Nicht oh­ne mei­nen The­ra­peu­ten

War­um wir gera­de al­le zur The­ra­pie ge­hen und was wir dort ei­gent­lich su­chen

Maxi (Germany) - - Inhalt - Text Chris­ti­na Li­bu­da

als mir mei­ne Freun­din Li­sa am Wo­che­n­en­de er­zähl­te, dass sie jetzt ei­ne The­ra­pie macht, hat mich das kaum über­rascht. Nicht, weil sie es mei­ner Mei­nung nach so drin­gend nö­tig hät­te, son­dern weil es heut­zu­ta­ge ja schon fast nor­mal ist, ei­ne The­ra­pie zu ma­chen oder be­reits hin­ter sich zu ha­ben. Was in der Ge­ne­ra­ti­on un­se­rer El­tern noch to­tal ver­pönt war (und ge­re­det hat man schon gar nicht dar­über), ist heu­te sa­lon­fä­hig. Pa­cken wir Pro­ble­me mitt­ler­wei­le ein­fach schnel­ler an? Oder soll­ten wir uns viel­mehr fra­gen, wie­so un­se­re Ge­ne­ra­ti­on über­haupt so be­hand­lungs­be­dürf­tig ist? Ist The­ra­pie für uns nor­mal, weil wir selbst so un­nor­mal sind? Mit Di­plom-psy­cho­lo­gin und Ver­hal­tens­the­ra­peu­tin Nat­ha­lie Schwarz ge­hen wir die­sen Fra­gen mal auf den Grund. Ma­xi: Mal ehr­lich: Soll­te je­der ein­mal in sei­nem Le­ben ei­ne The­ra­pie ge­macht ha­ben? Schwarz: Na­tür­lich nicht. Aber wenn man ein ech­tes Pro­blem hat, ist das ein gu­ter Weg zu ei­ner Lö­sung. Bei Schmer­zen im Knie sucht man ja auch ei­nen Or­tho­pä­den auf. Aber psy­chi­sches Leid wird in un­se­rer Ge­sell­schaft oft nicht als ech­te Krank­heit be­trach­tet. Aber wor­an mer­ke ich denn, ob ich ein ech­tes Pro­blem ha­be? Das wich­tigs­te Kri­te­ri­um ist die Le­bens­qua­li­tät. Ich muss mich al­so fra­gen, ob mein Pro­blem Ein­fluss auf mei­nen All­tag oder das Emp­fin­den von Freu­de und Glück hat. Das kann man nur selbst be­ant­wor­ten, da gibt es kei­ne Faust­re­gel. Wer das aber für sich fest­stellt, soll­te die Sa­che an­ge­hen. Of­fen­bar stel­len vie­le ei­ne sol­che Ve­rän­de­rung bei sich selbst fest. Un­se­re Ge­ne­ra­ti­on gilt ja nicht um­sonst als pro­blem­be­haf­tet – was mei­nen Sie, wor­an das liegt? Die­ser Ge­ne­ra­ti­on feh­len kla­re Struk­tu­ren, wie sie noch vor ei­ni­gen Jah­ren von Fa­mi­li­en, Re­li­gio­nen und Glau­bens­ge­mein­schaf­ten vor­ge­ge­ben wur­den. Man hat­te kla­re Wer­te, und

so frag­wür­dig und streng die auch wa­ren, sie ha­ben für Ori­en­tie­rung ge­sorgt. Et­wa, dass man als Frau in ei­nem ge­wis­sen Al­ter hei­ra­ten, Kin­der be­kom­men und ei­ne gu­te Haus­frau sein soll­te. Vor­ge­ge­be­ne Le­bens­we­ge wie die­se feh­len heu­te und das lässt vie­le rat­los zu­rück – das ty­pi­sche Ge­ne­ra­ti­on-y-pro­blem. Al­so mal ganz kon­kret: Was su­chen vie­le jun­ge Leu­te in ei­ner The­ra­pie? Halt, Ori­en­tie­rung und die ei­ge­ne In­tui­ti­on. Vie­le füh­len sich wie bei Nacht auf hoher See, oh­ne ei­nen Leucht­turm in Sicht. Man braucht aber et­was, das ei­nem die Rich­tung weist und Halt gibt, wie ein Kom­pass bei­spiels­wei­se – das ist im Op­ti­mal­fall die In­tui­ti­on. Au­ßer­dem su­chen vie­le auch nach ei­ner kon­kre­ten Lö­sung, um mit dem Op­ti­mie­rungs­druck klar­zu­kom­men, weil