Dau­er­streit um Lkw-Maut ist bei­ge­legt

Bei der Lkw-Maut war ei­ne Ei­ni­gung mit Daim­ler und Deut­scher Te­le­kom über­fäl­lig

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - Vorderseite - Von Die­ter Kel­ler

Ber­lin. Te­le­kom-Chef Tim Hött­ges hat sich zu­frie­den zur Ei­ni­gung mit dem Bund im jah­re­lan­gen Streit um das Maut­sys­tem Toll Collect ge­äu­ßert. „Ich fin­de, das ist ein fai­res Er­geb­nis“, sag­te er am Ran­de der Haupt­ver­samm­lung der Te­le­kom am Don­ners­tag in Bonn. Ge­mein­sam mit den an­de­ren Haupt­ge­sell­schaf­tern des Be­trei­ber­kon­sor­ti­ums und dem Bund hat­te sich die Te­le­kom am Vor­abend auf ei­nen Ver­gleich im Vo­lu­men von ins­ge­samt 3,2 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­ei­nigt. Da­mit geht ein 14-jäh­ri­ger Rechts­streit um die ver­spä­te­te Ein­füh­rung der Maut und Mil­li­ar­den­ver­lus­te zu En­de. (dpa)

Ber­lin. Der Dau­er­streit um die Ein­nah­me­aus­fäl­le bei der Lk­wMaut ist end­lich ge­löst: Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) hat sich mit Daim­ler und Deut­scher Te­le­kom, den Ei­gen­tü­mern der Be­trei­ber­ge­sell­schaft Toll Collect, auf ei­nen Mil­li­ar­den-Ver­gleich ge­ei­nigt. Er stand un­ter gro­ßem Zeit­druck.

Zwei Ta­ge vor der Bun­des­tags­wahl 2002 hat­te es der da­ma­li­ge Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Kurt Bo­de­wig (SPD) plötz­lich ei­lig: Er muss­te un­be­dingt noch vor lau­fen­den Fern­seh­ka­me­ras den Be­trei­ber­ver­trag mit Daim­ler und der Deut­schen Te­le­kom über den Ein­zug der Lkw-Maut un­ter­schrei­ben. Doch letzt­lich lös­te er ein De­sas­ter aus, das nicht nur den Bund Mil­li­ar­den kos­te­te, son­dern auch die Haupt­ge­sell­schaf­ter der Be­trei­ber­ge­sell­schaft Toll Collect.

Bo­de­wigs Nach­fol­ger Man­fred Stol­pe (SPD) hät­te fast sei­nen Pos­ten ver­lo­ren. Er muss­te aus­ba­den, was ihm Bo­de­wig ein­ge­brockt hat­te. Das Pro­jekt in­ner­halb von nur elf Mo­na­ten ins Lau­fen zu brin­gen, war un­mög­lich. Ei­gent­lich soll­te es schon En­de Au­gust 2003 los­ge­hen. Doch die Deut­schen woll­ten es tech­nisch be­son­ders auf­wän­dig: Um die ge­fah­re­nen Stre­cken ki­lo­me­ter­ge­nau ab­rech­nen zu kön­nen, soll­ten als zen­tra­les Sys­tem in die meis­ten in- und aus­län­di­sche Lkw Mi­ni­com­pu­ter ein- ge­baut wer­den. Die muss­ten eben­so erst ent­wi­ckelt wer­den wie die nö­ti­ge Soft­ware. Tat­säch­lich ging das Sys­tem erst An­fang 2005 an den Start, al­so mit 16 Mo­na­ten Ver­zö­ge­rung. So lan­ge blie­ben die Maut­ein­nah­men aus.

Of­fen­bar hat­ten die Kon­zer­ne zu­dem ge­dacht, die bes­se­ren An­wäl­te beim Ver­fas­sen der um­fang­rei­chen Ver­trä­ge zu ha­ben und da­her aus dem Schnei­der zu sein. Un­ter an­de­rem hat­ten sie dar­auf be­stan­den, dass die Ver­trags­part­ner bei Strei­tig­kei­ten nicht die or­dent­li­chen Ge­rich­te an­ru­fen kön­nen, son­dern ein pri­va­tes Schieds­ge­richt. Ge­nau das tat der Bund im Ju­li 2005: Er for­der­te 1,6 Mil­li­ar­den Eu­ro Ver­trags­stra­fe und 3,5 Mil­li­ar­den Eu­ro Ein­nah­me­aus­fäl­le. Toll Collect stel­le im Ge­gen­zug Mil­li­ar­den in Rech­nung, die der Bund zu­rück­ge­hal­ten hat­te.

Das Schieds­ver­fah­ren schlepp­te sich 13 lan­ge Jah­re da­hin, und ein En­de war nicht ab­seh­bar. Zwi­schen­durch star­ben Rich­ter, ih­re Nach­fol­ger muss­ten sich müh­sam ein­ar­bei­ten. Al­lein die Kos­ten des Ver­fah­rens sol­len sich beim Bund und den Un­ter­neh­men auf ei­ne hal­be Mil­li­ar­de Eu­ro ad­die­ren. Durch Zin­sen stie­gen die For­de­run­gen des Bun­des auf neun Mil­li­ar­den Eu­ro, die des Kon­sor­ti­ums auf vier Mil­li­ar­den Eu­ro.

