Vom Le­ben hin­ter Ge­fäng­nis­mau­ern

Haft-Ra­dio „Rup­pich“geht in die zwei­te Run­de / Un­ter­stüt­zung von Ma­ri­on Brasch / Pro­jekt­prä­sen­ta­ti­on in ei­ner Neu­rup­pi­ner Schu­le

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - REGION BLICK IM - Von Mar­kus klu­ge

Wul­kow. Ein­fach nur me­ckern geht nicht. In der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) Wul­kow pro­du­zie­ren fünf In­sas­sen der­zeit in dem Haft­ra­dio-Pro­jekt „Rup­pich“ei­ne neue Fol­ge über ihr Le­ben im Ge­fäng­nis. Ei­ne wich­ti­ge Vor­aus­set­zung da­für: Selbst­re­fle­xi­on.

En­de No­vem­ber wer­den sie ihr Pro­jekt auch au­ßer­halb der JVA-Mau­ern bei ei­nem Schul­pro­jekt vor­stel­len. Un­ter­stützt wur­den die Häft­lin­ge von Ra­dio-Mo­de­ra­to­rin Ma­ri­on Brasch.

Re­né ist 36 Jah­re alt, und nur we­ni­ge sicht­ba­re Stel­len an sei­nem Kör­per sind nicht tä­to­wiert. Im Ge­fäng­nis war er schon häu­fi­ger. Die Dro­gen ha­ben sein Le­ben bis­her mit­be­stimmt. „Wenn in dei­ner Ge­gend ir­gend­was pas­siert, wo­für du schon mal ge­ses­sen hast, klin­gelt die Po­li­zei im­mer bei dir als Ers­tes“, sagt der Hen­nigs­dor­fer, der auf ei­ne Dro­gen­the­ra­pie au­ßer­halb der Ge­fäng­nis­mau­ern hofft. In Ber­lin Neu­kölln, dort, wo er ein­fach an Stoff kom­men könn­te, will er sich dem Ent­zug stel­len. „Ich brau­che es so rich­tig hart in die Fres­se. Wenn ich es schaf­fe, dort stand­haft zu blei­ben, dann be­kom­me ich das hin“, zeigt sich Re­né über­zeugt. Über ein straf­frei­es Le­ben und sei­ne Be­rufs­chan­cen drau­ßen hat er sich schon vie­le Ge­dan­ken ge­macht. Der Grund da­für ist vier Jah­re alt: „Das Wich­tigs­te ist, dass ich mei­ne Klei­ne se­hen kann. Al­les an­de­re ist egal.“

Re­né, Fa­bi­an, Mar­cel, Ray und Phil­ipp be­tei­li­gen sich seit An­fang Sep­tem­ber an ei­ner Neu­auf­la­ge von „Rup­pich“. Das ers­te Pro­jekt im Jahr 2017 war ein Er­folg. Ih­re Vor­gän­ger schil­der­ten in Au­dio­bei­trä­gen, die heu­te noch über das In­ter­net an­ge­hört wer­den kön­nen, wie schwer es ist, ih­ren klei­nen Kin­dern zu ver­heim­li­chen, dass sie im Ge­fäng­nis sit­zen. Ein Mann be­schreibt sei­ne Hoch­zeit hin­ter Git­tern. „Ge­fäng­nis ist eben kein Ho­tel­voll­zug“, be­tont An­stalts­lei­ter Wolf-Dietrich Voigt. Das Pro­jekt soll au­ßer­halb der Ge­fäng­nis­mau­ern mit Vor­ur­tei­len ge­gen­über dem an­geb­lich be­que­men Haft­all­tag auf­räu­men, die Me­di­en­kom­pe­tenz der Häft­lin­ge för­dern und de­ren so­zia­len Kom­pe­ten­zen stär­ken. Sie müs­sen zu­sam­men­ar­bei­ten, mit ent­ge­gen­ge­brach­tem Ver­trau­en um­ge­hen ler­nen und sich mit den The­men, die sie ver­öf­fent­li­chen wol­len, aus­ein­an­der­set­zen. „Ein­fach nur zu sa­gen, in der JVA ist das Es­sen schlecht, reicht für ei­nen Bei­trag nicht“, sagt Kirs­ten Mohri vom Ver­ein Me­ta­ver­sa, der das Pro­jekt be­treut.

Die fünf Män­ner, die we­gen un­ter­schied­li­cher De­lik­te in Haft sind, wol­len ih­ren Hö­rern in Ei­gen­re­gie ver­mit­teln, wie der All­tag im Ge­fäng­nis ab­läuft. Wie funk­tio­niert ei­ne Haft­an­stalt? Wie ent­wi­ckeln sich Freund­schaf­ten? Was sind die Hö­he­punk­te im Knast-All­tag, was macht Angst? Die­sen und vie­len an­de­ren Fra­gen stel­len sich die Häft­lin­ge für ih­ren Bei­trag. Das be­deu­tet auch, dass die oft­mals so har­ten Jungs von sich aus über ih­re Ge­füh­le und Sor­gen spre­chen und da­zu ste­hen, was ih­nen An­stalts­lei­ter Voigt hoch an­rech­net: „Wer über Emo­tio­nen spricht, macht sich für an­de­re auch ver­letz­bar und bie­tet ei­ne An­griffs­flä­che.“