ei­nem rund um die Uhr sug­ge­riert wird, man müs­se per­fekt sein, et­wa durch un­rea­lis­ti­sche Ins­ta­gram­bil­der. Gera­de auf jun­gen Frau­en las­tet die­ser Druck ex­trem, sie müs­sen in al­len Mo­men­ten ih­res Le­bens funk­tio­nie­ren. Der Per­fek­tio­nis­mus-wahn treibt uns al­so erst in die Pro­ble­me? So in et­wa – stän­di­ge Selbst­op­ti­mie­rung macht krank. Man muss im­mer per­fekt sein: als Freun­din, Part­ne­rin, Mut­ter und im Bu­si­ness. Und das auf Ins­ta­gram auch ge­nau­so ma­kel­los dar­stel­len. Ich bin seit ei­nem Mo­nat bei Ins­ta­gram und muss sa­gen: Das ist ja un­fass­bar viel Ar­beit! Wenn ich mir vor­stel­le, ich müss­te re­gel­mä­ßig Bil­der pos­ten, die al­le cool aus­se­hen … ich wüss­te gar nicht, wann ich das ma­chen soll­te! Denn trotz­dem läuft das Le­ben ja wei­ter: Job, Freun­de, Haus­halt, Kin­der. Und für das ech­te Le­ben gibt es eben kei­nen Weich­zeich­ner-fil­ter. In­so­fern ist es ech­ter Druck – zeit­lich und psy­chisch. Feh­len ei­nem die rich­ti­gen Wer­te, ver­liert man die Ori­en­tie­rung und weiß nicht mehr, was wirk­lich zählt. Das Ins­ta­gram-fo­to wird wich­ti­ger als ein Ge­spräch mit der Freun­din. Die x-te Auf­ga­be im Job wird wich­ti­ger, als sich um die kran­ke Oma zu küm­mern. Das Le­ben ist zu ei­nem halt­lo­sen Raum ge­wor­den. Du kannst es so oder so oder so ma­chen – egal. Und schon ver­lierst du die Ori­en­tie­rung und weißt nicht, wo lang. Ko­misch, ich ha­be eher das Ge­fühl, wir wis­sen al­le ganz ge­nau, wo wir hin­wol­len … Des­we­gen un­ter­schei­de ich zwi­schen Zie­len und Wer­ten. Wir re­den hier nicht von ei­ner ziel­lo­sen Ge­ne­ra­ti­on, im Ge­gen­teil: Die meis­ten ha­ben wahn­sin­nig gro­ße Zie­le. Die Start-up-bran­che be­steht aus Men­schen mit enor­men Zie­len. Und meis­tens geht es da­bei nicht um fi­nan­zi­el­le Ab­si­che­rung, wie es frü­her noch der Fall war, son­dern um Sinn­su­che und per­sön­li­ches Glück. Aber ein Job, der Geld bringt, ist leich­ter zu fin­den als ein Job, der glück­lich macht. Denn was ist mein Glück? Ich ha­be vie­le Pa­ti­en­ten um die 30, die zu­sam­men­bre­chen, weil sie ih­re ho­hen An­sprü­che nicht de­fi­nie­ren kön­nen. Sie wis­sen nicht, was sie glück­lich macht, was ih­nen wich­tig ist oder wie sie das er­rei­chen kön­nen. Ja, wer kennt die­se Fra­gen nicht … Aber muss ich des­we­gen gleich zum Psy­cho­lo­gen lau­fen? Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit liegt vie­len psy­cho­lo­gi­schen Pro­ble­men zu­grun­de. Vie­le sind be­reit, die­sen Lei­dens­druck sehr lan­ge hin­zu­neh­men, be­vor sie sich pro­fes­sio­nel­le Hil­fe ho­len. Doch die Pro­ble­me wer­den grö­ßer und der Rat­ten­schwanz im­mer län­ger. Wenn man bei­spiels­wei­se Halt im Al­ko­hol sucht und an­fangs nur ge­le­gent­lich trinkt, könn­te die­ses Ver­hal­ten mit der Zeit chro­nisch und zu ei­nem dau­er­haf­ten Zu­stand wer­den. Ei­ne Such­ter­kran­kung muss man je nach Sta­di­um in­ten­si­ver an­ge­hen, und dann wird der Ent­zug här­ter. Al­so wenn man ein Pro­blem er­kennt, am bes­ten so­fort han­deln. Aber be­merkt man die­se Pro­ble­me als Be­trof­fe­ner denn auch so deut­lich? Nein, das ist ja das Ver­rück­te. Bei Über­for­de­rung zum Bei­spiel, ei­nem ty­pi­schen Sym­ptom, fällt vie­len ih­re Be­las­tung nicht auf. Da sit­zen Pa­ti­en­ten, die sa­gen: „Ich weiß über­haupt nicht, war­um das jetzt so ist.