Jetzt fei­ert Ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er ei­nen „his­to­ri­schen Durch­bruch“: Er hat sich mit Daim­ler und Te­le­kom auf ei­nen Ver­gleich ge­ei­nigt, der dem Bund 3,2 Mil­li­ar­den Eu­ro bringt. „Ich ha­be die Ver­hand­lun­gen zur Chef­sa­che ge­macht, weil ich kei­nen Streit für die Ewig­keit woll­te, son­dern ei­ne Ei­ni­gung mit An­stand und ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt“, lob­te sich der Ober­bay­er selbst. Dies sei die „best­mög­li­che Lö­sung für den Steu­er­zah­ler“.

In bar zah­len die Kon­zer­ne zu­sam­men al­ler­dings nur 1,1 Mil­li­ar­den Eu­ro, was ih­ren Ge­winn schmä­lert, wie sie ih­ren Ak­tio­nä­ren vor­sorg­lich schon mal an­kün­dig­ten. Ein ähn­lich ho­her Be­trag ent­fällt auf Zah­lun­gen an Toll Collect, die der Bund zu­rück­ge­hal­ten hat­te und nun nicht mehr über­weist. Da­zu kom­men ei­ne Ver­trags­stra­fe für die ver­spä­te­te Ein­füh­rung und Zin­sen.

Bei den Ver­hand­lun­gen stand Scheu­er ge­wal­tig un­ter Zeit­druck: En­de Au­gust läuft der Be­trei­ber­ver­trag mit Toll Collect aus, der schon drei­mal ver­län­gert wur­de; noch­mal ist das nicht mög­lich. Der Ver­kehrs­mi­nis­ter braucht die Ge­sell­schaft drin­gend, sonst hat er über Nacht kei­ne Maut­ein­nah­men mehr. Zwar be­wer­ben sich vier Kon­sor­ti­en um die Fort­füh­rung. Die Te­le­kom hat wei­ter In­ter­es­se, wäh­rend Daim­ler end­gül­tig die Lust ver­lo­ren hat und aus­stei­gen will. Aber an­ge­sichts der un­ge­klär­ten Mil­li­ar­den­for­de­run­gen wä­re nie­mand be­reit ge­we­sen, die Ge­sell­schaft zu über­neh­men.

Zu­min­dest vor­erst muss Scheu­er Toll Collect ver­staat­li­chen, was er nach den Ver­trä­gen auch kann. Das muss er bis En­de Mai an­kün­di­gen. Er brauch­te al­so die Ei­ni­gung ganz drin­gend. Nach dem Ab­schluss der Aus­schrei­bung sol­len die neu­en Be­trei­ber im März 2019 über­neh­men.

Die Re­ak­tio­nen der Par­tei­en wa­ren ab­seh­bar: Lob von der Ko­ali­ti­on, Kri­tik von der Op­po­si­ti­on. Die Ein­nah­men sei­en weit un­ter den Er­war­tun­gen, be­män­gel­te Vic­tor Per­li, Haus­halts­ex­per­te der Lin­ken. Be­trieb und Ge­win­ne der Lkw-Maut ge­hör­ten zu 100 Pro­zent in öf­fent­li­che Hand. Glei­cher An­sicht ist der Grü­nen-Haus­halts­ex­per­te Chris­ti­an Kind­ler. Da­ge­gen lob­te die ver­kehrs­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Uni­on, Da­nie­la Lud­wig, ei­ne „Ent­schei­dung der Ver­nunft“. Sie schaf­fe Ver­trau­en für die wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit mit Toll Collect.

Un­ab­hän­gig von der Hän­ge­par­tie ist die Be­trei­ber­ge­sell­schaft da­bei, ab 1. Ju­li die Lkw-Maut auch auf al­le 39 000 Ki­lo­me­ter Bun­des­stra­ße aus­zu­deh­nen, wie dies der Bun­des­tag be­schlos­sen hat­te. Von An­fang an galt sie nur für die 13 000 Ki­lo­me­ter Au­to­bahn. Im Lauf der Jah­re ka­men ei­ni­ge Aus­weich­stre­cken auf Bun­des­stra­ßen da­zu, weil Lkw-Fah­rer gern Ab­kür­zun­gen neh­men, um Zeit und die Maut zu spa­ren.

Bei den Ein­nah­men er­hofft sich Scheu­er ei­nen gro­ßen Sprung: 2017 brach­te die Maut für Lkw ab 7,5 Ton­nen 4,7 Mil­li­ar­den Eu­ro. Ab 2019 sol­len es 7,2 Mil­li­ar­den Eu­ro sein. Denn zur Aus­wei­tung auf die Bun­des­stra­ßen kom­men ab An­fang kom­men­den Jah­res deut­lich hö­he­re Maut­sät­ze. Dann wer­den auch Lärm und stär­ke­re Stra­ßen-Be­las­tun­gen be­rück­sich­tigt.

Fo­to: dpa/Jens Bütt­ner

Zur Er­in­ne­rung: Wer hier mit dem Lkw un­ter­wegs ist, muss zah­len.

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