Ra­dio-Mo­de­ra­to­rin Ma­ri­on Brasch ist in die­ser Wo­che in der JVA Zu­hö­re­rin, Men­to­rin und In­ter­view­part­ne­rin in ei­nem. Die Ber­li­ne­rin hat für die­ses Pro­jekt erst­mals ein Ge­fäng­nis be­tre­ten. Sie ist über­rascht über ei­nen gelb ge­stri­che­nen Raum, in dem die Grup­pe ar­bei­tet. „Ich hät­te nicht ge­dacht, dass es hier far­bi­ge Räu­me gibt“, sagt sie. Haft­an­stal­ten kann­te sie bis­her nur aus Fil­men, und sie hat­te sich die­se grau und fins­ter vor­ge­stellt, mit ei­nem Hof, auf dem die Häft­lin­ge Bas­ket­ball spie­len. „Das ist ja voll das Kli­schee“, sagt Re­né und lacht.

Mit Be­zugs­jahr 2001 ge­hört die JVA in Wul­kow mit ih­ren mehr als 160 Plät­zen zu den neue­ren Ge­fäng­nis­sen. Aber mehr Kom­fort oder Son­der­be­hand­lun­gen gibt es dort den­noch nicht. Auch von dem Ra­dio-Quin­tett ver­su­chen die meis­ten, dem Frei­heits­ent­zug mit Be­schäf­ti­gung in der Grün­flä­chen­pfle­ge und in der Kü­che zu ent­flie­hen. „Blei­ben trotz­dem noch rund elf St­un­den, in de­nen wir ein­ge­schlos­sen sind“, so Fa­bi­an aus Ora­ni­en­burg, der frü­her mit Dro­gen ge­dealt hat und sich da­von ein schö­nes Le­ben leis­ten konn­te. Aber: „Ich ver­lie­re Zeit hier drin. Die gibt mir kei­ner wie­der“, sagt er nach­denk­lich. Die Ein­schu­lung sei­ner Toch­ter hat er nicht mit­er­le­ben kön­nen. Von sei­nen eins­ti­gen Freun­den sei nach sei­ner In­haf­tie­rung kei­ner mehr da. „Wenn ich wie­der raus­kom­me, wer­de ich mei­nen Le­bens­stan­dard von ganz oben nach ganz un­ten schrau­ben müs­sen“, weiß er heu­te schon. „Man muss es aber selbst wol­len. Sonst wird das nichts“, sagt Ray aus Hen­nigs­dorf, der schon als 14-Jäh­ri­ger lern­te, wie man Au­tos knackt.

Ma­ri­on Brasch gibt den Rup­pich-Ma­chern un­ter an­de­rem Tipps da­für, wie sie sich auf In­ter­views rich­tig vor­be­rei­ten kön­nen. Sie re­cher­chie­re zu ih­ren Ge­sprächs­part­nern im Vor­feld so viel wie mög­lich. Dass ist den Häft­lin­gen im Knast al­ler­dings kaum mög­lich. „Und ich will wis­sen: Wie ste­hen die in der Welt?“, sagt Brasch. Des­we­gen be­fragt sie Bands bei­spiels­wei­se we­ni­ger nach de­ren Mu­sik, son­dern auch ein­mal da­nach, was sie vom Br­ex­it oder von US-Prä­si­dent Do­nald Trump hal­ten.

Das Er­geb­nis des Rup­pich-Pro­jekts wird in we­ni­gen Wo­chen im In­ter­net auf der Sei­te www. rup­pich.net nach­zu­hö­ren sein. Die JVA, die fünf Häft­lin­ge und der Ver­ein Me­ta­ver­sa wol­len das Er­geb­nis als kri­mi­nal­prä­ven­ti­ve Ak­ti­on un­ter dem Ti­tel „Hör mal – Ver­bre­chen lohnt sich nicht“auch En­de No­vem­ber vor rund 100 Schü­lern der neun­ten und zehn­ten Klas­sen der Neu­rup­pi­ner Pusch­kin­schu­le vor­stel­len. An­stalts­lei­ter Voigt hofft, dass sich da­nach un­ter den Schü­lern her­um­spricht, dass der Knas­tall­tag wirk­lich kein Spaß ist. „Ei­ni­ge jun­ge Leu­te klop­fen hier qua­si schon an die Pfor­te“, weiß er.

Fo­tos (3): Mar­kus Klu­ge

Im Ge­spräch mit dem Pro­fi: Ma­ri­on Brasch ist seit 1987 Mo­de­ra­to­rin. Den Häft­lin­gen gab sie Tipps für den Bei­trag.

AN­ZEI­GE

Gut vor­be­rei­tet: Die Häft­lin­ge ha­ben sich selbst dar­über Ge­dan­ken ge­macht, was sie in ih­rem Bei­trag be­han­deln wol­len.

Hin­ter Git­tern: Aus man­chen Räu­men ist selbst vom blau­en Him­mel und von grü­nen Baum­wip­feln nicht viel zu er­ken­nen.

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