“Dann er­zäh­len sie aus den letz­ten Mo­na­ten ih­res Le­bens, und ich sit­ze fas­sungs­los da und fra­ge mich, wie man mei­nen kann, dass das nor­mal sei. Na­tür­lich braucht ein Mensch ge­wis­se Be­las­tun­gen – das Ge­fühl, ge­braucht zu wer­den, um zu funk­tio­nie­ren. Man ist es so ge­wohnt. Aber ei­ni­ge be­las­ten sich im­mer mehr, weil sie nie ge­lernt ha­ben, Nein zu sa­gen oder das als Schwä­che emp­fin­den. Dann liegt das Pro­blem in der Ver­gan­gen­heit. Muss man denn im­mer in die Ver­gan­gen­heit rei­sen, um ein Pro­blem zu lö­sen? Die Rei­se in die Ver­gan­gen­heit muss man nur der Rei­se we­gen nicht ma­chen. In der Ver­hal­tens­the­ra­pie geht es auch dar­um, im Hier und Jetzt Din­ge zu än­dern, um an­ders zu füh­len und zu den­ken. Den­noch stößt man oft auf Denk- oder Ver­hal­tens­mus­ter, die ja ir­gend­wo­her kom­men müs­sen. Bei­spiel: Wie­so füh­le ich mich in Freund­schaf­ten oder Be­zie­hun­gen nie rich­tig ge­se­hen und kann ein­fach nicht über mei­ne Pro­ble­me spre­chen? Wie ge­hen Sie dann al­so vor, um so ein Pro­blem zu the­ra­pie­ren? Ich er­stel­le zu­erst ein Stö­rungs­mo­dell: Was ist das Pro­blem und wel­che Er­leb­nis­se in der Ver­gan­gen­heit er­schwe­ren die Er­fül­lung von Grund­be­dürf­nis­sen? Dann legt man das The­ra­pie­ziel fest. Das ist sehr wich­tig, denn wir sind so wun­der­bar kom­ple­xe We­sen, dass es im­mer neue Bau­stel­len ge­ben wird. Al­so: Sau­ber ar­bei­ten und sich auf ein Pro­blem fo­kus­sie­ren! In un­se­rem Bei­spiel oben wä­re das Ziel ei­ne emo­tio­na­le Of­fen­heit – der Pa­ti­ent soll ver­ste­hen, dass es nicht scha­det, sich je­man­dem an­zu­ver­trau­en. Die Ur­sa­che für das Ver­hal­ten könn­ten bei­spiels­wei­se häu­fi­ge Um­zü­ge in der Kind­heit sein. Wer oft ent­wur­zelt wur­de und sich neu in­te­grie­ren muss­te, der lernt zwar, dass es wich­tig ist, im­mer freund­lich zu sein – aber auch, dass Pro­ble­me nicht so gut an­kom­men. Es ent­steht das Ge­fühl, dass ei­nen nie­mand wirk­lich sieht und man nicht über Pro­ble­me spre­chen kann. Al­so sind am En­de die El­tern an al­lem schuld? Es geht nicht dar­um, den El­tern Vor­wür­fe zu ma­chen. Son­dern dar­um, zu ver­ste­hen, war­um ich so bin. Wie war die Streit­kul­tur zu Hau­se? Was ist pas­siert, wenn ich hin­ge­fal­len bin? Ha­be ich ge­lernt, dass ich so tun muss, als wä­re al­les okay, da­mit sich nie­mand um mich küm­mern muss? Das gibt Aus­kunft dar­über, wie man mit den ei­ge­nen Ge­füh­len um­geht. Au­ßer­dem schaue ich mir aku­te Be­las­tungs­fak­to­ren an. Die kön­nen auch po­si­tiv sein: Hoch­zeit, Ba­by, Be­för­de­rung.

