Wie starb Ma­nu­el Dio­go?

Am 30. Ju­ni 1986 wur­de die ge­schun­de­ne Lei­che ei­nes DDR-Ver­trags­ar­bei­ters bei Bel­zig ge­fun­den. Jetzt prüft die Staats­an­walt­schaft, ob der Mann aus Mo­sam­bik er­mor­det wur­de

Märkische Allgemeine - - LAND & LEUTE - Von tors­ten gell­ner

Pots­dam. Es war ge­nau vor 34 Jah­ren: In der Nacht auf den 30. Ju­ni 1986 wur­de an der Bahn­stre­cke zwi­schen Bel­zig und dem Orts­teil Bor­ne die übel zu­ge­rich­te­te Lei­che von Jo­ao Ma­nu­el Dio­go ent­deckt. Der Tod des mo­sam­bi­ka­ni­schen DDR-Ver­trags­ar­bei­ters, der 1981 nach Deutsch­land ge­kom­men war und mit 23 Jah­ren ums Le­ben kam, wirft bis heu­te Fra­gen auf. Jetzt wird er doch noch ein Fall für die Pots­da­mer Staats­an­walt­schaft. Die Be­hör­de will prü­fen, ob es An­halts­punk­te für ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren gibt. Denn Dio­go könn­te nicht bei ei­nem Un­fall ge­stor­ben sein, son­dern er­mor­det wor­den sein. Und Mord ver­jährt be­kannt­lich nie.

Der Fall war lan­ge Zeit in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Für die DDR-Be­hör­den war der Fall rasch klar. Es war ein Un­fall. Doch der His­to­ri­ker Har­ry Wai­bel, der die Un­ter­la­gen der DDR-Be­hör­den ge­sich­tet hat, kommt zu ei­nem an­de­ren Schluss. Ma­nu­el Dio­go wur­de höchst­wahr­schein­lich Op­fer ei­nes bar­ba­ri­schen Neo­na­zi-An­griffs, der von den Be­hör­den ver­tuscht wur­de, meint er. „Es freut mich, wenn der Fall jetzt end­lich von der Jus­tiz un­ter­sucht wird“, sag­te der His­to­ri­ker der MAZ, der viel zu Ras­sis­mus, Rechts­ex­tre­mis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus in der DDR ge­forscht hat. Phä­no­me­ne, die es of­fi­zi­ell im so­zia­lis­ti­schen Staat nicht ge­ben durf­te. „Es gibt Zeu­gen, die sind aber sei­ner­zeit von nie­man­dem ver­nom­men wor­den“, sagt Wai­bel. „Je­der Ver­dacht, dass es sich um ei­nen ras­sis­ti­schen Mord han­deln könn­te, wur­de von An­fang an ver­tuscht.“

Dio­go ar­bei­te­te in ei­nem Sä­ge­werk in Cos­wig (Sach­sen-An­halt). Er ver­brach­te das letz­te Ju­ni-Wo­che­n­en­de 1986 in Ber­lin bei sei­nem Freund Ibrai­mo Al­ber­to. Nach­mit­tags steigt er am Ost­bahn­hof in den Zug nach Des­sau, wo er aber nie an­kom­men wird. Was auf der Zug­fahrt pas­sier­te und wie Dio­go ums Le­ben kam, ist un­klar.

Die Trans­port­po­li­zei be­rich­te­te sei­ner­zeit wie folgt: „Hö­he Bahn­hof Bor­ne wur­de männ­li­che Lei­che auf­ge­fun­den. Kopf und Bei­ne ab­ge­fah­ren. Es han­delt sich um ei­ne Per­son mit dunk­ler Haut­far­be.“Die Be­hör­den ka­men of­fi­zi­ell zu dem Schluss, Dio­go ha­be den Zug wäh­rend der Fahrt ver­las­sen und sei über­fah­ren wor­den. Er soll stark al­ko­ho­li­siert ge­we­sen sein. „Hin­wei­se auf ei­ne Straf­tat lie­gen nicht vor.“Laut Pro­to­koll gab die Zug­füh­re­rin an, sie ha­be et­wa in der Hö­he des Bahn­hofs Me­de­witz ei­nen Afri­ka­ner „schla­fend im Zug­gang“lie­gen ge­se­hen. Sie sprach den Mann aber nicht an und küm­mer­te sich nicht um ihn. Von Neo­na­zis oder ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung ist in sämt­li­chen Un­ter­la­gen kei­ne Re­de.

