Der Traum von ei­ner bes­se­ren Welt

Zwei Frau­en, ein Pro­jekt: mit­ten in der Stadt als Selbst­ver­sor­ger le­ben

Maxi (Germany) - - Inhalt - Text Wieb­ke brau­er

Wie ret­tet man un­se­ren Pla­ne­ten vor der Aus­beu­tung? Viel­leicht wie Ka­trin Schä­fer und Ste­fa­nie En­gel­brecht, die mit­ten in Ham­burg das Al­ter­na­tiv­pro­jekt „Mini­to­pia“grün­de­ten. Ein Ort, an dem je­der aus­pro­bie­ren kann, wie man be­wuss­ter lebt – und sich ne­ben­bei selbst ver­sorgt

Ein Schmet­ter­ling flat­tert hin­ter den bei­den Frau­en vor­bei, die aus­nahms­wei­se mal still sit­zen. Ei­ne Zuc­chi­ni­blü­te leuch­tet oran­ge­far­ben zwi­schen gro­ßen Blät­tern, ein Gü­ter­zug rat­tert in der Nä­he vor­bei. So al­so sieht der Traum von ei­ner bes­se­ren Welt aus. Die bei­den Frau­en auf der Gar­ten­bank, die die­ses Idyll ge­schaf­fen ha­ben, wir­ken nicht im Ge­rings­ten wie hys­te­ri­sche Welt­ver­bes­se­rin­nen. Oder wie wir­re Kräu­ter­he­xen, die ein biss­chen zu vie­le Pil­ze ge­raucht ha­ben. Ste­fa­nie En­gel­brecht wird „Stevie“ge­ru­fen und hat die Haa­re zum Kno­ten zu­sam­men­ge­zup­pelt – Ka­trin Schä­fer, die „Kä­the“ge­nannt wird, trägt Bril­le und Rin­gels­hirt, bei­de ha­ben Je­ans an. Nor­mal eben. Nur das, was die zwei hier auf dem Ge­län­de in­ner­halb ei­nes hal­ben Jah­res ge­schaf­fen ha­ben, das ist nicht nor­mal.

Das Ge­län­de liegt im Sü­den von Ham­burg, im Stadt­teil Wil­helms­burg, der größ­ten Elb­in­sel Deutsch­lands. Klingt pit­to­resk, ist es aber nicht. In dem Vier­tel na­he dem Ha­fen sit­zen Raf­fi­ne­ri­en und Be­trie­be der Pe­tro­che­mie, der Bo­den ist be­las­tet. Wil­helms­burg, das sind Wie­sen und Wei­den, so­zia­ler Woh­nungs­bau und In­dus­trie. Aber es tut sich was. Stu­den­ten zie­hen her, Fes­ti­vals fin­den statt – und seit An­fang des Jah­res gibt es „Mini­to­pia“. Das be­steht aus ei­ner 200 Qua­drat­me­ter gro­ßen Hal­le, 60 Qua­drat­me­ter Werk­statt und 1000 Qua­drat­me­ter Gar­ten. Na ja, Gar­ten. Auf der Flä­che ste­hen Bau­krä­ne zwi­schen den ho­hen Bir­ken, la­gern al­te Au­to­rei­fen und ros­ti­ges Alt­me­tall. Aber es gibt eben auch Hoch­bee­te, in de­nen Man­gold, Ro­te Be­te und Boh­nen wach­sen. Und was ist „Mini­to­pia“ge­nau? Kä­the zieht ein Knie un­ter das Kinn und er­klärt: „Wir sa­gen ja im­mer, dass es ei­ne Platt­form ist. Ei­ne Keim­zel­le und ein Spiel­platz ur­ba­ner Selbst­ver­sor­gung. Wir möch­ten her­aus­fin­den, in­wie­weit man sich in ei­ner Stadt selbst ver­sor­gen kann.“Klingt rät­sel­haft. Kon­kret steckt hin­ter die­sen Sät­zen, dass hier ge­gärt­nert wird, ge­schrei­nert und re­cy­celt. Wer sich ein Bett bau­en möch­te, kann mit sei­nem Holz hier­her­kom­men und die Kreis­sä­ge be­nut­zen. Wer mehr über Kräu­ter wis­sen will, kann ei­ne Füh­rung mit­ma­chen. Gera­de ist ei­ne Schul­klas­se hier und holt ei­nen Bau­wa­gen ab, den sie um­ge­baut hat. Er wird in ih­rer Schu­le ste­hen – als ei­ne Art Frie­dens­bau­wa­gen, in dem man sich wie­der ver­trägt, wenn es Krach gibt. „Mini­to­pia“ist ein Platz, wo ein Mäd­chen mit Kopf­tuch an der Kreis­sä­ge steht, je­mand mit fus­se­li­gem Bart Un­kraut zupft und ein jun­ger Typ mit Zopf an So­fas vor­bei zu ei­nem Tre­sen geht, um sich ei­nen Kaf­fee zu ho­len. Ei­ne Scha­le mit Früch­ten steht auf der The­ke, an der Wand hän­gen quietsch­bun­te Col­la­gen. „Mini­to­pia“ist fried­lich und ge­schäf­tig zu­gleich. Vor acht Mo­na­ten war hier nichts au­ßer ei­nem Grund­stück voll ros­ti­gem Schrott und zä­hen Brom­beer­ran­ken. Dann ka­men Kä­the und Stevie und räum­ten auf. „Wir sind bei­de zum Glück

