Neu­er Ge­denk­stein für Bir­ken­wer­der

Jü­di­sche Ge­mein­de, Stadt Ora­ni­en­burg und Ge­denk­stät­te Sach­sen­hau­sen ge­den­ken ge­mein­sam Op­fer der No­vem­ber-Po­gro­me von 1938

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - VORDERSEITE - Fo­to: Jür­gen Lie­be­zeit

Mit zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen ist am Frei­tag der Po­grom­nacht vor 80 Jah­ren ge­dacht wor­den. In Bir­ken­wer­der wur­de ein Denk­mal für die jü­di­schen Op­fer der NS-Zeit aus Bir­ken­wer­der ent­hüllt. Gut 70 Ein­woh­ner nah­men an der Ze­re­mo­nie teil. Mit­glie­der des Ho­hen Neu­en­dor­fer Kul­tur­krei­ses ha­ben am Nach­mit­tag die Stol­per­stei­ne im Stadt­ge­biet ge­rei­nigt. In Ora­ni­en­burg ge­dach­ten erst­mals Jü­di­sche Ge­mein­de so­wie Stadt und Ge­denk­stät­te Sach­sen­hau­sen ge­mein­sam der Po­grom-Op­fer. Mehr als 100 Per­so­nen nah­men dar­an teil.

Ora­ni­en­burg. Vor 100 Jah­ren en­de­te der Ers­te Welt­krieg, vor 80 Jah­ren be­gann mit den No­vem­ber-Po­gro­men der Na­zis die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung der Ju­den. Erst­mals er­in­ner­ten die Stadt Ora­ni­en­burg und die Ge­denk­stät­te Sach­sen­hau­sen ge­mein­sam an die Op­fer die­ser Ge­walt­ta­ten.

„Wir ha­ben ei­ne ge­mein­sa­me Ver­ant­wor­tung, an die schreck­li­chen Er­eig­nis­se der No­vem­ber-Po­gro­me 1938, die auch vor Ora­ni­en­burg nicht Halt mach­ten, zu er­in­nern und der Op­fer zu ge­den­ken“, sag­te Bür­ger­meis­ter Alex­an­der La­e­si­cke (par­tei­los) am Ge­denk­stein vor dem eins­ti­gen Bet­haus in der Ha­vel­stra­ße. Der Staf­fel­stab der Er­in­ne­rung müs­se an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Denn es ge­be kaum noch Zeit­zeu­gen, aber im­mer mehr Men­schen, die die­se Er­eig­nis­se ver­ges­sen ma­chen woll­ten oder sie re­la­ti­vier­ten. Das dür­fe nie­mand zu­las­sen. Des­we­gen woll­ten Stadt so­wie Ge­denk­stät­te und Mu­se­um Sach­sen­hau­sen, – auch hier ha­be es Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel ge­ge­ben – künf­tig ge­mein­sam an die Po­grom­nacht in Ora­ni­en­burg er­in­nern, so der Bür­ger­meis­ter.

Al­len Ten­den­zen von Ras­sis­mus gel­te es, ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten.

Axel Dre­coll, Di­rek­tor der Ge­denk­stät­ten­stif­tung und Lei­ter der Ge­denk­stät­te Sach­sen­hau­sen, sprach von ei­nem un­vor­stell­ba­ren Aus­maß an Ge­walt, die sich in der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber im ge­sam­ten Deut­schen Reich und Ös­ter­reich ent­fes­sel­te. Al­lein in Ora­ni­en­burg hät­ten 200 bis 300 Na­zis Woh­nun­gen von Ju­den de­mo­liert, Ge­schäf­te ge­plün­dert, das Bet­haus ver­wüs­tet und Jü­din­nen und Ju­den be­lei­digt und miss­han­delt. Mehr noch: Von die­sen oh­ne­hin schon ge­schun­de­nen Men­schen sei­en Ver­mö­gens­ab­ga­ben als „Süh­neleis­tung“für die „feind­li­che Hal­tung des Ju­den­tums ge­gen­über dem deut­schen Volk“ver­langt wor­den, so wie Gö­ring es da­mals for­mu­lier­te. Selbst für die von NSDAP und SA an ih­rem Ei­gen­tum an­ge­rich­te­ten Schä­den muss­ten die Ju­den selbst auf­kom­men, so Dre­coll.

Die oh­ne­hin schon vor­herr­schen­de Ju­den-Dis­kri­mi­nie­rung sei mit dem 9. No­vem­ber 1938 in blan­ken Hass und Ge­walt um­ge­schla­gen. Auch In­sti­tu­tio­nen und Be­rufs­ver­bän­de ver­fie­len rasch aus der ad­mi­nis­tra­ti­ven Nor­ma­li­tät in den Mo­dus der ver­ord­ne­ten Will­kür und der Ver­bre­chen. Die Er­in­ne­rung an den ab­grün­di­gen Weg in die Bar­ba­rei wach­zu­hal­ten, sei heu­te wich­ti­ger denn je. „Des­halb gilt es, al­len ak­tu­el­len Ten­den­zen von Ras­sis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und Frem­den­feind­lich­keit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten“, be­ton­te Axel Dre­coll.

Lan­des­in­nen­mi­nis­ter Kar­lHeinz Schrö­ter (SPD) sag­te, er glau­be zwar, dass die Mehr­heit der Deut­schen vor Rechts­ex­tre­mis­mus ge­feit sei. Das kön­ne aber kein Frei­fahrt­schein sein. Viel­mehr gel­te es, die Er­in­ne­rungs­kul­tur le­ben­dig zu hal­ten. „Wir dür­fen die Op­fer nie­mals ver­ges­sen und ha­ben die Ver­ant­wor­tung da­für, dass es Po­gro­me in Deutsch­land nie mehr ge­ben darf“, sag­te Schrö­ter. As­trid Ley, stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin der Ge­denk­stät­te Sach­sen­hau­sen, las aus Be­rich­ten jü­di­scher Män­ner vor, die nach den Po­gro­men in Sach­sen­hau­sen in­haf­tiert wur­den. Es wa­ren mehr als 6 300, min­des­tens 64 über­leb­ten die Qua­len der La­ger­haft nicht.

Fo­to: Fried­helm Brenne­cke

Ge­den­ken am ehe­ma­li­gen Bet­haus: Mehr als 100 Men­schen wa­ren der Ein­la­dung von Stif­tungs­di­rek­tor Axel Dre­coll und Bür­ger­meis­ter Alex­an­der La­e­si­cke so­wie der Jü­di­schen Ge­mein­de in die Ora­ni­en­bur­ger Ha­vel­stra­ße ge­folgt, dar­un­ter auch In­nen­mi­nis­ter Karl-Heinz Schrö­ter. Ge­ra­de spricht As­trid Ley.

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