Zwi­schen Frust und Lei­den­schaft

Der All­tag von Ber­li­ner Feu­er­wehr­leu­ten ist hart / Und doch ist es für vie­le ein Traum­job

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - Berlin - Von Ve­re­na Kens­bocK

Ber­lin. Die Pro­ble­me bei der Ber­li­ner Be­rufs­feu­er­wehr sind groß: Per­so­nal­man­gel, Miss­brauch des No­t­rufs, feh­len­der Nach­wuchs. Wo­chen­lang pro­tes­tier­ten Feu­er­wehr­leu­te für bes­se­re Be­din­gun­gen. Ei­nen an­de­ren Job kön­nen sich vie­le aber nicht vor­stel­len.

Kei­ner sagt ein Wort, wäh­rend sich der Wa­gen mit Blau­licht und Mar­tins­horn durch die Stra­ßen schlän­gelt. Stumm schau­en die Män­ner aus den Fens­tern, ei­ner winkt ei­nem klei­nen Mäd­chen zu, das fas­zi­niert auf den ro­ten Feu­er­wehr­wa­gen zeigt. „Hilf­lo­ser Mann in Kreuz­berg“tönt die An­sa­ge durch das Funk­ge­rät, „me­di­zi­ni­scher Not­fall“. Das heißt: Tür auf­bre­chen, da­mit die Sa­ni­tä­ter den Mann ins Kran­ken­haus brin­gen kön­nen.

Es ist ei­ner von durch­schnitt­lich 63 Ein­sät­zen, die die Feu­er­wehr­leu­te der Wa­che Ur­ban in Kreuz­berg täg­lich leis­ten. Da­zu ge­hö­ren aku­te Kopf­schmer­zen in Neu­kölln, ein Kind mit Fie­ber in Schö­ne­berg, ein Blech­scha­den bei ei­nem Un­fall in Mit­te. Feu­er, sagt Brand­ober­inspek­tor Ra­ik Mey­en­berg, ge­be es zum Glück nur sel­ten. Brän­de ma­chen le­dig­lich drei Pro­zent der Ein­sät­ze aus. Viel häu­fi­ger, et­wa in 80 Pro­zent al­ler Fäl­le, küm­mern sich die Feu­er­wehr­leu­te um Ver­letz­te und Kran­ke – die Brand- lö­scher sind gleich­zei­tig auch Not­fall­sa­ni­tä­ter und fah­ren Ret­tungs­wa­gen.

Mit mehr als 3200 Stel­len im Ein­satz­dienst ist die Ber­li­ner Be­rufs­feu­er­wehr zwar die größ­te Deutsch­lands – doch sie ist lan­ge nicht groß ge­nug, meint Mey­en­berg. Ber­lin sei ge­wach­sen, die Feu­er­wehr aber nicht. 2005 muss­te sie 340 876 Ein­sät­ze fah­ren, 2016 wa­ren es schon 531 504.

Ver­mehrt wähl­ten auch An­ru­fer die 112, die nicht zwin­gend ei­nen Ret­tungs­wa­gen bräuch­ten – für ein­ge­ris­se­ne Fin­ger­nä­gel, Schnup­fen oder Schlaf­lo­sig­keit. Manch­mal, sagt Mey­en­berg, auch aus Ein­sam­keit. „Wir küm­mern uns um je­den. Wir kön­nen nicht das Ri­si­ko ein­ge­hen, nicht zu fah­ren, und am En­de ist je­mand tot.“Die wirk­lich über­flüs­si­gen Ein­sät­ze müs­se man ab­ha­ken und wei­ter­ma­chen, sonst wer­de man mür­be.

Doch es gibt auch vie­le not­wen­di­ge Ein­sät­ze wie die­sen: Der Mann muss ins Kran­ken­haus, Azu­bi Marc Hoff­mann muss die ver­schlos­se­ne Tür mit Spe­zi­al­werk­zeug öff­nen. Im Flur reißt Feu­er­wehr­mann Mey­en­berg das Fens­ter auf, hält sei­nen Kopf aus dem ers­ten Stock des Plat­ten­baus und at­met tief ein. Hin­ter ihm liegt die Woh­nung des kran­ken Man­nes, die Ar­me und Bei­ne so dünn wie Streich­höl­zer. Ein Sa­ni­tä­ter stellt sich ne­ben Mey­en­berg, in­ha­liert. „Der ist ei­gent­lich ein Pfle­ge­fall“, sagt der Sa­ni­tä­ter. „Im Heim wä­re er bes­ser auf­ge­ho­ben.“

Man se­he viel Elend, sagt Mey­en­berg, ar­bei­te zu viel und zu lang. Die Pie­per der Ret­tungs­leu­te ge­ben stän­dig Alarm, auch wäh­rend ih­rer Be­reit­schaft kä­men sie kaum zur Ru­he.

Durch­schnitt­lich 48 Ta­ge sind die Be­am­ten der Feu­er­wehr im Jahr krank und feh­len dann auf den Wa­chen. Fast zehn Wo­chen Krank­mel­dung im Jahr ist ei­ne ex­trem ho­he Zahl. Die Ge­werk­schaft sieht die Schuld na­tur­ge­mäß bei der vie­len Ar­beit. Es gibt aber auch an­de­re Stim­men aus der Feu­er­wehr. Man­che hal­ten die Pro­ble­me für haus­ge­macht. Dem­nach ar­bei­ten vie­le Feu­er­wehr­leu­te noch in Ne­ben­jobs an ih­ren vie­len frei­en Ta­gen, die durch die lan­gen Be­reit­schafts­schich­ten an­fal­len. Die Zeit zum Aus­ru­hen fehlt dann.