ver­rückt ge­nug, um so was zu ma­chen“, sagt Kä­the und rückt ih­re Bril­le zu­recht. Zu Be­ginn mo­bi­li­sier­ten die bei­den ih­ren Freun­des­kreis, such­ten Hel­fer, trie­ben Geld von Stif­tun­gen auf. Kei­ne ein­fa­che Sa­che, denn oh­ne et­was Vor­zeig­ba­res be­kommt man kei­ne För­der­gel­der und oh­ne För­der­gel­der nichts Vor­zeig­ba­res. Ein Teu­fels­kreis. Aber Non-pro­fit-pro­jek­te und Fund­rai­sing sind für die bei­den kei­ne Fremd­wör­ter, das ge­hör­te vor „Mini­to­pia“zu ih­rem Job. Zu­vor hat Stevie Ju­ra stu­diert, Kä­the an­ge­wand­te Kul­tur­wis­sen­schaf­ten. Ken­nen­ge­lernt ha­ben sie sich vor sie­ben Jah­ren bei ei­nem Cha­ri­ty­pro­jekt, für das sie ar­bei­te­ten. Kä­the er­zählt: „Ir­gend­wann kam Stevie mit dem Kon­zept und sag­te: ,Hier, Kä­the, ich möch­te das jetzt ma­chen, aber nur mit dir.‘“Ein ei­ge­nes Pro­jekt, so ganz re­al und ganz im Klei­nen. „Das ist für mich die ein­zi­ge Lö­sung, die wir noch ha­ben, um die­sen Pla­ne­ten zu ret­ten“, er­klärt Stevie. Sie re­det schnell und be­stimmt, die Frau hat so viel Ener­gie wie die Son­ne. „Mein Weg sieht so aus, dass man das auf­bau­en muss, was man ha­ben möch­te. Und nicht das be­kämp­fen, was man nicht mehr möch­te. Wir fra­gen uns doch al­le, was man als ein­zel­ner Mensch ei­gent­lich ma­chen kann.“ Al­ler­dings fragt man sich das. Ob man wie Stevie sie­ben Tage die Wo­che hier ar­bei­ten will, oh­ne ei­nen Cent zu ver­die­nen, fragt man sich aber auch. Und ob man, wie Kä­the so­fort be­kräf­tigt, um je­den Preis da­bei ist, eben­falls. Im­mer­hin hat die 33-Jäh­ri­ge ei­ne zwei­jäh­ri­ge Toch­ter – Pri­vat­le­ben und ein Pro­jekt wie die­ses ver­tra­gen sich schlecht. Aber of­fen­bar funk­tio­niert bei­des mit­ein­an­der. Stevie als Mo­tor, Kä­the als ord­nen­des Ele­ment, die Freund­schaft als Band. Ob das nur Frau­en so hin­krie­gen? Stevie ver­schränkt die Ar­me. „Ich glau­be an Frau­en­power. Ich glau­be, die Frau­en müs­sen jetzt ran.“Mit li­la Latz­ho­sen hat das we­nig zu tun. „Ich sa­ge nicht, dass Frau­en die Macht über­neh­men müs­sen. Ich sa­ge nur, dass man al­le Qua­li­tä­ten von Frau­en und Män­nern gleich­be­rech­tigt nut­zen soll­te.“Ob­wohl das, was Stevie und Kä­the ma­chen, hoch­po­li­tisch ist, sind sie kei­ne Mis­sio­na­rin­nen. Kä­the sagt: „Wir wol­len nie­man­dem Vor­schrif­ten ma­chen. Das Be­wusst­sein kommt von ganz al­lein. Wenn man sich ge­dank­lich mit Kon­sum aus­ein­an­der­setzt, kommt man da­von weg, das bil­ligs­te Pro­dukt zu kau­fen.“Stevie fügt hin­zu: „Ich fin­de es wich­tig, sich kei­nen Stress zu ma­chen. Und es geht ums Aus­pro­bie­ren. Klei­nig­kei­ten ma­chen ei­nen Un­ter­schied.“Sie er­zählt, dass sie sich mit Oli­ven­sei­fe die Zäh­ne putzt und statt Wasch­mit­tel Kas­ta­ni­en be­nutzt, die sie im Herbst sam­melt. „Das geht echt!“, sagt sie und grinst. „Nur bei Fett­fle­cken nicht.“Be­son­ders reiz­voll ist die Vor­stel­lung nicht, mit Kas­ta­ni­en zu wa­schen, aber viel­leicht nur, weil man es nicht kennt. Üb­ri­gens: So ganz auf al­les ver­zich­ten, das geht auch nicht. Selbst dann nicht, wenn man mit Su­per­kräf­ten die Welt ret­tet. Stevie wür­de nicht im Traum dar­an den­ken, auf ih­re Milch im Kaf­fee zu ver­zich­ten, Kä­the liebt das Meer und das Rei­sen. Und von ei­nem träu­men sie bei­de: von Frei­zeit, dem ab­so­lu­ten Lu­xus, von Pri­vat­sphä­re und Stil­le. „Mini­to­pia“ist laut. Stän­dig wird dis­ku­tiert, in­for­miert, ge­häm­mert und ge­sägt. Nach Frei­zeit sieht es in den nächs­ten Mo­na­ten al­ler­dings nicht aus, wenn man sich die Plä­ne der bei­den an­hört. Ei­ne Son­nen­ter­ras­se fehlt noch, ein Teich soll an­ge­legt wer­den und ein Ate­lier ent­ste­hen. Im Au­gust fin­det ein „Gre­en Din­ner“statt: Für sechs Aben­de öff­net ein Pop-up-re­stau­rant für et­wa 20 Gäs­te, es wird köst­lich ge­kocht, hof­fent­lich ist das Wet­ter gut. Und was ma­chen die bei­den in zehn Jah­ren? Stevie und Kä­the schau­en sich rat­los an. „So weit kann ich nicht pla­nen“, sagt Stevie. Ei­ne Vi­si­on hat sie trotz­dem. „,Mini­to­pia‘ auf der gan­zen Welt! Ich wün­sche mir, dass über­all Leu­te zu­sam­men­kom­men, ihr Wis­sen und ih­re Res­sour­cen tei­len – dass das, was wir im Klei­nen ma­chen, sich aus­brei­tet.“Dann steht sie auf und eilt da­von, weil wie­der was er­le­digt wer­den muss. Auch Kä­the guckt auf die Uhr. Viel­leicht schreibt sie Stevie heu­te noch ei­ne To-do-lis­te, wie so oft. In „Mini­to­pia“kann man viel ler­nen. Über das Gärt­nern, über so­zia­les En­ga­ge­ment und Me­tall­bau, aber vor al­lem et­was über Ver­bun­den­heit. Und was ei­ne Freund­schaft in der Welt so al­les be­we­gen kann.