Al­les, was emo­tio­nal be­rührt. Dann er­ar­bei­te ich mit dem Pa­ti­en­ten ei­ne Be­die­nungs­an­lei­tung für sich selbst. Be­die­nungs­an­lei­tung klingt gut. Ge­lingt das denn meis­tens auch er­folg­reich in der an­ge­setz­ten The­ra­pie­zeit? In der Ver­hal­tens­the­ra­pie wer­den je nach Dia­gno­se 25, 45 oder 90 St­un­den ver­schrie­ben. Aber der Mensch ist kein Uhr­werk, und ein Psy­cho­lo­ge er­kennt, ob noch mehr Sit­zun­gen nö­tig sind. In die­ser Zeit sind aber sehr vie­le Pro­ble­me er­folg­reich zu be­han­deln. Kann man bei er­folg­rei­cher The­ra­pie nicht auch „süch­tig“nach dem Rat des Psy­cho­lo­gen wer­den? Das kann tat­säch­lich ein Fall­strick sein, aber es ist die Auf­ga­be des The­ra­peu­ten, ge­nau das zu ver­hin­dern. Es gilt: Dis­tanz klar­ma­chen und schau­en, dass kei­ne Ab­hän­gig­keit ent­steht. Wie wich­tig ist es, dass die Che­mie zwi­schen mir und mei­nem The­ra­peu­ten stimmt? Das ist so­gar ent­schei­dend da­für, ob ei­ne The­ra­pie er­folg­reich ist oder nicht. Al­le Stu­di­en deu­ten dar­auf hin, dass der wich­tigs­te Fak­tor für ei­ne er­folg­rei­che The­ra­pie ei­ne gu­te Be­zie­hung zwi­schen Pa­ti­ent und The­ra­peut ist. Al­so wä­re es das Bes­te, wenn Sie Ih­re Freun­de be­han­deln wür­den, weil Sie sich ja mö­gen? Nein, wich­tig ist ei­ne neu­tra­le Sicht­wei­se und eben kei­ne emo­tio­na­le Ver­wick­lung, wie es bei Freun­den oder Fa­mi­lie der Fall ist. Als Psy­cho­lo­gin de­cke ich den Ist-zu­stand auf und sa­ge: So ist die La­ge, es ist dei­ne Ent­schei­dung, die­se Kon­se­quen­zen gibt es. Als Freun­din ge­be ich Rat je­doch aus mei­ner Per­spek­ti­ve. Das wä­re falsch. Des­halb sind Freun­de auch nicht bei al­len Pro­ble­men die bes­ten Ge­sprächs­part­ner. Aber be­ur­teilt und be­rät man sein Um­feld als Psy­cho­lo­ge nicht oh­ne­hin an­ders? Klar, ein Ar­chi­tekt geht auch an­ders durch ei­ne Stadt. Ich bin ge­prägt durch mein Wis­sen und wer­de es nicht los, wenn ich mit mei­nen Freun­den zu­sam­men­sit­ze. Aber ich ha­be kei­ne Lust, für al­le die Psy­cho­lo­gin zu sein und viel wich­ti­ger: Ich bin ein Mensch und ha­be mei­ne Emo­tio­nen, die mich im Pri­va­ten be­ein­flus­sen. In­so­fern the­ra­pie­re ich da nicht her­um. Und noch ei­ne Kli­schee­fra­ge zum Schluss: Muss ich mich beim Psy­cho­lo­gen im­mer auf ei­ne Couch le­gen? Nee. Bei mir sitzt man auf ei­nem Stuhl.

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