Die­be plün­dern Ge­denk­ort

Die­be räu­men im­mer wie­der den Ge­denk­ort für ei­nen töd­lich ver­un­glück­ten Mo­tor­rad­fah­rer in Lehnitz ab

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - VORDERSEITE - Von Til­man Trebs

Lehnitz. Mit­te Au­gust kam der Mo­tor­rad­fah­rer Paul Heidt bei ei­nem Un­fall zwi­schen Lehnitz und der B 273 in Rich­tung Schmach­ten­ha­gen ums Le­ben. Seit­dem er­in­nern dort ein Holz­kreuz, Trau­er­stei­ne und Blu­men an sei­nen tra­gi­schen Un­fall. Doch im­mer wie­der be­die­nen sich Die­be an dem Ge­denk­ort. Die trau­ern­den An­ge­hö­ri­gen sind fas­sungs­los und be­kla­gen feh­len­den Re­spekt.

„Paul war ein le­bens­lus­ti­ger Mensch“, sagt Chris­ti­na Heidt. „Es gibt kein Fo­to von ihm, auf dem er nicht lä­chelt.“Er war auch ein er­fah­re­ner Mo­tor­rad­fah­rer. Mit 16 hat er sei­nen Füh­rer­schein ge­macht. „Die ers­ten Jah­re war ich im­mer in Sor­ge“, er­zählt sei­ne Mut­ter An­ke Rau. Doch Paul sei ver­nünf­tig ge­we­sen. Die Angst sei ge­wi­chen, auch wenn er mal wie­der spä­ter als er­war­tet von ei­ner sei­ner Tou­ren zu­rück­kehr­te.

Am 17. Au­gust, ei­nem Frei­tag, aber war­te­te Chris­ti­na Heidt ver­geb­lich auf ih­ren Mann. Zu Hau­se in Wen­si­cken­dorf woll­ten sie im Gar­ten gril­len. Paul brach mit ei­nem Kum­pel nach Ora­ni­en­burg auf. Sie woll­ten noch et­was ein­kau­fen, sa­ßen bei­de ge­mein­sam auf ei­ner Su­zu­ki. Kurz vor halb sie­ben ge­ra­ten sie mit ih­rem Mo­tor­rad auf der schma­len und kur­vi­gen Stra­ße zwi­schen Lehnitz und der B 273 in Rich­tung Schmach­ten­ha­gen in den Ge­gen­ver­kehr. Paul stirbt noch am Un­fall­ort. Sein Be­glei­ter wird schwer ver­letzt ins Kran­ken­haus ge­bracht.

Noch in der Nacht stellt die Fa­mi­lie ei­ne Ker­ze und ei­ne klei­ne La­ter­ne an der Un­fall­stel­le auf. Spä­ter kom­men noch ein Holz­kreuz, En­gels­fi­gu­ren, Trau­er­stei­ne, ei­ne Gr­ab­scha­le, vie­le wei­te­re Ker­zen und ei­ne An­gel­po­se hin­zu. „Paul ist lei­den­schaft­lich gern an­geln ge­gan­gen“, be­rich­tet sei­ne Wit­we. Auf das Holz­kreuz wur­de der Helm ge­setzt, den Paul Heidt an sei­nem Schick­sals­tag trug. Vor dem Kreuz steht ein Fo­to, das den Va­ter ei­ner vier Jah­re al­ten Toch­ter und Stief­va­ter von zwei wei­te­ren Kin­dern, die sei­ne Frau mit in die Ehe brach­te, an ei­nem glück­li­chen Tag zeigt.

„Der Ort be­deu­tet uns sehr viel“, sagt Chris­ti­na Heidt. „Es ist der letz­te Punkt, an dem das Herz von Paul schlug.“Min­des­tens al­le zwei Ta­ge kom­men sie und auch Pauls Mut­ter An­ke Rau hier­her. Sie hal­ten in­ne, er­in­nern sich an die schö­nen Ta­ge, pfle­gen die klei­ne Ge­denk­stät­te, die sie mit Er­laub­nis der Po­li­zei er­rich­tet ha­ben. Sie soll auch Mah­nung sein. „Es ist ei­ne ge­fähr­li­che Stra­ße. Ich ver­ste­he nicht, war­um man hier Tem­po 70 fah­ren darf“, sagt An­ke Rau. Sie hof­fe, dass Au­to­fah­rer den Fuß vom Gas neh­men, wenn sie den Un­glücks­ort pas­sie­ren. Paul selbst wur­de auf dem Fried­hof in Wen­si­cken­dorf be­er­digt.

In die Trau­er der Hin­ter­blie­be­nen mischt sich seit ei­ni­gen Wo­chen im­mer wie­der Wut. Denn

Ein Ort der Er­in­ne­rung und der Mah­nung

stän­dig wer­den Din­ge ge­stoh­len. „Ei­ne gro­ße Gr­ab­scha­le ist schon ver­schwun­den, auch die La­ter­ne. Es gibt Leu­te, die hal­ten hier ein­fach an und neh­men al­les mit“, klagt Chris­ti­na Heidt. Sie sei fas­sungs­los, sagt An­ke Rau. „Ha­ben die Men­schen hier gar kei­nen Re­spekt mehr? Der Ort ist für uns An­ge­hö­ri­gen so wich­tig. Ich ver­ste­he das nicht.“Die bei­den Frau­en wol­len das nicht län­ger hin­neh­men. Auf An­zei­gen bei der Po­li­zei ha­ben sie bis­lang zwar ver­zich­tet. Da­für ha­ben sie die Öf­fent­lich­keit ge­sucht, um an die Die­be zu ap­pel­lie­ren. Sie sol­len wis­sen, was sie mit ih­ren über­flüs­si­gen Ta­ten an­rich­ten.

An­ke Rau er­zählt, dass der Sohn ei­ner Freun­din von ihr im Jahr zu­vor nur we­ni­ge Me­ter an der Ecke der Stra­ße zur B 273 töd­lich ver­un­glück­te. „Auch dort wird stän­dig die Ge­denk­stel­le im­mer wie­der ge­plün­dert. Das ist ein­fach nicht zu be­grei­fen.“Ein grund­sätz­li­ches Phä­no­men? Von der Po­li­zei gibt es da­zu kei­ne Er­he­bun­gen. „Sol­che Fäl­le wer­den ja oft nicht an­ge­zeigt“, be­grün­det Po­li­zei­spre­che­rin Dör­te Röhrs.

Erst vor we­ni­gen Wo­chen wur­de das Geis­ter­fahr­rad an der Ora­ni­en­bur­ger Lehnitz­stra­ße, das an ei­ne töd­lich ver­un­glück­te Rad­fah­re­rin er­in­nert, in ent­wür­di­gen­der Wei­se be­schmiert. Da­mals schritt der Stadt­ver­ord­ne­te Mat­thi­as Hen­nig (SPD) zur Tat und be­sei­tig­te das un­säg­li­che Werk mit Na­gel­la­ckent­fer­ner.

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