Hel­din­nen müs­sen nicht im­mer Ca­pes und Stie­fel tra­gen! Ste­fa­nie („Stevie“, li.) En­gel­brecht und Ka­trin („Kä­the“) Schä­fer tra­gen lie­ber Je­ans und gu­te Lau­ne

Hier kommt nix weg: Als Pflan­zen­kü­bel kann al­les zweck­ent­frem­det wer­den – auch Au­to­rei­fen

An­ge­pflanzt wird hier je­de Men­ge – jetzt nur noch „bee­ten“, dass die Son­ne ih­ren Bei­trag leis­tet

In die­sem „Kin­der­gar­ten“wach­sen Obst und Ge­mü­se in al­ler Ru­he vor sich hin …

in Klein“„Gro­ße Vi­si­on Pro­jekt das ist das Ham­bur­gin „Mini­to­pia“Wil­helms­burg

Platz für ide­en Die Räu­me im „Mini­to­pia“kann man auch für Ver­an­stal­tun­gen mie­ten. Das Prin­zip: Ist der Ein­tritt kos­ten­los, ist auch der Raum um­sonst. Nimmt man Geld für den Event, gibt man et­was da­von an „Mini­to­pia“ab.

an der Bar ist’s auch nett Wer sich zwi­schen Gärt­nern, Sä­gen oder Krea­tiv­sein ein biss­chen aus­ru­hen möch­te, kommt zur Haus­bar

zwei frau­en, ei­ne vi­si­on Erst wa­ren sie Freun­din­nen, dann Pro­jekt-part­ne­rin­nen: Stevie und Kä­the im Ge­spräch mit Au­to­rin Wieb­ke Brau­er (rechts).

spu­ren im pa­ra­dies Wer im „Mini­to­pia“er­folg­reich ge­gärt­nert oder ge­schrei­nert hat, kann ei­ne klei­ne Dan­kes­bot­schaft hin­ter­las­sen.

ers­te hil­fe Wenn man kei­ne Ah­nung vom Be­ackern ei­nes Bee­tes hat – auch kein Pro­blem! Ein Blick ins Bü­cher­re­gal bringt Hob­by-gärt­ner & -Bast­ler auf Kurs.

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