Ibrai­mo Al­ber­to, der Freund des To­ten, ist wie Wai­bel über­zeugt, dass es ei­nen Neo­na­zi-Über­fall gab. Er hat sich in Bü­chern und In­ter­views im­mer wie­der da­zu ge­äu­ßert. Er ha­be von der Mo­sam­bi­ka­ni­schen Bot­schaft vom Tod Dio­gos er­fah­ren. Skin­heads hät­ten den 23-Jäh­ri­gen zu­sam­men­ge­schla­gen und aus dem Zug ge­wor­fen.

In sei­ner Au­to­bio­gra­fie schreibt er de­tail­lier­ter über den an­geb­li­chen An­griff. Neo­na­zis hät­ten sei­nen Freund mit ei­nem Seil an den Fü­ßen aus dem fah­ren­den Zug hän­gen las­sen und zu To­de ge­schleift. Sei­ne Kör­per­tei­le sei­en auf ei­ner Stre­cke von zehn Ki­lo­me­tern ge­fun­den wor­den. Man ha­be so­gar Tä­ter ge­schnappt und ver­ur­teilt, doch in den Me­di­en sei der Fall tot­ge­schwie­gen wor­den.

Dass sei­ner­zeit Tat­ver­däch­ti­ge er­mit­telt wor­den sei­en, da­von weiß auch der His­to­ri­ker Har­ry Wai­bel nichts. „Ich ha­be zwei Jah­re an dem Fall ge­forscht“, sagt er. „Da­zu ha­be ich nichts ge­fun­den.“Aus ei­nem Sta­si-Be­richt geht her­vor, dass Dio­go mit vier Be­glei­tern un­ter­wegs war. Ob sie aber den Vor­fall be­ob­ach­tet ha­ben, ist un­klar.

Als die Bad Bel­zi­ger Lo­kal­re­dak­ti­on der MAZ vor zwei Jah­ren über den Ver­dacht be­rich­tet hat­te, mel­de­te sich ein mög­li­cher Au­gen­zeu­ge

bei der Re­dak­ti­on. Mark­ward Mi­chel aus dem Wie­sen­bur­ger Orts­teil Gru­bo war nach ei­ge­ner Darstel­lung 1986 Lok­füh­rer bei der Reichs­bahn. Er sei in je­ner Nacht ge­gen ein Uhr im Be­reit­schafts­dienst an­ge­ru­fen und be­auf­tragt wor­den, nach ei­nem leb­lo­sen Kör­per zu su­chen. Ein Lok­füh­rer ei­nes Gü­ter­zugs ha­be in der Nä­he von Bor­ne ei­ne Lei­che ge­se­hen. Zu­min­dest das deckt sich mit dem Be­richt der Trans­port­po­li­zei Pots­dam.

Dem­nach wur­de die Lei­che zu­nächst von ei­ner Ran­gier­lok ent­deckt. Dar­in heißt es, Kopf und Bei­ne des To­ten sei­en ab­ge­trennt ge­we­sen. Lok­füh­rer Mi­chel hat das an­ders in Er­in­ne­rung. „Der Kopf war ziem­lich lä­diert und ein Fuß ab­ge­fah­ren“, er­in­ner­te er sich. Al­le an­de­ren Glied­ma­ßen hät­ten sich aber noch am Kör­per be­fun­den.Die Staats­an­walt­schaft will nun al­le DDR-Er­mitt­lungs­ak­ten sich­ten und se­hen, ob es noch Zeu­gen ge­be, sag­te Ober­staats­an­walt Wil­fried Leh­mann. „Wir wol­len se­hen, ob es An­halts­punk­te für ein straf­recht­lich re­le­van­tes Ver­hal­ten gibt und An­lass be­steht, ein förm­li­ches Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten“, sag­te er.

Dass die Be­hör­de über­haupt prüft, liegt an ei­ner par­la­men­ta­ri­schen An­fra­ge der Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Andrea Joh­li­ge (Lin­ke). Sie woll­te von Jus­tiz­mi­nis­te­rin Su­san­ne Hoff­mann (CDU) wissen, ob die Staats­an­walt­schaft Er­mitt­lun­gen auf­ge­nom­men hat, nach­dem es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren meh­re­re Me­dien­be­rich­te über den Fall ge­ge­ben hat­te. Durch die­se An­fra­ge kam der St­ein ins Rol­len.

Es freut mich, wenn der Fall jetzt end­lich von der Jus­tiz un­ter­sucht wird.

Har­ry Wai­bel,

His­to­ri­ker

Fo­to: re­né Gaf­fron

In sei­nem Buch „Ich woll­te le­ben wie die Göt­ter" be­schreibt Ibrai­mo Al­ber­to, wie er mit sei­nem Freund Ma­nu­el Dio­go in die DDR kam und ihn 1986 ver­lor.

Fo­to: pri­vat

Jo­ao Ma­nu­el Dio­go starb im Ju­ni 1986.

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