Hör­test für Pin­gui­ne

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - RATGEBER -

Das klei­ne jun­ge Männ­chen mit dem gel­ben Ka­bel­bin­der am rech­ten Flü­gel gibt sich als Mus­ter­schü­ler: Für et­wa vier Se­kun­den be­rührt der Hum­boldtpin­gu­in mit sei­nem Schna­bel ein far­bi­ges Brett­chen. Zur Be­loh­nung gibt es nach ei­nem Klick­ge­räusch ei­ne Sprot­te aus der Hand von An­ne May. In der Pin­gu­in-An­la­ge des Stral­sun­der Ozea­ne­ums ler­nen vier Jung­tie­re, auf vor­ge­ge­be­ne Rei­ze zu re­agie­ren.

Die Tests ha­ben ei­nen wis­sen­schaft­li­chen Zweck: Mee­res­bio­lo­gen aus Deutsch­land und Dä­ne­mark wol­len das Hör­ver­mö­gen von Pin­gui­nen er­for­schen. Durch die im­mer stär­ke­re wirt­schaft­li­che Nut­zung der Mee­re hat der von Men­schen ver­ur­sach­te Un­ter­was­ser­lärm in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten enorm zu­ge­nom­men: Schiffs­pro­pel­ler er­zeu­gen ein per­ma­nen­tes Brum­men. Ver­an­ke­run­gen für Bohr­in­seln und Wind­rä­der wer­den in den Mee­res­bo­den ge­rammt. Auf dem Grund der Ozea­ne wird nach Bo­den­schät­zen ge­schürft. „Das Pro­blem Lärm hat für die Tie­re in den Mee­ren ei­nen ähn­lich ho­hen Stel­len­wert wie das Pro­blem Müll, ist aber bei wei­tem noch nicht so in der Öf­fent­lich­keit be­kannt“, sagt der Di­rek­tor des Deut­schen Mee­res­mu­se­ums, Ha­rald Ben­ke.

Bis­lang ist nicht nur un­be­kannt, ob der Un­ter­was­ser­krach Aus­wir­kun­gen auf das Hör­ver­mö­gen der Pin­gui­ne hat und ob er die Tie­re auf ih­ren Wan­de­run­gen durch die Ozea­ne ir­ri­tiert. Die For­scher wis­sen nur an­satz­wei­se, in wel­chem Fre­quenz­be­reich und in wel­chen Laut­stär­ken die­se Vö­gel hö­ren. Es ge­be welt­weit bis­lang kaum wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chun­gen zu dem The­ma, sagt der Lei­ter des For­schungs­pro­jek­tes, der Stral­sun­der Mee­res­bio­lo­ge Micha­el Däh­ne. Um ei­ne Pro­gno­se über die Aus­wir­kun­gen von Un­ter­was­ser­schall auf Pin­gui­ne zu er­stel­len, wer­den aber zu­nächst Ba­sis­da­ten be­nö­tigt. In dem auf drei Jah­re an­ge­leg­ten For­schungs­pro­jekt wol­len die For­scher Au­dio­gram­me für ver­schie­de­ne Pin­gu­in-Ar­ten er­stel­len.

Da­zu wer­den die Tie­re spä­ter in Schall­kam­mern an Land und un­ter Was­ser mit un­ter­schied­li­chen Tö­nen und Si­gna­len be­schallt. „Pin­gui­ne sind Grenz­gän­ger zwi­schen zwei Wel­ten. Sie le­ben an Land und im Was­ser“, er­klärt Däh­ne. Sie kön­nen lan­ge Zei­ten auf See ver­brin­gen, sich ef­fi­zi­ent un­ter Was­ser be­we­gen und ja­gen. Wie sich die­se An­pas­sun­gen auf das Hör­sys­tem aus­ge­wirkt ha­ben, sei aber un­klar.

„Wie al­le Vö­gel be­sit­zen Pin­gui­ne kein Au­ßen­ohr, und im Ver­gleich zu Säu­ge­tie­ren ha­ben Vö­gel nicht drei Ge­hör­knö­chel­chen, son­dern nur ei­nes“, er­klärt Däh­ne. Schall­wel­len brei­ten sich zu­dem in Luft und Was­ser mit un­ter­schied­li­chen Ge­schwin­dig­kei­ten aus. Des­halb sei da­von aus­zu­ge­hen, dass Pin­gui­ne akus­ti­sche Rei­ze an Land und im Was­ser un­ter­schied­lich wahr­neh­men. Wie, sol­len die Ex­pe­ri­men­te zei­gen. Welt­weit gibt es 18 Pin­guinAr­ten, die in sechs Gat­tun­gen un­ter­schie­den wer­den. Sie le­ben wie die Hum­boldtpin­gui­ne in ge­mä­ßig­ten Brei­ten oder sind, wie et­wa die Kö­nigs- und Fel­sen­pin­gui­ne, in po­la­ren Re­gio­nen der Ant­ark­tis be­hei­ma­tet. Für das For­schungs­pro­jekt wer­den par­al­lel zu den Hum­boldtpin­gui­nen in Stral­sund Esel­spin­gui­ne, Fel­sen­pin­gui­ne und Kö­nigs­pin­gui­ne im dä­ni­schen Oden­se für die Hör­tests trai­niert. In Stral­sund ent­steht ei­ne Schall­kam­mer für die Luft-Hör­tests. Die Un­ter­was­serHör­tests sol­len in Ros­tock und in Oden­se er­fol­gen.

Doch zu­nächst muss das Trai­ning der Pin­gui­ne ge­lin­gen. Die Tie­re wer­den nach dem Prin­zip der „ope­ran­ten Kon­di­tio­nie­rung“(„Ler­nen nach Er­folg“) trai­niert: Das be­deu­tet, dass er­wünsch­tes Ver­hal­ten durch Be­loh­nung – in dem Fall Fi­sche – ver­stärkt und un­er­wünsch­tes Ver­hal­ten durch Be­stra­fung – kein Fisch – un­ter­drückt wird. Bis­lang schla­gen sich die Hum­boldtpin­gui­ne gut, sagt An­ne May: „Die Lern­kur­ve zeigt steil nach oben.“Mar­ti­na Rath­ke

Das Pro­blem Lärm hat für die Tie­re ei­nen ho­hen Stel­len­wert.

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