So wird es schwie­ri­ger, die Lösch­fahr­zeu­ge zu be­set­zen. Al­lein bis März die­ses Jah­res muss­te in 1386 Schich­ten ein Lösch­fahr­zeug au­ßer Di­enst ge­nom­men oder mit we­ni­ger als sechs Per­so­nen be­setzt wer­den. Das ist in drei Mo­na­ten häu­fi­ger als im ge­sam­ten ver­gan­ge­nen Jahr – 2017 lag die Zahl bei 1134. So kommt es, dass die Wa­gen von wei­ter ent­fern­ten Wa­chen ein­sprin­gen müs­sen und mit­un­ter län­ger zum Ein­satz­ort brau­chen.

An die­sem Tag sind in der Wa­che Ur­ban ge­nug Feu­er­wehr­leu­te da, um die zwei Lösch­fahr­zeu­ge und drei Ret­tungs­wa­gen zu be­set­zen. Wenn sie nicht un­ter­wegs sind, küm­mern sich die Feu­er­wehr­leu­te um ih­re täg­li­chen Di­ens­te, che­cken die Fahr­zeu­ge, ma­chen Di­enst­plä­ne. Wäh­rend der Be­reit­schaft dür­fen sie sich aus­ru­hen, fern­se­hen, Sport ma­chen.

Die Po­li­tik ha­be die Feu­er­wehr ka­putt­ge­spart, sa­gen die Män­ner beim Mit­tag­es­sen. Mar­kus Mat­thi­as hat ge­kocht. Der 28-Jäh­ri­ge ist seit 2011 bei der Ber­li­ner Be­rufs­feu­er­wehr – da­mit hat er sich sei­nen Kind­heits­traum er­füllt. Wie vie­le sagt er: „Ei­nen an­de­ren Be­ruf kann ich mir nicht vor­stel­len.“Ein Sa­ni­tä­ter, der ei­nen Tel­ler mit Nu­deln auf dem Tisch ab­stellt, be­kommt ei­nen Alarm und springt auf. Als er ei­ne St­un­de spä­ter zu­rück­kommt, ist sein Es­sen kalt.

Ei­nen Mo­nat lang hat­ten Feu­er­wehr­leu­te ei­ne Mahn­wa­che mit ei­ner bren­nen­den Feu­er­ton­ne vor dem Ro­ten Rat­haus ab­ge­hal­ten. In­nen­se­na­tor Andre­as Gei­sel (SPD) hat­te dar­auf­hin Ver­bes­se­run­gen an­ge­kün­digt. Die 48-St­un­den-Ar­beits­wo­che sol­le auf 44 St­un­den ver­kürzt, Dop­pel­schich­ten ab­ge­schafft und Über­stun­den aus­ge­zahlt wer­den – mehr als fünf Mil­lio­nen Eu­ro sind da­für vor­ge­se­hen. Zu­dem sind im ak­tu­el­len Dop­pel­haus­halt 376 neue Stel­len ein­ge­plant, die aber auch Ab­gän­ge kom­pen­sie­ren müs­sen.

Die Ver­spre­chun­gen freu­en die ei­nen Feu­er­wehr­leu­te. Die an­de­ren glau­ben, sie sei­en nur ein Trop­fen auf den hei­ßen St­ein. Und ei­ni­ge är­gern sich so­gar, zum Bei­spiel über die Ab­schaf­fung der 24-St­un­den-Schich­ten. Vor al­lem für Pend­ler, die bis zu ein­ein­halb St­un­den zur Feu­er­wa­che nach Kreuz­berg fah­ren, sind die kür­ze­ren, aber häu­fi­ge­ren Di­ens­te ei­ne Be­las­tung. Und die Häu­fung von frei­en Ta­gen am Stück wird auch we­ni­ger.

Am En­de lau­fe al­les auf mehr Per­so­nal hin­aus, sagt Mey­en­berg. Bis die zu­ge­sag­ten neu­en Stel­len be­setzt wer­den, könn­ten aber Jah­re ver­ge­hen. „Bis da­hin müs­sen wir zu­sam­men­hal­ten – das kön­nen wir“, sagt der Brand­ober­inspek­tor. „Wenn ei­nes bei uns stimmt, ist es der Zu­sam­men­halt und die Lei­den­schaft für den Be­ruf.“

Manch­mal wäh­len An­ru­fer auch aus Ein­sam­keit die 112

Nach wo­chen­lan­gem Pro­test kün­dig­te Se­na­tor Gei­sel Ver­bes­se­run­gen an

Fo­to: dpa/Ar­ne Bänsch

Zeit zum Durch­at­men: Die Feu­er­wehr­män­ner Jo­ël Rho­di­us, Ma­thi­as Teß­mer und Cars­ten Hier­o­ny­mi (v. l.) ma­chen Pau­se im In­nen­hof der Wa­che Ur­ban.

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