar­te ent­deck­te, die 1926 mit ei­nem Pfeil auf ein Fens­ter und drei Wor­ten be­stückt war: „Hier woh­nen wir.“Der Pfeil zeigt ge­nau auf die Woh­nung von Tors­ten Wolf. Über die Vor­mie­te konn­te er trotz des Durch­fors­tens al­ter Miet­ver­trä­ge nichts her­aus­fin­den.

Es sind nicht nur über­ra­schen­de An­sich­ten, die die­se Samm­lung so wert­voll und in­ter­es­sant ma­chen. Oft sind es die Tex­te oder klei­nen An­mer­kun­gen. Wenn auf ei­ner Kar­te von 1919 die Haupt­stra­ße mit zwei Pfei­len ver­se­hen ist und da­zu zu le­sen steht: „Je­den Tag ge­he ich die­se Stra­ße früh (AEG) und abends (Dorf)“, dann ahnt der Be­trach­ter ein Jahr­hun­dert spä­ter et­was von der Tris­tesse des Ar­bei­ter-All­tags.

Als im April 1916 schon längst un­zäh­li­ge Fa­mi­li­en über im Krieg ge­fal­le­ne Söh­ne und Vä­ter wein­ten, schick­te „Dein Ka­me­rad Pio­nier Paul Dietrich“an „Mus­ke­tier Erich Trumpf“ei­ne Kar­te, auf der ne­ben ei­nem Hen­nigs­dor­fer Schüt­zen­gra­ben Sol­da­ten fröh­lich in die Ge­gend schau­en, in ein La­za­rett.

Die Samm­lung be­her­bergt aber auch Zeug­nis­se un­be­schwer­te­rer Zei­ten. Wer aus dem Re­stau­rant Zum Ro­ten Schloss (Ra­then­au­stra­ße) oder zu DDR-Zei­ten aus der HO-Gast­stät­te Zum An­ker (heu­te steht dort Bur­ger King) Grü­ße schick­te, hat­te dort vi­el­leicht gera­de le­cker ge­speist.

Tors­ten Wolf sam­melt sie al­le: Die Kar­ten von schö­nen und trau­ri­gen Au­gen­bli­cken, die mit An­sich­ten ge­pfleg­ter Park­an­la­gen oder tris­ter DDR-Neu­bau­ten. „Wenn ich ei­ne Kar­te ha­ben will, krie­ge ich sie auch“, sagt er mit ei­nem klei­nen La­chen. 70 Eu­ro war bis­lang sein höchs­tes Ge­bot. Und wenn es doch ein­mal mit dem Er­stei­gern nicht klappt, „fo­to­gra­fie­re ich die Kar­te ab“. Da­mit do­ku­men­tiert er spä­ter zu fül­len­de Lü­cken. Apro­pos Lü­cken: Da­von gibt es ei­ni­ge im di­cken Al­bum. Die Leer­stel­len wei­sen dar­auf hin, dass die­se Kar­ten gera­de in der Aus­stel­lung „Vie­le Grü­ße aus Hen­nigs­dorf“zu se­hen sind, die noch bis 28. Ju­ni im Al­ten Rat­haus ge­zeigt wird.

Ge­öff­net ist die Post­kar­ten­aus­stel­lung im Al­ten Rat­haus, Ber­li­ner Stra­ße 3, di­ens­tags von 14 bis 18, don­ners­tags von 10 bis16 und sonn­tags von 14 bis 17 Uhr. Der Ein­tritt ist kos­ten­los. Kaf­fee gibt es auch gra­tis.

Fo­tos (3): Ro­land Be­cker

Bli­cke in die Ge­schich­te: Die ers­te Post­kar­te aus der Samm­lung von Tors­ten Wolf zeigt die Vol­ta­stra­ße im Hen­nigs­dor­fer Ra­then­au­vier­tel (un­ten rechts).

An­de­re Zei­ten: Im Ers­ten Welt­krieg ging es auch auf Post­kar­ten mi­li­tä­risch zu.

Zu­ge­zo­gen: Schon nach kur­zer Zeit hat­te die­ser Hen­nigs­dor­fer al­le Mo­ti­ve ver­schickt.

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